Wohin gehst du, HIPPOLOGICA?


Wohin gehst du, HIPPOLOGICA?

 

Berlin (jph) Allen Unkenrufen zum Trotz scheint die HIPPOLOGICA noch zu leben. Jedenfalls war das der Eindruck an den Tagen zwei bis vier. Bereits am Freitag war es ab dem Nachmittag recht gut gefüllt. Springwettbewerb und Hengstpräsentation  am Abend erhielten eine große Aufmerksamkeit. Schon am Freitag zeigte sich ein gewisser Sogeffekt. Nämlich immer dann, wen im HIPPODROM ein neues Highlight begann, leerten sich die Gänge zwischen den Verkaufsständen. Offensichtlich gibt es eine Wechselwirkung zwischen Show und Shopping, die bei Showbeginn zu Ungunsten der Aussteller ausfällt. Übersetzt kann man sagen, dass die Reiter und Fahrer den Verkäufern temporär die Kunden wegnahmen. Das kommt natürlich nur zum Tragen, wenn sich die Zahl der Kaufrauschgeschädigten in Grenzen hält. Spätestens am Sonntag war es dann egal, ob man shoppen oder nur gucken wollte.

Wobei das Gucken mit Sicherheit leichter zu bewerkstelligen war als das Shoppen. Fast allerorten dem IKEA-Prinzip folgend, mussten sich die Besucher durch einen einzigen Gang aneinander vorbei pressen. Man sah sich also immer zweimal auf der Messe-mindestens. Sicher werden die Verantwortlichen den Aufbau mit Plan und Geschick ausgetüftelt haben, für Kaufinteressenten indes ist ein überfüllter Gang nicht geeignet. Zumal der anspruchsvolle Reiter und vor allem die anspruchsvolle Reiterin (und davon gibt es auch in Brandenburg und Berlin reichlich) gerne etwas verweilt und begutachtet/anprobiert, bevor er/sie zuschlägt. Das war am Wochenende nur vormittags möglich. Den Anbietern von Schüttwaren wird dies ziemlich egal sein, aber den Verkäufern hochwertiger Produkte und Markenwaren ist eine niveauvolle und kompetente Beratung auch auf der Messe ebenso wichtig wie der Umsatz. Dazu kommen ja auch noch die netten aber unvermeidlichen Boys und Girls vom ADAC. Die neuen Bundesländer scheinen noch immer etwas mit den Mitgliederzahlen hinterher zu hängen. Auch in Sachen Massagekissen und Gartenscheren scheint es noch Nachholbedarf zu geben.

Zum HIPPODROM: Sound und Beleuchtung kommen in allerbester Qualität daher. Die Halle 25 war durch die geschmückten Wände und Tribünen der auffallendste Teil der HIPPO; und der, in dem man sich wohl fühlen konnte; auch wenn keine Wettbewerbe oder Showeinlagen auf dem Plan standen. Licht und Ton waren nie unangenehm oder aufdringlich. Das brachte einen gewissen Erholungseffekt mit sich. Man kann zu Wettbewerbszeiten auch von einer tollen Atmosphäre sprechen. Sollte sich die HIPPO strategisch mehr in Richtung Wettbewerb ausrichten, was durchaus zu empfehlen ist, wäre eine weitere Tribüne gegenüber dem Admin-Gebäude angebracht. Und an die blaue Wand mit den ideellen Trägern der Messe und den Kooperationspartnern, wie es so schön heißt, gehört nicht nur ein Wappen des Landesverbandes und der großen Pferdezeitung, sondern für die Zuschauer vor allem eine vernünftige Anzeigetafel, auf der die Daten der Starter, der drei Bestplatzierten und die Zeiten mit Fehlern zu lesen sind. Wenn so etwas in Pausin mit einem im Vergleich zur HIPPO eher kleinen Etat geht, wird es unter dem Funkturm wohl auch möglich sein. Die Zuschauer auf den vollen Rängen und die Regio-Stars aus fünf Bundesländern haben das ganz bestimmt verdient. Zumal beispielsweise die Ergebnisse der Wettbewerbe vom Samstag auf fn-neon erst am übernächsten Tag zu lesen waren.

Allenthalben hörte man von den Reitern, dass sie mit ihren Teilnahmen an den Wettbewerben die HIPPOLOGICA am Leben erhalten. Dieser Ansicht kann man sich als Beobachter nur schwer verschließen. Und wer dann auch noch den ganzen Tag mit seinen Tieren auf der Messe verweilte, hatte am Abend bei einem Kaffeepreis von 2,70 Euro, einem Pfefferminztee für 3,50 Euro und einer Pizza für 10,- Euro schnell die Grenze des Erträglichen erreicht. Vielleicht sind die Reiter auch nur vom brandenburgischen Reitturnierkaffeepreisdurchschnitt von knapp unter einem Euro verwöhnt. In Neustadt/Dosse beim amtlich Aufsehen erregenden Schaufenster der Besten kostete ein Kaffee auf jeden Fall nur 1,50 Euro im vollen Becher. Und das war der beobachtete Höchstpreis. Anlass zum Klagen gab es bei Reiters, die selbstredend nie zufrieden sind, auch in Sachen Boden. Sehr schön anzusehen und regelmäßig aufwendig nachgepflegt wurde des Öfteren der zu geringe Feuchtegehalt beklagt. Zur Verteidigung des Bodenbauers muss man allerdings sagen, dass in den Pausen jeweils Litermengen im vierstelligen Bereich aufgebracht wurden. Und die Art der Ausführung war eine Auftragsarbeit.

HIPPOFORUM Halle 24: Das Hippoforum war an allen Tagen mit einem anspruchsvollen und bemerkenswert informativen Programm gefüllt. Und auch wenn fast immer ein wenig Eigenwerbung der Referenten dabei ist, so sind die Vorträge ein unentbehrlicher Bestandteil des niveauvollen Teils der HIPPO. Leider reihten nicht bei allen Terminen die Stuhlmengen aus, sodass oftmals Interessenten wieder gingen oder sich auf die Erde setzten. Ein kleiner Blick vom Info-Stand der Messe zum etwa zehn Meter entfernten Forum hätte gereicht, um dem Notstand zu begegnen. Und wenn der Sound nicht so animalisch laut und schrill daher gekommen wäre, hätten sich wahrscheinlich noch mehr Menschen für das angebotene Fachwissen interessiert. Eine kleine Einstellung vom Tontechniker zu jedem Vortragsbeginn hätte an ein Wunder grenzen können.

Die anderen Hallen: Strom sparen war angesagt in den restlichen Hallen. Spärliche Beleuchtung überall, was das Verweilen am Zucht- und Ausbildungsring in Halle 23 und am Western- und Freizeitring in Halle 21 zu einem anstrengenden Erlebnis machte. Licht für Menschen kam nur von den immer spärlicher aufgestellten Ständen, je weiter man sich vom HIPPODROM entfernte. Die jungen Damen, die mit ihren Smartphones ein paar Erinnerungsfotos knipsen wollten, hatten schlechte Karten für gute Aufnahmen. Es machte zu manchen Zeiten auch den Eindruck, als wenn sich die Referenten selbst nicht wirklich wohl fühlten. Nur selten füllten sich die ohnehin kleinen Tribünen mit nennenswerten Zuschauerzahlen. Die netten Damen am Saloon bei den Westernreitern taten einem schon richtig leid; wie sie meist einsam unter dem etwas lieblos zusammen geschraubten Holzbau standen. Vielleicht lag es ja auch an der Musik, die nur selten für ein wenig Stimmung sorgte. Von den Westernreitern ist man eigentlich wesentlich mehr Spirit gewohnt; Potenzial für Verbesserungen ist vorhanden. Und eine Messe ohne Bullenreiten geht ebenso wenig wie ein S**-Springen in der Halle ohne vernünftige Anzeigentafel.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu den Erwartungshaltungen: Für alle Schnäppchenjäger war es sicher eine gelungene Messe, die jedem schottischen Pferdesportler den Glanz in die Augen getrieben hätte. Allerdings war auch nur ein namhafter Verkäufer des unteren und mittleren Preissegments anwesend. Für den anspruchsvollen Messebesucher mit Kaufambitionen gab es nur wenige Möglichkeiten, um sein exklusives Hobby durch Erwerb nach außen tragen und zeigen zu können. Dazu fehlten einfach die Premium-Marken; auch wenn sie sporadisch im Sortiment einiger  Geschäfte enthalten waren. Der wissbegierige Pferdenarr hatte ausreichend Möglichkeiten, um Bildungshunger und Wissensdurst in den Griff zu bekommen. Programmpunkte zu den verschiedenen Themen wurden reichlich angeboten. Das Ambiente ließ aber oft keine Entspannung zu. Wer auf der HIPPOLOGICA Neuheiten oder Innovationen suchte, wurde nicht glücklich. Mit Pseudo-Innovationen wurde das Publikum allerdings gerne gelockt. Wer als Pferdefreund einfach nur mal ein wenig gucken und schlendern wollte oder wer etwas für das Auge suchte, wurde auf der HIPPO auf nahezu ganzer Linie bitter enttäuscht. An unzureichend wenigen Orten hatte man das Gefühl, einem exklusiven Hobby zu frönen, dass nicht nur für Freunde des Reitsports in jeder Sekunde weit mehr ist, als ein ganzes Finalspiel bei der Fußball-WM. Stil und Ambiente, Anspruch und Niveau waren auf der HIPPOLOGICA bis auf sehr wenige Ausnahmen nur zu Hause, wenn die Sieger und Platzierten der Turniere geehrt wurden. Und auch da hätte mehr Interaktion mit dem Publikum gut getan.

Am Schluss bleibt festzuhalten: Wohin die Reise der HIPPO geht, ist so lange ungewiss, bis sich Organisatoren, „ideelle Träger und Kooperationspartner“ , Aussteller und Sponsoren zusammen tun, um eine gesunde Mischung aus Ramsch und Rausch, aus Niveau und Nihilismus, aus Sport und Spaß und aus Anstand und Fairness zu erreichen. Dann kann das Ruder vielleicht noch einmal herum gerissen werden. Aus heutiger Sicht steuert die HIPPOLOGICA unter vollen Segeln auf eine Klippe zu. Und an Bord stehen die Offiziere und klopfen sich auf die Schultern.