"Wir sind geboren, um zu leben..."-Halalis größter Sieg


Halalis größter Sieg

 

Im Juli gewann er das renommierte Mariendorfer Buddenbrock-Rennen – und auch wenn es beim Derby nicht mit einem Sieg geklappt hat, so war der dreijährige Hengst Halali beim wichtigsten deutschen Trabrennen der Saison 2011 doch der erklärte Liebling des Berliner Publikums. Der absolute Schatz seines Stallteams, des norddeutschen Gestüts Brammerau, ist er sowieso. Aber was viele nicht wissen: Vor wenigen Wochen gewann Halali einen Kampf, der viel wichtiger als jedes hochdotierte Zuchtrennen war: Den Kampf um sein eigenes Leben.

Der Hintergrund: Der Traber, den sein Besitzerehepaar Karin und Ulrich Mommert und alle Mitarbeiter des Gestüts aufgrund seines grauen Fells stets Clooney nennen, wurde am 17. Oktober in der  Tierärztlichen Hochschule Hannover einer MRT-Untersuchung zur Abklärung einer Wucherung am rechten Sprunggelenk unterzogen. Diese Maßnahme erfolgte in Vollnarkose und nahm einen dramatischen Verlauf. Denn in der Aufstehphase unmittelbar nach der Untersuchung ergab sich eine lebensbedrohliche Komplikation: Halalis gesamte Hinterhand war gelähmt.

Nach dem alarmierenden Anruf seines behandelnden Doktors („Es wäre wohl besser, wenn Sie kommen, es sieht nicht gut aus.“) fuhren Halalis Pfleger Thorsten Lebang und seine Besitzerin Karin Walter-Mommert bangen Herzens nach Hannover, um sich dort vor Ort ein Bild zu verschaffen. Den Anblick ihres im Krannetz taumelnden Pferdes und die hoffnungslosen Gesichter der Ärzte und Professoren werden Beide wohl nie vergessen.

Denn während Halalis Hinterbeine aufgrund der Lähmung völlig regungslos waren, trommelte der Hengst mit seiner Vorderhand in panischer Angst wie wild gegen die zweieinhalb Meter hohen Wände der Narkosebox. Und ein unausgesprochener, furchtbarer Satz schien drohend in der Luft zu hängen: das Todesurteil. Nicht nur der Pfleger und die Besitzerin, sondern auch alle Ärzte waren tief betroffen. Der Kampf schien verloren. Aber nach einer sehr intensiv geführten Diskussion wurde beschlossen, Halali eine 48-stündige Frist zu geben. Thorsten Lebang und Karin Walter-Mommert blieben natürlich vor Ort und sie bekamen sogar die Ausnahmegenehmigung, auch während der Nacht in der Nähe ihres Lieblings zu bleiben. Drei Ärzte betreuten Halali rund um die Uhr, jonglierten mit Infusionsschläuchen, schwerem Kopflederhalfter, der Führungsleine und dem Kran, der das Pferd morgens um zwei Uhr bei seinen Aufstehversuchen unterstützte.

Die erste Hoffnung keimte auf: Halali hatte sich durch die Anwesenheit der ihm bekannten Menschen etwas beruhigt und gab mit allem, was er zur Verfügung hatte zu verstehen, dass er leben will. Der Hengst war klitschnass nach den Aufstehversuchen, wurde abgetrocknet, motiviert, ständig wurden seine Blutwerte kontrolliert, Infusionen gegeben. Und die Türen seiner Narkosebox wurden entgegen jeglicher Klinikroutine ein wenig geöffnet, um dem Frischluftfanatiker Halali zu beweisen, dass die Welt da draußen tatsächlich noch existiert. Der Hengst begann tief durchatmen und es geschah, was niemand erwartet hätte: Am nächsten Tag gelang es Halali, bereits drei Minuten am Stück zu stehen.

Das kleine Licht am Horizont – es war wieder da  und alle klammerten sich daran fest. Halalis Pfleger Thorsten Lebang hatte auf dem Gelände der Hochschule tütenweise frisches Gras gerupft und die Hoffnung wuchs enorm, als Halali endlich die ersten aus Brammerau mitgebrachten „Zuhause-Leckerlies“ fraß. Der Hengst kämpfte um sein Überleben und um jede Sekunde, die er länger stehen konnte, wie ein Bär. Seine Augen bekamen langsam, aber sicher wieder den Glanz zurück. Und sie strahlten Halalis Ahnung und seine Gewissheit aus – so als ob er allen Menschen sagen wollte: Ich habe eine Koppel daheim und dorthin will ich zurück!

Mittlerweile wusste jeder Mitarbeiter in der Klinik über das Rennpferd Bescheid. Der Fall hatte sich überall herumgesprochen und nach der durchwachten Nacht wurden Halalis Besitzerin und Pfleger von wildfremden Menschen an der Box mit einem freudigen „Jetzt stand er schon fünfzehn Minuten lang aufrecht“ begrüßt. Auch die Ärzte und Doktoren strahlten ein vorsichtiges Aufatmen aus. Hoffnung wehte über der Box und man entschloss sich, Halali aus dem Netz des Krans zu befreien. Ein klares Signal für den Hengst, seine Anstrengungen noch weiter zu verstärken und die ersten, noch unbeholfenen und unkoordinierten Schritte zu wagen. Völlig erschöpft und dennoch in der Pose eines Siegers, genoss Halali danach die Streicheleinheiten seines Pflegers und ein Raunen ging durch die Klinik : „Der Schimmel geht wieder.“

Endgültig wieder auf den eigenen Beinen, wenn auch noch etwas unsicher – so präsentierte sich Halali vierzehn Tage später, als ihn Karin Walter-Mommert, Birte Stamp und Thorsten Lebang aus der Klinik mit heim nehmen durften. Für die Besitzerin, ihren Gatten Uli, den Pfleger und das ganze Team vom Gestüt Brammerau war es der größte Sieg – viel wichtiger als jeder bisher auf der Rennbahn erzielte Erfolg. „Unsere medizinische Kunst alleine hätte ihn nicht retten können, wenn der Hengst nicht solch einen Willen gehabt hätte und das Wissen in sich, dass Menschen um ihn sind, die ihn lieben und auf ihn warten.“  Bei diesen Worten des Ärzteteams Hannover fing Halali zum Abschied an zu nicken.

„Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, ob unser Clooney eines Tages auch auf der Rennbahn wieder ganz der Alte sein wird. Aber das ist uns völlig egal. Nur eines ist wichtig – und das hat er uns mit seinem unbändigen Kämpferherz aufgezeigt: Clooney wurde geboren, um zu leben. Wenn er sich nun sogar wieder auf der Koppel wälzt und seine ganze Freude und Lebenskraft versprüht, dann spüren wir: Danke, Clooney – Du hast uns viel gelehrt – sei von Herzen bedankt!“, so das Resümee der gesamten Brammerauer Mannschaft und des Besitzerehepaares.


Foto: Halali mit dem Weltrekordler Heinz Wewering im Sulky (Copyright H. Lingk)