Trabrennen in Mariendorf am 26. Mai 2013: Stall Preussen bläst zur Derby-Attacke

 

Thorsten Tietz führt den dreijährigen Hengst Theodor Fontane zu einem spektakulären Debüt. Michael Nimczyk hält mit dem ebenfalls für das Blaue Band genannten Jauß-Traber Easy Lover dagegen.  

Ein Rennen für noch wenig routinierte Pferde wird zumeist als Anfängerklasse bezeichnet. Im Bahnjargon greifen manche gar zu dem – wenn auch nicht wirklich abschätzig gemeinten – Begriff „Hammelrennen“, der das Bild einer sich nur langsam vorwärts bewegenden Herde von Schafen suggeriert. Eine völlig unzutreffende Assoziation – denn bei der Mariendorfer Montagveranstaltung wurde das Rennen der Gewinnsummenklasse bis 900 Euro zum absoluten Top-Act des Tages.

Denn das Aufeinandertreffen der noch unerfahrenen Pferde war ein mit Spannung erwarteter Traber-Krimi, tummelten sich hier doch nicht weniger als vier für das Derby genannte Dreijährige im Feld. Stall Preussen vor Stall Föllmer – so lautete am Ende das aus Berliner Sicht hocherfreuliche Resultat. Nach einem Rennen in der Außenspur kämpfte sich der von Thorsten Tietz präsentierte Theodor Fontane für die Farben von Hans-Joachim und Nicole Kleemann mit zwei Längen Vorsprung an der von Maik Esper trainierten und gefahrenen Föllmer-Stute Donna Kievitshof vorbei, die das Rennen nach einem Blitzstart bis einhundertfünfzig Meter vor dem Pfosten dominiert hatte.

Beim Blick auf die Kilometerzeit staunte der Zielrichter nicht schlecht. Bei seinem Karrieredebüt hatte Theodor Fontane auf der 1.900-Meter-Strecke den stolzen Schnitt von 1:16,9 min. erzielt. Nach dieser tollen Leistung kann das Stallteam des Hengstes den kommenden Großereignissen gespannt entgegenschauen. Hans-Joachim Kleemann: „Wir haben ein Engagement im Buddenbrock-Hauptlauf fest in der Planung!“ Es ist durchaus denkbar, dass der als rechter Bruder von Preußenstolz (62.619 Euro Gewinnsumme) besonders empfohlene Theodor Fontane tatsächlich seinen Weg im Jahrgang machen wird. Und für die Familie Föllmer gilt ähnlicher Optimismus: Der bravouröse zweite Platz von Donna Kievitshof war alles andere als eine Niederlage – er war ein Wechsel auf die Zukunft.

Die beiden neuen Berliner Hoffnungsträger waren aber nicht die einzigen Dreijährigen mit Derby-Nennung, die an dem kurzweiligen Mariendorfer Abend für Furore sorgten. Denn in der Gewinnsummenklasse bis 7.500 Euro ging ein weiterer Aspirant für den Kampf um das Blaue Band an den Start. Der von Michael Nimczyk gesteuerte Easy Lover trumpfte unter Einstellung seiner eigenen Rekordmarke in 16,5/1.900m auf. Der aus der Easy Way SL (107.430 Euro) stammende Hengst des Rennstalls Marion Jauß kennt keinerlei Unsicherheiten und rechtfertigte die hohen Einschätzungen seines Teams in grandioser Manier. Denn Easy Lover rang mit seinem Angriff auf der Schlusshalben sogar eine 10:10-Favoritin nieder: Der von Heinz Wewering gesteuerten New Generation blieb nur der zweite Platz. Das war für die Nuke-it-Linsay-Tochter allerdings keine wirkliche Schlappe, denn sie hatte unterwegs an der Spitze einigen Druck abbekommen.

Heinz Wewering hielt sich für diese Niederlage mit einem Erfolg durch Abano Boy schadlos. Ein fast schon logisches Resultat, denn beim Blick auf die Papierform des vorbildlich zuverlässigen Hengstes war es ohnehin kaum zu glauben, dass der Dunkelbraune sechsmal hintereinander nicht mehr auf die Ehrenrunde gegangen war. Diesmal lief Abano Boy wieder zu gewohnter Klasse auf. Der Hengst übernahm im ersten Bogen das Kommando und legte in der Tagesbestzeit von 16,1/1.900m noch locker eine Schippe drauf, als sich das Feld dreihundert Meter vor dem Ziel zusammenballte. Mit einem trockenen Endspurt lief der Siebenjährige drei Längen Vorsprung auf seine Verfolger heraus.

Eine spektakulär höhere Ausschüttung als die 19:10 für Abano Boys Sieg gab es für den sensationellen Erfolg, den Klaus Daust mit Karisma Diamant erzielte. Die krass unterschätzte Stute aus dem Stall von Carola Reckzeh verursachte bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ein gewaltiges Beben am Wettmarkt. Im Januar hatte die Siebenjährige das Publikum und die Fachpresse schon einmal für Toto 716:10 überrascht. Diesmal schlug Karisma Diamant für geradezu gigantische 975:10 zu. Die Braune ging auf der Meilenstrecke sofort nach vorne und obwohl Arran Stardust (Dennis Spangenberg) das gesamte Rennen wie ein Schatten an der Pilotin klebte, kam der Angreifer an der jederzeit souveränen Außenseiterin einfach nicht vorbei.

Vor seinem Triumph mit dem schon erwähnten Theodor Fontane hatte Thorsten Tietz bereits mit Spicy A. gepunktet und avancierte damit zum einzigen Doppelsieger der Veranstaltung. Der Hengst stürmte ausgangs des Bogens mit aller Macht an Vulkan (Daniel Wagner) vorbei nach vorne und steckte diesen Kraftakt völlig problemlos weg, denn auf den letzten Metern des Rennens wurden seine Schritte sogar noch länger. Der Vierjährige gewann in 16,9/1.900m drückend überlegen, dahinter kämpfte sich der für das Derby genannte und keineswegs enttäuschende Most Wanted As (Michael Schmid) für das zweite Geld noch knapp an Vulkan vorbei.

Das einzige Bänderstartrennen des Abends wäre beinahe zur Beute von Saddlers Titan geworden – denn seine Fahrerin Josephine Schiller nutzte ihre 20-Meter-Erlaubnis kaltblütig aus. Im Einlauf ging aber doch noch einer der Gegner vorbei. Nämlich Pretty Ripped, der mit seinem Trainer Daniel Wagner im Sulky unterwegs stets an vierter Position gelegen hatte. Der Fritz-Brandt-Sieger, der in seiner neuen Berliner Heimat innerhalb weniger Wochen bereits über 15.000 Euro Preisgeld erkämpft hat, machte die notwendigen Reserven spielerisch frei.

Acht Starts und vier Siege – so lautet aktuell die vorzügliche Bilanz von Chatain, der mit jedem Tag besser zu werden scheint. Obwohl Buffet Newport (Michael Nimczyk) ein strammes Tempo an der Spitze vorgelegt hatte, agierte der von Dennis Spangenberg präsentierte Love-You-Sohn völlig unbeeindruckt. Zunächst noch unauffällig, kam Chatain auf der Gegenseite immer besser ins Bild und im Einlauf sprintete der vierjährige Sohn des Spitzenvererbers Love You grußlos am Piloten vorbei.

Aufgrund seiner noch geringen Gewinnsumme ging Rock of Gibraltar diesmal vom Startplatz eins aus ins Rennen. Doch diese Ausgangslage wird sich für den Hengst mit einem stetigen monetären Zuwachs wohl schon bald ändern, denn der vierjährige Hengst will offenbar ein deutliches Wort im Trabrenngeschehen mitreden. Nach einem unauffälligem Verlauf war Rock auf Gibraltar genau auf den Punkt bereit, als es ernst wurde und flog auf den letzten zweihundert Metern mit mächtigem Speed an den Konkurrenten vorbei. Sein Trainer und Fahrer Maik Esper hat den Reado-Sohn prächtig auf den Weg gebracht.

Die von ihrem Besitzer Andreas Marx gesteuerte Just Like You fand nach dem Start an die Idealposition an vierter Stelle außen, verlor dann aber schon auf der Tribünengeraden ihr Führpferd und musste sich das Rennen in der zweiten Spur selber gestalten. Die Stute, die über viel Grundschnelligkeit verfügt, aber sich das Leben oftmals durch Fehler schwer macht, zeigte sich der Aufgabe dennoch gewachsen. Just Like You glänzte mit einem langgezogenen Schlussspurt und erzielte ihren längst verdienten ersten Saisonerfolg zur Siegquote von 110:10.

Obwohl sie nur selten absolute Topfavoriten lenkt, sollte man Claudia Westphal niemals unterschätzen. Die Amazone unterstrich ihre fahrerische Topform durch einen Volltreffer mit Höwings Pothos Z. Obwohl die Stute des Berliner Besitzers Mike Dwornicki das komplette Rennen in der Außenspur bestreiten musste, konnten die Kontrahenten der Finishkraft der Sechsjährigen nichts Gleichwertiges entgegensetzen. Höwings Potthos Z verabschiedete sich auf der Zielgeraden mit neun Längen Vorsprung.        

Gesamtumsatz: 80.656,36 Euro – Bahnumsatz: 22.582,00 Euro – Außenumsatz: 58.074,36 Euro

Die nächste Veranstaltung findet am Sonntag, dem 2. Juni statt. Im sportlichen Mittelpunkt steht das Heinz-Mohr-Memorial. Beginn ist um 13.30 Uhr!