Trabrennen in der Derby-Woche Berlin-Mariendorf: Die erste Schlacht geschlagen

 

Berlin-Mariendorf, Samstag, 26. Juli 2014. Der Pakt der Mariendorfer mit dem Wettergott scheint zunächst auch in diesem Jahr für die Derbywoche zu halten: Nachdem es noch tags zuvor schauerlich geregnet hatte, lichteten sich die grauen Wolken wie der morgendliche Nebel, und als das Derby-Meeting feierlich eröffnet wurde, lagen strahlender Sonnenschein und subtropische Temperaturen über der Piste im Süden Berlins.

Diese erste Schlacht ging - genau wie jene an der Umsatzfront, wo ein leichtes Plus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen war - zugunsten des BTV aus. Die anderen Schlachten drehten sich in erster Linie um die sechs Qualifikationsläufe für das Stutenderby, das in genau einer Woche stattfindet und bei dem es viele erwartete Siegerinnen gab, aber auch einige frappante Backpfeifen, die bekanntlich das Salz im Sport allgemein und in der Wettersuppe im besonderen ausmachen.

Haushohe Favoritin stolpert

Der alten Sportler-Weisheit, dass es keine Unschlagbaren gibt, gab ausgerechnet die haushohe Favoritin Star Potential neue Nahrung - jene Stute, für die nach mehr oder weniger souveränen Siegen in den „Damen-Abteilungen“ von Adbell-Toddington- und Buddenbrock-Rennen der Sieg im Arthur-Knauer-Rennen für (fast) alle schon vorweg ausgemachte Sache war. Die Pflicht vor der Kür sah die Stute aus dem Lot des europaweit erfolgreichen Paul Hagoort früh in Front. Vielleicht bremste Robin Bakker die Fahrt in Front etwas zu stark ein - als es ans Abrechnen ging, rieben sich er wie die Zuschauer ungläubig die Augen: In dem Maße, wie Star Potential zu schwächeln begann, wurde Emma di Quattro immer stärker und zwang die turmhohe 10:10-Favoritin noch ganz leicht in die Knie. Die schien gar für Platz zwei in Gefahr, für den sie dann jedoch noch einmal das Gebiss annahm und so in einer Woche beweisen kann, dass dies keine Wachablösung, sondern nur ein kurzfristiger königlicher Ohnmachtsanfall war. Für Nachwuchsmann Dennis Spangenberg und die Berliner war dieser Heimsieg natürlich das Ereignis, das am meisten umjubelt wurde.

Den Reigen der Vorläufe eröffnete Pippa Barosso mit einem souverän von vorn herausgelaufenen Erfolg und war, wie ihr Trainer Hugo Langeweg junior befriedigt feststellte, nach dem kleinen Hamburger Formknick, wo sie zwar auch gewonnen hatte, aber längst nicht überzeugend, wieder voll im Soll, dass da durchaus Sieg im Stutenderby heißen könnte. Mit 1:14,8 erzielte sie eine Zeit, an die keine der übrigen Qualifikantinnen heranreichen sollte - und das aus freien Stücken.

Ein bisschen mehr zu knabbern hatte die gesetzte Imi Para Mi, um mit dem wieder genesenen Roland Hülskath im Speed Vorlauf zwei unter Dach und Fach zu bringen. Auch hier waren mit Emma F Boko und Wariana zwei Berliner Stuten zur Freude der Gastgeber prächtig dabei.

Viel, viel Pech hatte Celestial Light TK als Gesetzte des 4. Vorlaufs, die den Einzug ins Finale nur um zwei Nasenspitzen verpasste. Im dramatischsten Endkampf des Nachmittags blieb die früh in Front gezogene Panama Diamant mit Rob de Vlieger hauchdünn gegen die speedige Aint she sweet im Vorteil, und genau so haarscharf verpasste die Biendl-Stute als Dritte das große Finale. Gut, dass es einen Trostlauf gibt. Wenn sie will, kann sie sich in einer Woche damit schadlos halten!

Im auf dem Papier am ausgeglichensten scheinenden Vorlauf 5 ließ der zweifache Weltmeister Heinz Wewering sein Licht hell leuchten. „Ich habe Luminara erst seit einigen Wochen in Training. Sie hat viele Probleme, die wir bis zum Derby wohl kaum alle in den Griff bekommen werden“, hatte er über die kampfstarke Braune bei der ersten gemeinsamen Ausfahrt vor drei Wochen kommentiert. Mindestens der größte Teil davon scheint behoben, denn wie sie auf den letzten 400 Metern die Rivalinnen wie Schulmädchen abkanzelte, war allererste Sahne.

Sunshine Lane musste dagegen bis zur Linie „kratzen und beißen“, um sich die speedige Bara Diary vom dunkelbraunen Leib zu halten. Auch sie ein „Problemkind“, wie Gerhard Holtermann berichtete, der überwiegend als Trainer im Rampenlicht steht, „diese schnelle, aber sehr spezielle Lady fahre ich lieber selbst.“ Sie ist eine Tochter der 1994er Derbysiegerin Sunset Lane, womit die Bauernweisheit, der Apfel falle nicht weit vom Stammbaum, unterstrichen wurde.

Erster Höhepunkt des bunt gemischten Rahmenprogramms, das Deutschlands Amateurmeister Christoph Pellander mit dem erwarteten Sieg mit Diva Newport eröffnete, wobei er die Fans nach einem verpatzten Start ganz schön schwitzen ließ, war das Treffen der Publikumslieblinge. Ausgerechnet Berlins Matador Harry’s Bar galoppierte Thorsten Tietz in der ersten Kurve aus der Hand und war damit früh aus der engeren Wahl. Umso souveräner spulte Jag Heuvelland, als Dauergast auch schon fast ein Berliner, mit Josef Franzl seinen Part herunter.

Im höchst dotierten Rennen des Tages, dem Derby-Monté, konnten die Zuschauer erstklassige Satteltraber und deren Teufelsreiter vor allem aus Frankreich bewundern. Philippe Masschaele, vor rund zwei Jahrzehnten „Erfinder“ des neuen Reitstils im Satteltraben, setzte sich mit Son Alézan wie versprochen in überaus souveräner Manier durch, wobei dessen Trainer Henk Grift vorab durchaus ein bisschen Skepsis hatte walten lassen: „Sein ehemaliger Trainer hat mir versichert, er gehe rechts herum deutlich besser. Doch es war der erste Start für den Fuchs seit sieben Monaten - in der Zwischenzeit hat er einige Stuten beglücken dürfen.“

Trostpflaster für all jene, die den rund 570.000 Euro reichen Hengst nicht live in voller und toller Aktion erleben konnten: Am Derby-Sonntag (3. August) soll er, so ihm der Sieg nicht zu Kopf gestiegen ist, noch einmal im Derby-Marathon antreten - dann allerdings im Sulky. Es lohnt das Kommen also nicht nur wegen des 119. Derbys…

Umsatz bei 14 Rennen: 251.179,14 Euro (incl. 129.021,71 Euro Außenumsatz)

Foto von Marius Schwarz: Hugo Langeweg und Pippa Barosso