Trabrennen in Berlin-Mariendorf: Wie von einem anderen Stern

Was für ein Pferd! Der phänomenale Harry’s Bar schrammt mit Thorsten Tietz nur knapp am Mariendorfer Bahnrekord vorbei. 

Berlin-Mariendorf, 4. April 2015.

Es ist eigentlich kaum noch möglich, neue Superlative für ein Pferd wie Harry’s Bar (Foto) zu finden. Wie soll man die Leistungen eines Trabers, der mit jedem Tag neu über sich hinauswächst und mittlerweile zu den besten Pferden in Deutschland gehört, denn überhaupt ausreichend würdigen? Die Entwicklung, die der Stallcrack des Hamburger Besitzers Klaus Gührs in den vergangenen Monaten durchlaufen hat, ist einfach atemberaubend. Am zweiten Tag des Ostermeetings legte „Harry“ die Latte nun noch einmal ein ganzes Stück höher und kratzte mit seinem ständiger Begleiter Thorsten Tietz im Sulky am Mariendorfer Bahnrekord. Die Uhren blieben in 12,2/1.900m nur drei Zehntel über jener Bestmarke stehen, die der Hengst Gustav Diamant am 5. August 2007 auf der knapp 300 Meter kürzeren Derby-Rekordmeile erzielt hatte.

Wenn Tietz und sein Schützling es wirklich darauf angelegt hätten, dann wäre die Schallmauer an diesem denkwürdigen Ostersamstag ganz sicher durchbrochen worden. „Ich habe Harry’s Bar noch nicht einmal ernsthaft gefordert – er lief der Konkurrenz in spielerischer Art und Weise davon!“, strahlte der Berliner Champion bei der Siegerehrung. Doch was für Gegner hatte Harry’s Bar denn überhaupt abgefertigt? Man mag es kaum glauben – gegen Vierbeiner-Helden wie Top of the Rocks (Gerhard Biendl) und Dream Magic BE (Josef Franzl) stand Harry’s Bar am Toto bei 11:10! Während der Letztgenannte nach seiner Winterpause trotz eines optimalen Verlaufs an vierter Stelle außen doch arg enttäuschte und noch nicht annähernd im Vollbesitz seiner Kräfte war, gab Top of the Rocks wirklich alles und wurde dafür mit dem zweiten Geld belohnt – doch gegen Harry’s Bar, der ihn die ganze Zeit in der Todesspur begleitet und dann mit Erreichen des Einlaufs passiert hatte, besaß Gerd Biendls Schützling nicht den Hauch einer Chance. Thorsten Tietz: „Obwohl er in der Form seines Lebens läuft, wird Harry’s Bar nun vermutlich eine Ruhepause erhalten. Denn wir wollen im Frühsommer und in der Derby-Woche richtig mit ihm angreifen!“

Ähnlich spektakulär wie der Triumph des vierbeinigen Lokalmatadors verlief Thorsten Tietz‘ Sieg mit dem weiterhin ungeschlagenen Mighty Hanover, der am Wettmarkt sogar bei 10:10 notiert wurde. Denn der Wallach der Berliner Besitzerin und Züchterin Kristina Dormann-Mejri kam während des gesamten Rennens nicht aus der dritten Spur weg. Dass ein Pferd die Ziellinie nach einem solch desaströsen Rennverlauf tatsächlich als Sieger überquert, passiert sicherlich nur alle paar Jahre. Es beweist einmal mehr, über welch großartiges Potential Mighty Hanover verfügt. Es ist unübersehbar: Der wahnsinnig phlegmatische und unmittelbar vor dem Start sogar regelrecht träge wirkende Wallach hat seinen eigenen Kopf und muss noch sehr viel Erfahrung sammeln. Wenn es Tietz und seinem Team aber gelingt, dem Braunen beizubringen, um was es im Rennen geht, dann wird mit Sicherheit ein fantastischer Star aus ihm werden. Eine Erfolgsrichtung, in die sich auch der dritte Tagessieger des Bronzehelms bewegt: Florana G war in 14,1/1.900m eine Macht. Die für die Farben von Dirk Grusdas laufende Stute stürmte auf der Tribünengeraden an die Spitze und obwohl das Tempo im Anschluss stets hoch blieb, kanzelte die Vierjährige ihre Konkurrenten mit fünf Längen Vorsprung ab.

Auch Crowley trabte in der Hand seines Trainers Roland Hülskath in 14,4/1.900m einen wirklich vorzüglichen Schnitt. Und es war überhaupt keine Frage, dass der aus dem Besitz von Dr. Christian Ziegener und Werner Pietsch stammende Wallach, der auf der Gegenseite das Kommando übernommen hatte und danach nicht mehr in Gefahr geriet, ohnehin zu den moralischen Helden der Mariendorfer Veranstaltung gehörte. Denn Crowley hatte in der vergangenen Saison einen Hufbeinbruch erlitten. Einen Unfall also, der für viele Pferde das Ende der Rennkarriere bedeutet. Roland Hülskath: „Ich bin um so glücklicher, wie stark er sich nun nach der langen Pause präsentiert hat! Dabei bin ich noch nicht einmal sehr gut gefahren – ich habe vielleicht zu früh angegriffen und musste ihn sehr bei Laune halten, weil er immer etwas faul wird, wenn kein Pferd neben ihm liegt. Aber der Wallach hat seine Sache toll gemacht!“

Das kann man ebenso von Vincent Mo behaupten, der auf ziemlich aufsehenerregende Art gewann. Denn im Rennen deutete lange Zeit nichts auf einen Sieg des 14:10-Topfavoriten und seines Fahrers Michael Nimczyk hin. Der Mommert-Traber, der es in dem dreizehnköpfigen Feld mit der Startnummer zehn alles andere als günstig angetroffen hatte, lag nämlich zunächst an vorletzter Stelle des Pulks. Auf der Schlusshalben setzte sich der Fünfjährige dann aber immer stärker in Szene und im Einlauf kam endgültig sein großer Moment. Vincent Mo stiefelte in schier unwiderstehlicher Manier heran und lief in 16,2/1.900m sogar noch vier Längen Vorsprung auf die Konkurrenten heraus. Auch Josef Franzl und die enorm gesteigerte Merana hatten die Ruhe weg und schritten aus der vierten Position außen heraus erst auf den letzten dreihundert Metern zur Sache. Als Schnitt sprangen feine 15,6/1.900m für das Gespann heraus. Exakt die gleiche Kilometerzeit erzielte die von Maik Esper präsentierte Flower Dragon, die ihren Gegnern Start bis Ziel die Hufeisen zeigte. Als nächste Aufgabe wartet nun der Adbell-Toddington-Trial am 19. April auf die Dreijährige.  

Gesamtumsatz: 101.652,08 Euro - Bahnumsatz: 30.948,60 Euro - Außenumsatz:  70.703,48 Euro.

Unser Terminhinweis: Die nächste Mariendorfer Veranstaltung findet am Sonntag, dem 19. April statt. Im Mittelpunkt steht dann der erste Trial des Adbell-Toddington-Rennens. Beginn ist um 13.30 Uhr. 

Foto von Marius Schwarz