Trabrennen in Berlin - Mariendorf: Ferdinand Hirsch lässt den Toto wackeln

Der Berufsfahrer siegt mit Jeronimo Express zur Quote von 507:10. Thorsten Tietz gelingen sogar vier Treffer. Gegen die in Tagesbestzeit auftrumpfenden Indio Corner und Benjamin Hagen muss Berlins Champion allerdings klein beigeben. Thomas Panschow und der Rennstall Aleo glänzen mit einem Doppelerfolg. 

Berlin, 11. September 2015.

Vier Siege für den Bronzehelm: Thorsten Tietz drückte dem Mariendorfer Freitagabend-Termin eindeutig seinen Stempel auf. Der nicht weit von der Derby-Bahn entfernt lebende Profi erwischte einen furiosen Auftakt und gewann das erste Rennen der Veranstaltung, die mit vielen bunten Aktionen für die Stammbesucher gespickt war, mit seinem Schützling Big Thunder. Der Wallach lag bis zum Schlussbogen an zweiter Stelle außen und zog dann mit einem fulminanten Sprint an die Spitze. Big Thunder triumphierte mit drei Längen Vorsprung drückend überlegen. Wesentlich knapper fiel der Sieg für den Berliner Champion gute zwanzig Minuten später bei seiner Fahrt im Sulky der Stute No Name aus. Denn die Dreijährige schien Mitte der Zielgeraden eigentlich nicht mehr für den Erfolg in Frage zu kommen, packte dann aber doch noch einmal entscheidend an und rang Vitesse Lumiere (Maik Esper) um Zentimeter nieder.

Bei der dritten Tagesprüfung konzentrierte sich alles auf die Frage: Ist er wieder der Alte – oder ist er es nicht? Gemeint war natürlich Harry’s Bar und um es kurz zu machen: Ja, der Ausnahmetraber hielt genau das, was sich seine Fans, die ihn trotz der vorherigen Formkrise und vierzig Metern Zulage auf 13:10 herunter gewettet hatten, von ihm versprachen. Nur auf der ersten halben Runde, als Harry’s Bar weit außen an die Rails driftete, waren die Zuschauer ein wenig irritiert. „Doch das hatte einen einfachen Grund“, erklärte Tietz im Anschluss. „Ich wollte Harry’s Bar auf den ersten Metern einfach nur seinen Willen lassen und keinen Druck auf ihn ausüben.“ Als Harry’s Bar dann nach etwas mehr als einer Runde die Führung übernahm, war alles schon gelaufen: Der Siebenjährige machte für Tietz den lupenreinen Hattrick perfekt und ließ seinen Konkurrenten in 15,6/2.540m keinerlei Chance.

Seinen vierten Tagestreffer erzielte der Bronzehelm mit Vargas F. Tietz ließ Wolfgang Mays Dreijährigen ab der Gegenseite richtig treten und gemeinsam mit seinem Widersacher Venus Simoni (Benjamin Hagen) verabschiedete sich Vargas F im Schlussbogen vom Feld. Auf den letzten Metern tauchte zwar Prince of Persia (Daniel Goehrke), der auf der Anfangsrunde sogar die Führung innehatte, noch einmal gefährlich auf und erkämpfte sich an Venus Simoni vorbei das zweite Geld. Doch den souveränen Vargas F konnte er nicht mehr in Bedrängnis bringen. Mit dem als 14:10-Topfavoriten gehandelten Dimitri W Eden hatte Tietz dagegen nichts zu melden. Der Wallach musste die Spitze auf der Gegenseite an den bärenstark auftrumpfenden und erstmals von Benjamin Hagen präsentierten Indio Corner abgeben und hatte danach keinen Moment mehr. Ganz anders der Sieger: Indio Corner raste auf der 1.900-Meter-Strecke zur Tagesbestzeit von 1:13,1 min. und versetzte Benjamin Hagen in helle Begeisterung: „Ein wahnsinnig tolles Pferd – ich bedanke mich sehr herzlich, dass ich diese Fahrt übernehmen durfte!“

Doch für die spektakulärste Überraschung des Abends sorgte ein anderer Berufsfahrer – nämlich Ferdinand Hirsch. Der überaus sympathische und bei seinen Kollegen sehr beliebte Sportler führte den 507:10-Riesenaußenseiter Jeronimo Express zum ersten Erfolg seiner Vierbeiner-Laufbahn. Und dies aus einer im Grunde genommen komplett aussichtslosen Position heraus. Denn der Wallach lag während des gesamten Rennens an sechster Stelle an der Innenkante fest und weder die Gegner noch das Publikum schenkten ihm besondere Beachtung. Doch als Ferdinand Hirsch den Vierjährigen zu Beginn der Zielgeraden ganz am Ende des Feldes weit nach außen nahm, wuchsen Jeronimo Express urplötzlich Flügel und er zog tatsächlich mit dem letzten Schritt an Elena Kievitshof (Maik Esper) und Horatius (Thomas Heinzig) vorbei. Die Dreierwetten-Quote in Höhe von 40.439:10 dokumentierte das sensationelle Ergebnis.

Im Mariendorfer Winnercircle lässt sie sich nie blicken und sie gehört ohnehin nicht zu den Menschen, die sich gerne ins Rampenlicht drängeln. Und dennoch spielt Isabelle Bucher, die schon seit langer Zeit im Rennstall Aleo arbeitet, im Team von Angelika Jost-Schick und Michael Schreiber eine wichtige Rolle. Denn die Berlinerin hat die Liebe zu den Trabern quasi mit der Muttermilch aufgesogen und kümmert sich gemeinsam mit den beiden Besitzern rund um die Uhr voller Hingabe um die Pferde. Dieser Fleiß wurde nun belohnt, denn die junge Frau durfte sich mit dem Aleo-Team über einen von Thomas Panschow herausgefahrenen Doppelerfolg freuen. Der Profi punktete zunächst mit der aus dem trotto.de-Bogen heraus eingesetzten Cardea und fügte wenig später einen Treffer mit der vor den Tribünen an die Spitze gestürmten Medusa hinzu. Vor allem über den Erfolg der Letztgenannten („Sie ist unsere Prinzessin!“) freute sich Isabelle Bucher so sehr, dass sie dann doch ausnahmsweise einmal ihre Zurückhaltung brach und mit in den Winner-Circle kam. Gemeinsam mit einem Neu-Berliner, nämlich Ulrich Gertig: Der erfahrene Pferdemann, der zuletzt viele Jahre auf Mallorca tätig war, bereitet die Aleo-Traber ab sofort gezielt auf ihre Aufgaben vor.  .

Nach vorne gehen und keinen vorbei lassen: Das war die Devise beim Triumph von Alexander Kelm mit Stan Libuda. Vom Startplatz eins aus übernahm das Gespann rasch das Zepter und gewann völlig ungefährdet. „Der Braune ist im Rennen total unkompliziert und lässt sich steuern wie ein Auto!“, freute sich Alexander Kelm bei der Ehrung. Ähnliches darf man von Mighty Hanover behaupten, der momentan sogar die Mariendorfer Siegreichsten-Liste anführt und in dieser Saison auf der Derby-Bahn bereits acht Mal als Erster über die Ziellinie lief. Mit einer Quote von 10:10 genoss der Wallach aus dem Besitz von Kristina Dormann-Mejri das uneingeschränkte Vertrauen des Publikums. Diese Wertschätzung war natürlich zugleich auch ein Kompliment an Mighty Hanovers Fahrerin Sarah Kube, die mit nahezu hundertprozentiger Gewissheit die kommende Deutsche Amateur-Championesse sein wird. Wie sehr Sarah Kube ihr Fach versteht, bewies die 31-Jährige mit einer meisterlichen Fahrt: In der Startphase ließ sie den Hauptgegner Poison Spin (André Pögel) zwar passieren. Doch als die Amazone Mighty Hanover ausgangs der Gegenseite das entscheidende Zeichen gab, ging ihr Schützling auf und davon.

Gesamtumsatz: 93.956,50 Euro - Bahnumsatz: 33.368,70 Euro - Außenumsatz:  60.587,80 Euro.

Unser Terminhinweis: Die nächste Mariendorfer Veranstaltung – der Auftakt zum großen Breeders-Cown-Meeting – findet am Freitag, dem 25. September statt. Im Mittelpunkt stehen das Champions-Rennen 5 um 10.000 Euro Preisgeld und hochdotierte PMU-Prüfungen. Beginn ist bereits um 11 Uhr! Gleich danach geht es Schlag auf Schlag weiter, denn am Samstag (26. September) und am Sonntag (27. September) kämpfen die Teilnehmer der Breeders-Crown-Läufe jeweils ab 13.30 Uhr um rund 460.000 Euro Preisgeld!

Foto von Marius Schwarz: Sensationssieger Ferdinand Hirsch bei seinem Erfolg mit dem Riesenaußenseiter Jeronimo Express