Trabrennen in Berlin-Mariendorf: Ein Plädoyer für den Sport

 

Das Berliner Breeders-Crown-Meeting entwickelte sich zu einer einzigartigen Galavorstellung herausragender Pferde und Fahrer.  

Berlin-Mariendorf, 1./2. November 2014. Ideale äußere Bedingungen mit Temperaturen wie im Spätsommer, ein perfekt präpariertes und rundum erneuertes Geläuf, begeisterte Zuschauer und eine Stimmung wie in der Derby-Woche: Das zweitägige Breeders-Crown-Meeting wurde zu einem vollen Erfolg und bewies in eindrucksvoller Art und Weise, wie faszinierend der Kampf um Sieg und Platz sein kann. Die acht Hauptläufe der Breeders Crown und die exzellent besetzten Entlastungen erhielten nicht nur aufgrund des hohen Preisgeldes – insgesamt wurden über 450.000 Euro an die Traberbesitzer ausgeschüttet – eine herausragende Bedeutung, sondern sie entwickelten sich zu einem einzigartigen Schlagabtausch bärenstarker Pferde und erstklassiger Fahrer. Keine Frage: Die zweitägige Berliner Veranstaltung glich einem leidenschaftlichen Plädoyer, das allen Anwesenden und den Nutzern der Web-Streams die bunt schillernde Attraktivität des Trabrennsports vor Augen führte. Die Breeders Crown 2014 – das war weit mehr als nur die Vergabe von acht Züchter-Kronen. Es war ein Festival, ein feierlicher Akt der Gegenseitigkeit: Denn der Sport verteilte nicht nur Kronen, sondern er wurde selber von den vorzüglichen Leistungen der Teilnehmer gekrönt.  

Schon der erste der acht Hauptläufe gestaltete sich derartig imposant, dass er nicht nur dem siegreichen Stallteam, sondern allen Rennsportfans noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ein kurzer Sprint gleich nach dem Start und ein trockener Spurt auf der Zielgeraden – das war die Devise beim phänomenalen Auftritt von Hugo Langeweg jun. und Lobell Countess. Die Derby-Siegerin des Jahres 2011 gewann das Kräftemessen der fünf- bis siebenjährigen Stuten in solch grandioser Manier, dass man im Anschluss fast geneigt war, den Triumph der vierbeinigen Gräfin über ihre sieben gewiss nicht schlechten Gegnerinnen als bessere Trainingsarbeit zu bezeichnen. Den 09,1- Auftakt von Britany (Heinz Wewering) sah sich Hugo Langeweg noch in aller Seelenruhe an. Mitte des ersten Bogens schickte der Niederländer die international erprobte Stute dann aber entschlossen an die Spitze. Dort bekam Lobell Countess von den geradezu vor Ehrfurcht erstarrten Konkurrenten keinerlei Druck und als Langeweg mit Erreichen des Einlaufs nochmals kurz aufs Gaspedal trat, war bereits alles entschieden. Hinter der in 1:14,6/1.900m auftrumpfenden Siegerin, die als nächstes eventuell schon am kommenden Freitag beim Preis der Giganten in Wolvega an den Start gehen wird, erkämpfte sich die ebenfalls vollauf überzeugende Georgina Corner (Thorsten Tietz) mit einem famosen Endspurt den Ehrenrang vor der bis zum Schluss konsequent durchziehenden Britany.

„Banks, Banks, Banks!“ Wenn die Hamburger Bahnsprecher die Rennen des Wallachs Banks auf seiner Heimatpiste Bahrenfeld kommentieren, dann ist ihre glühende Leidenschaft für dieses Pferd nicht zu überhören und ihre anfeuernden Worte klingen stets nach einem Schlachtruf. Diese frenetische Begeisterung wird dem Vierbeinerhelden, der in seiner gesamten Rennlaufbahn mit seinem Trainer Michael Larsen im Sulky (Foto) noch nie schlechter als Zweiter war, nun wohl zukünftig nicht nur bei seinen Heimspielen, sondern auf allen anderen Bahnen begegnen. Denn spätestens nach seiner aktuellen Glanzleistung in Berlin ist es nun endgültig klar: Banks ist ein Traber, der das Publikum emotional fesseln kann und die Zuschauer voller Euphorie jubeln lässt. Was er im Hauptlauf der fünf- bis siebenjährigen Hengste und Wallache geleistet hat, war schier unglaublich. In der höllisch schnellen 05,7-Auftaktphase schoss der am Wettmarkt bei 32:10 notierte Traber pfeilschnell in Front, ließ dann zunächst den drückenden Dream Magic BE (Josef Franzl) vorbei und auf der Gegenseite auch den außen ein Fass aufmachenden Chapeau (Michael Nimczyk) gewähren.

Doch wer sich auf das heiß erwartete Duell von Dream Magic BE (25:10) und Chapeau (19:10) gefreut hatte, wurde schnell enttäuscht. Denn als Banks kurz vor dem Schlussbogen in die zweite Spur wechselte, wuchsen dem Abano-As-Sohn in Sekundenschnelle Flügel und im Einlauf stürmte der Wallach tatsächlich in phänomenalen 13,2/1.900m über die Konkurrenten hinweg. Bei der anschließenden Siegerehrung präsentierte sich Michael Larsen sichtlich gerührt: „Ich war mir im Vorfeld nicht sicher, ob es klappt – denn Banks litt vor einigen Wochen unter einem Infekt und hatte Husten. Er ist also derzeit noch nicht einmal bei hundert Prozent. Dass er trotzdem solch eine Leistung bringt, macht mich einfach nur noch sprachlos. Dieses Pferd haut mich jeden Tag aufs Neue um – ich habe noch nie einen besseren Traber trainiert!“ Ähnlich glücklich wie Michael Larsen fuhr Thorsten Tietz in den Stall zurück: Sein auf der ersten Runde zunächst noch defensiv eingesetzter Schützling Harry’s Bar tauchte im Finish quasi aus dem Nichts auf und stürmte in bärenstarker Manier auf den Ehrenrang, während Chapeau und Dream Magic BE nur die Plätze drei und vier blieben.

Lobell Countess und Banks – das waren also die Stars des ersten Mariendorfer Veranstaltungstages. Doch am Breeders-Crown-Sonntag ging es nahtlos im gleichen hochklassigen Stil weiter. Denn im Hauptlauf der dreijährigen Stuten wurde die Frage, welche Traber-Lady derzeit die Beste ihrer Altersklasse ist, sehr eindeutig beantwortet. Falls es im Vorfeld überhaupt noch irgendeinen Zweifel an Stacelita gab, so wurde er nun endgültig weggewischt. Mit ihrem Trainer Josef Franzl im Sulky sicherte sich der Crack des Rennstalls Germania noch auf der Startgeraden das Kommando – und das war es dann schon. Stacelita ging im Anschluss vor dem Feld spazieren. Die Stute siegte in 15,5/1.900m überlegen mit dreieinhalb Längen Vorsprung. Eine glasklare Entscheidung also – doch der Kampf um Platz zwei verlief dramatisch, denn Emma di Quattro (Dennis Spangenberg), die unterwegs an vierter Stelle außen einen geradezu idealen Verlauf vorgefunden hatte und dennoch im Einlauf relativ spät eine Passage fand, sowie die im Rush herangeflogene Lady Deluxe (Robbin Bot) kamen im Toten Rennen ein. Das Siegerteam brauchte dies allerdings nicht zu interessieren. Josef Franzl und seine Frau Ingrid, die Stacelita persönlich betreut, waren sich einig: „Die Stute ist ein Traum von einem Pferd. Sie kann einfach alles, hat einen vorbildlichen, grundehrlichen Charakter und gewinnt ihre Rennen von vorne ebenso wie von hinten.“    

Die Chronologie der Breeders Crown: Das ist natürlich nicht nur die Aufzählung berühmter Pferdenamen, sondern sie legt zugleich auch ein Zeugnis über die Qualitäten bekannter Fahrergrößen ab. Dass sich ausgerechnet der Deutsche Meister Michael Nimczyk bisher nicht in dieses Buch der Erfolge eingetragen hatte, klingt kaum glaublich – und seit diesem Wochenende ist das Manko nunmehr auch Vergangenheit. Dem Spitzenprofi gelang nämlich als Einziger ein Doppelschlag. Nimczyk punktete zunächst mit Rene M Newport im Hauptlauf der zweijährigen Hengste und Wallache und legte kurz darauf mit Fridericus im Hauptlauf der vierjährigen Hengste und Wallache nach. Zwei Erfolge, die sich vom Ergebnis her zwar ähnelten – denn sowohl der in 15,7/1.900m auftrumpfende Rene M Newport als auch der in 14,6/1.900m siegreiche Fridericus gewannen mit drei bzw. zwei Längen Vorsprung überdeutlich. Damit hört die Gemeinsamkeit aber auch schon wieder auf. Denn beide Pferde traten unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen an. Das sah auch das wettende Publikum so: Rene M Newport wurde am Toto als krasser Außenseiter mit einer Quote von 366:10 gehandelt, während Fridericus bei Odds von 19:10 als Topfavorit galt.

Auch die Rennverläufe waren völlig unterschiedlich. Rene M Newport hatte als Ausgangsposition die Nummer zwölf in der zweiten Reihe erwischt und wurde vom Goldhelm erst auf der Zielgeraden eingesetzt. Michael Nimczyk: „Ich war aber trotz der ungünstigen Startposition sehr optimistisch, denn der Hengst hatte sich im Training deutlich angekündigt. Ich bin mir ganz sicher, dass er sich zu einem großartigen Traber entwickeln wird. Rene M Newport wurde nach dem verstorbenen René Maaßen benannt, der das Casino in Mönchengladbach geleitet hat und auf den deutschen Rennbahnen unzählige Freunde hatte. Er wäre stolz auf dieses tolle Pferd gewesen!“ Mit Fridericus ging Nimczyk stattdessen von der Eins aus ins Rennen – im Sommer wäre dies vielleicht noch ein Handicap gewesen, doch auf der nunmehr internationalen Ansprüchen gerecht werdenden Mariendorfer Piste ist das kein Problem mehr. Der Wallach schoss sofort nach vorne und brachte den Sieg in souveräner Art und Weise unter Dach und Fach. Sein Besitzer Hans-Joachim Kleemann strahlte im Anschluss: „Ich empfand die Ausgangslage sogar als sehr gut, denn der legendäre Hänschen Frömming hat einmal zu mir gesagt: „Wenn du die Startnummer eins kriegen kannst, dann musst du sie auch nehmen.“

Bei der Breeders Crown wurden die Nummern natürlich ausgelost und nicht gewählt. Das Schild mit der großen Eins war aber auch beim Sieg von Heinz Wewering und Indira Bo im Hauptlauf der zweijährigen Stuten der Schlüssel zum Erfolg. Hans-Ulrich Bornmanns Revenue-Tochter übernahm sofort die Führung und gab das Heft bis zum Zielpfosten in 17,2/1.900m nicht mehr aus der Hand. Die Fuchsstute hat in den vergangenen Wochen enorme Fortschritte gemacht und ist – verglichen mit ihren ersten Auftritten Mitte des Jahres – überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen. Heinz Wewering: „Ich wusste, wie startschnell sie ist, und war mir auch sehr sicher, dass sie das Rennen von der Spitze aus nachhause laufen kann. Aber der Sieg war in dieser Form trotzdem nur möglich, weil sich der neue Bahnbelag als ausgesprochen gut erwiesen hat. Indira Bo hat einen enormen Antritt und den kann man unter diesen optimalen Bedingungen dann auch konsequent umsetzen. Die Bahn ist perfekt gelungen und ich möchte dem Mariendorfer Eigentümer Ulrich Mommert, der all dies möglich gemacht hat, sehr herzlich für sein persönliches Engagement danken.“

Viel Lob für das neue Geläuf gab es nicht nur vom Weltrekordler, sondern auch von Thorsten Tietz. Der Berliner Champion hatte allerdings selber dicke Komplimente verdient. Denn die Leistung, die der Silberhelm mit seinen Pferden während des gesamten Meetings geboten hat, war einfach großartig. Das Ganze wurde von einem brillanten Sieg gekrönt: dem Triumph mit Louisdor im Hauptlauf der dreijährigen Hengste und Wallache. Der Vierbeinerstolz des bayerischen Besitzers Frank Zickmantel lag das gesamte Rennen über nur an siebenter Stelle und bog – man mag es eigentlich kaum glauben – sogar als letztes Pferd auf die Zielgerade. Eigentlich eine aussichtslose Position. Doch dann wuchsen Louisdor, der zuvor viermal hintereinander als Sieger in den Stall zurückgekehrt war und dennoch bei 164:10 am Wettmarkt notiert wurde, regelrecht Flügel und das Unfassbare geschah: Er schlug dem 13:10-Topfavoriten Ganystar, der das Feld stets angeführt hatte, in 15,3/1.900m ein Schnippchen. So redlich sich Maik Esper im Sulky des Jahrgangshelden Ganystar auch mühte – genau mit dem letzten Schritt hatte Louisdor seinen Gegenspieler erwischt. Für Thorsten Tietz, der seit seinem Wechsel nach Berlin ohnehin eine geradezu traumhafte berufliche Karriere hingelegt hat, war es nicht nur ein weiterer bedeutender Erfolg, sondern eine sichtliche Genugtuung –der Silberhelm fuhr mit hoch in die Luft gestreckter Peitsche über die Linie.

Auch im letzten der acht Hauptläufe, bei dem die vierjährigen Stuten gefordert waren, hätte es fast für Tietz gereicht. Mit Vicky Corner war der Silberhelm am Ende nur eine halbe Länge vom Sieg getrennt. Sein Schützling scheiterte aber an einem Pferd, das an diesem Tag über sich hinauswuchs. Die vom 21-maligen Österreichischen Meister Gerhard Mayr präsentierte Abasi war eine Klasse für sich. Die Fuchsstute übernahm die Führung ausgangs des ersten Bogens und obwohl ihr Vicky Corner fortan regelrecht im Nacken klebte und sie nach einem 11,0-Auftakt gleich auf der ersten Geraden zu einer zweiten Zwischenzeit von 12,4 zwang, stand Abasi das eigentlich viel zu hohe Tempo eisern durch. Auch als es auf die Zielgerade ging und man vermutete, dass die Duellanten nun den Preis für die rasante Pace zahlen müssten, kamen die Verfolger nicht heran und die Entscheidung lag nur zwischen diesen beiden Pferden, von denen sich Abasi als das stärkere erwies. Vicky Corner mühte sich zwar redlich, aber Abasi gab ihren Vorteil von einer halben Länge in geradezu sensationellen 13,3/1.900m nicht mehr aus der Hand. Ihre bravouröse Leistung verkörperte noch einmal die herausragende Qualität des gesamten Berliner Wochenendes, das ja nicht nur aus den Hauptläufen, sondern auch aus zwölf exzellent besetzten Entlastungen bestand. Und dass die Bestzeit des Mariendorfer Meetings dann sogar noch im allerletzten Rennen – einer ganz normalen Prüfung des Rahmenprogramms – aufgestellt wurde, macht eindrucksvoll klar, welch großartigen Sport man zukünftig in der Hauptstadt erwarten darf: Die von Robin Bakker gesteuerte Needyou Diamant trommelte auf der Meile einen Kilometerschnitt von 1:12,6 min. auf das neue Luxusgeläuf.

Gesamtumsatz 1. November: 177.612,13 Euro - Bahnumsatz: 57.104,50 Euro - Außenumsatz: 120.507,63 Euro

Gesamtumsatz 2. November: 279.644,79 Euro - Bahnumsatz: 92.505,20 Euro - Außenumsatz: 187.139,59 Euro

Unser Terminhinweis: Die nächste Mariendorfer Veranstaltung – der Stammbesucher-Renntag – findet am Sonntag, dem 16. November 2014 ab 13.30 Uhr statt.

Foto von Marius Schwarz