Trabrennen in Berlin – Mariendorf 2016: Alle Loman macht die Konkurrenten alle

Foto von Marius Schwarz: Bernd Schrödl

Der Niederländer führt Charming Oreau zu einem sensationellen Erfolg, der noch lange in Erinnerung bleiben wird. Michael Nimczyk und Maik Esper gelingen Doppeltreffer. Kay Werner agiert weiterhin in bestechender Form.       

Berlin-Mariendorf, 7. Januar 2016.

Wenn der Titel „Winterkönigin“ nicht schon fest mit dem Galoppsport und einem seiner wichtigsten Zweijährigenrennen assoziiert wäre, dann müsste man ihn nun der Stute Charming Oreau verleihen. Denn das, was die Traberlady mit ihrem Trainer und Fahrer Alle Loman am Donnerstagabend bei der mit neun PMU-Rennen bestückten Mariendorfer Veranstaltung gezeigt hat, war tatsächlich einer Königin würdig. Die angesichts der winterlichen Witterungsverhältnisse nahezu unglaubliche Siegzeit von 13,6/1.900m bot nicht nur einen Vorgeschmack auf die spektakulären Leistungen, die das Publikum in der Saison 2016 erwarten, sondern sie unterstrich zugleich, wie effektiv und lohnend der in den Tagen zuvor erbrachte Fleißeinsatz der Mariendorfer Bahnarbeiter-Crew war. Das Team um Norbert Eicher und Mustafa Halatci ließ sich vom Schnee und Eis nicht einschüchtern und präsentierte das Geläuf auf den Punkt genau in einem Topzustand. Keine Frage: Den Bahnarbeitern, die so selten im Vordergrund stehen, obwohl gerade sie überhaupt erst die Voraussetzungen für erstklassigen Sport erschaffen, gebührt an dieser Stelle einmal ausdrücklicher Dank.

Doch zurück zu „Ihrer Majestät“ Charming Oreau, die am Toto trotz der Tatsache, dass sie im Sommer nur um zwei Zehntelsekunden an Harry’s Bars 12,2- Saisonrekord vorbeigeschrammt war, mit einer Quote von 119:10 gehandelt wurde und krass unterschätzt war. Die Stute bekam zwar nicht sofort die Führung, strampelte aber von der Position acht aus mächtig los und sicherte sich schließlich im ersten Bogen an Vulkan (André Pögel) vorbei  das Kommando. Doch für die Verfolger gab es auch im Anschluss kein Verschnaufen, denn Alle Loman hielt das Tempo mit seiner Stute durchweg im 15-er Bereich und schraubte die Pace Ende der Gegenseite sogar auf 13,2. Im Einlauf löste sich Charming Oreau um sechs Längen von Vulkan. Der 16:10-Favorit Cotton Rich (Sarah Kube) wurde zwar noch schnell und belegte Rang drei – doch aus der zweiten Startreihe hatte er angesichts dieses Rennverlaufs nie den Hauch einer Chance.              

Eingeläutet wurde der Renntag von einem Erfolg von Michael Nimczyk mit Replay Diamant – der Goldhelm war also der erste Sieger der Berliner Trabrennsaison 2016! Wobei dem unterwegs stets an zweiter Stelle platzierten Gespann auch ein wenig das Glück zur Seite stand, denn die Pilotin Bellevue (Matthieu Hegewald) wäre wohl nur schwer einzufangen gewesen. Die Führende kam aber achtzig Meter vor dem Ziel in Schwierigkeiten und konnte nicht mehr richtig ausgefahren werden. Kurz vor dem Pfosten verlor sie dann endgültig das Geläuf und wurde hinter dem genauso wie Replay Diamant spurtstarken Herbie Dot (Manfred Zwiener) als Dritte disqualifiziert. An das Sieggefühl scheint sich die nach zwei Starts noch ungeschlagene Replay Diamant jedenfalls schon gewöhnt zu haben, denn im Winner-Circle war sie die Ruhe selbst. Michael Nimczyk: „Sie ist ein ganz tolles Pferd und verfügt über jede Menge Phlegma!“

Sein zweiter Tagessieg gelang dem Goldhelm mit Stall Mommerts Skyfall – und zwar auf spektakuläre Art und Weise. Denn als die Tempomacherin Höwings Utopia (Dennis Spangenberg) im Schlussbogen von einem Moment zum anderen schwer geschlagen war und ungefähr so spritzig wirkte wie eine Karre Sand, saß Skyfall dahinter an der Innenkante rettungslos in der Falle. Eine schier ausweglose Situation – doch Michael Nimczyk bewahrte seine Nerven und die nötige Ruhe und dank seiner umsichtigen Fahrweise fand Skyfall zu Beginn des Einlaufs auf freie Bahn. Was dann geschah, glich fast einem Wunder: Dem Vierjährigen wuchsen Flügel, er stürmte an allen Konkurrenten vorbei und gewann mit zweieinhalb Längen Vorsprung sogar noch leicht. Man konnte Michael Nimczyks Einschätzung nur zustimmen: „Das war nicht sein letzter Sieg: Skyfall besitzt großes Können und er wird seinen Weg gehen!“

Auch Maik Esper gelangen zwei Treffer. „Vom Körperbau her ist sie ein bisschen zu klein geraten – aber vom Rennkopf und der Leistungsbereitschaft her ist sie eine Große und auch züchterisch stimmt bei der Love-You-Tochter alles“, lobte der Trainer zunächst Femke Schermer nach ihrem beeindruckenden Sieg. Die Stute gab von Anfang an Gas und übernahm zu Beginn des ersten Bogens das Kommando. Als das zunächst zum Gänsemarsch formierte Verfolgerfeld auf der Zielgeraden breit auseinanderfächerte, schien es noch einmal spannend zu werden. Doch die kurz aufgemunterte Stute spulte ihr Pensum souverän herunter. Für Rang zwei wurde es ganz eng: Cees Butscher (Manfred Zwiener) und Malina Way (Daniel Wagner) waren auch durch das Zielfoto nicht voneinander zu trennen – Totes Rennen!

Gut zwei Stunden später punktete Maik Esper mit dem mit zwanzig Meter Zulage bedachten Rebel du Loisir. Das Gespann hatte zweifellos Fortuna auf seiner Seite, denn in einem spannenden Finish standen Thomas Holtermann und Serenade du Betz eigentlich schon als Sieger fest. Doch just in dem Moment, als beide das Gefecht zu ihren Gunsten entschieden hatten und Thomas Holtermann die Hände herunternehmen wollte, war Serenade de Betz urplötzlich in der Luft. Des einen Glück, des anderen Pech: Also durfte der von Olaf Schröder trainierte Rebel du Loisir in den Winner-Circle einziehen. Es war ihm durchaus zu gönnen, denn nach einem zügigen Start musste der Wallach unterwegs so einige Klippen umschiffen und sein Endspurt war nicht von schlechten Eltern. Maik Esper: „Ich hatte ihn ja noch nicht gefahren und wusste nicht, was mich erwartet – aber der Franzose hat mich sehr überzeugt!“

Es müssen nicht immer nur Pferde mit sechs- oder siebenstelligen Gewinnsummen sein, über die interessante Geschichten erzählt werden. Im Gegenteil – manchmal sind es gerade die „kleinen“ Helden, die das Publikum faszinieren. Zu dieser Kategorie zählt zweifellos Bianca Boshoeve, die bisher nicht weniger als 26 Fahrer in ihrem Sulky hatte und nun so etwas wie einen Traumpartner gefunden hat – nämlich Michael Hamann. Vier Starts, vier Siege: So lautet nach einem weiteren furiosen Erfolg die gemeinsame Bilanz der beiden. Nach einer Rochade mit Lady Maren (André Pögel) übernahm Bianca Boshoeve zu Beginn der Tribünengeraden endgültig die Führung – und das war es dann schon. Die Stute siegte in völlig überlegener Manier. Hinter der tapfer durchziehenden Lady Maren ging der dritte Rang an eine Riesenaußenseiterin: Carola Reckzeh sorgte mit Karisma Diamant, die bei 2.272:10 notiert war und der an der Innenkante jeder unnötige Meter erspart blieb, für eine saftige Überraschung .

Wenn es für einen Sportler derzeit rund läuft, dann für Kay Werner. Der Berliner Trainer präsentiert seine Pferde schon seit Monaten in blendender Verfassung und mittlerweile vergeht kaum ein Renntag, an dem er nicht mit einem seiner Schützlinge auf die Ehrenrunde geht – und das nahezu immer für die Besitzerfarben von Georg Radde. Diesmal war es Berlusconi, der den Erfolg für das aktuell durch Thomas Heinzig verstärkte Stallteam erzielte. Und in was für einem Stil! Der Wallach duldete von der Spitze aus keinerlei Widerstand und löste sich im Einlauf mit fünf Längen Vorsprung vom Feld. Bei seinem Team hat Berlusconi übrigens den Spitznamen „Hugo“. Kay Werner: „Als er auf der Auktion ersteigert wurde, war der Sekt vergriffen. Wir mussten also mit Hugo-Prosecco-Cocktails anstoßen. Seitdem hat er den Namen weg!“   

„Es ist enorm stabil geworden und ließ sich heute sehr gut steuern. Der Trainer hat ganze Arbeit geleistet“, lobte Tim Schwarma Enrico Hanseatic und dessen Vorbereiter Roman Matzky. Tim Schwarma hatte sich aber auch selber ein dickes Kompliment verdient, denn die Harmonie zwischen ihm und dem Wallach, der für die Farben von Bernd Nebel läuft, ist einfach perfekt. Enrico Hanseatic zog aus dem ersten Bogen heraus an die Spitze und obwohl sich Twiga Bi (Dennis Spangenberg) auf den letzten Metern noch prächtig herankämpfte, geriet der Fünfjährige nie wirklich unter Druck. Sein Sieg war viel sicherer, als es der Richterspruch „Hals“ aussagt.

„Man glaubt es gar nicht: Auf der Rennbahn ist er ein absoluter Heißsporn und völlig unberechenbar – aber zuhause im Training ist er zart wie ein Lamm“, berichtete Bernd Schrödl nach seinem Sieg mit Vigo Bes. Das Publikum hatte den Fuchswallach trotz aller Unwägbarkeiten auf den 26:10-Favoritenthron gehoben und lag mit dieser Entscheidung goldrichtig. Vigo Bes stürmte auf der ersten Tribünengeraden nach vorne und obwohl ihn der polnische Gast Lukasz Kurys mit dem Hengst Asper de Cassandra über die gesamte Strecke hartnäckig verfolgte, behauptete sich der Siebenjährige eisern. Bernd Schrödl: „Ich wollte eigentlich gar nicht so früh mit ihm nach vorne gehen – aber man muss Vigo Bes einfach seinen Willen lassen!“

Gesamtumsatz: 103.740,97Euro - Bahnumsatz: 22.037,80 Euro - Außenumsatz: 81.703,17 Euro.

Unser Terminhinweis: Die nächste Mariendorfer Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 20. Januar ab 17 Uhr statt. Im Mittelpunkt stehen dann acht hochdotierte PMU-Prüfungen und die Ehrung der Mariendorfer Champions.