Trabrennen in Berlin-Mariendorf 2014: Ergebnisse vom 5. Tag der Derbywoche

 

Kleine Pippa ganz groß - und „Oranje boven“!

Berlin-Mariendorf, Samstag, 2. August 2014. (Text: Dr. Manfred Wegener) Kleine Wunder gibt es - natürlich - auch im Trabrennsport immer wieder. So eines ist die Geschichte um Pippa Barosso, die an diesem Samstagnachmittag als quasi über Nacht erwachsene Favoritin das zum 26. Mal in dieser Form ausgetragene Arthur-Knauer-Rennen samt 45.405 Euro auf ihre Kappe brachte und den „Oranjes“ zugleich den ersten Big Point dieser Derbywoche bescherte. Die gar nicht mal so kleine Braune war nämlich lange Zeit nicht unbedingt vorgesehen für dieses Stuten-Derby. Sie hatte sich zwar schon zweijährig qualifiziert und „viel Talent verraten. Aber daran geglaubt, sie Ende Juli / Anfang August so weit zu haben, in diesem Rennen starten zu können, haben wir lange nicht. Sie ist eine große Stute mit einem Geläuf, das sehr raumgreifend ist, aber auch sehr viel Kraft erfordert“, wusste ihr holländischer Trainer Hugo Langeweg junior, der sich mit Klassepferden nun wahrlich auskennt, zu berichten. Doch dann wuchs das großrahmige Kraftpaket nach zwei wenig verratenden Auftritten im Frühjahr in Duindigt, bei denen sie Platz zwei und eins belegte, immer besser zurecht und verbesserte sich stetig. Knackpunkt, den großen Wurf zu wagen, war das Hamburger Heide-Lore-Rennen am 10. Juli, bei dem sie sich von vorn ins Ziel rettete. Die erste, nunmehr überaus vernehmliche Ansage an die Konkurrenz, sie käme fürs Blaue Band der dreijährigen Stuten schwer in Frage, gab’s dann am vorigen Samstag. So, wie die haushohe Vorab-Favoritin Star Potential an jenem 26. Juli schwer gestrauchelt, aber noch nicht gefallen war, stieg Pippas Stern strahlend hell empor. Sie war die überlegenste der sechs Vorlauf-Siegerinnen in der schnellsten Zeit, die doch nicht immer Schall und Rauch ist. Womit die neue Favoritin gekürt war.

„Puh - das war ein hartes Stück Arbeit und viel enger, als ich gedacht hatte“, sollte Hollands x-facher Champion nach vollbrachter Tat erleichtert durchschnaufen - und das nicht nur wegen der tropischen Temperaturen, mit denen Mariendorf Zwei- wie Vierbeiner auch am fünften Meeting-Tag verwöhnte. Für die wuchtige Braune mit dem mächtigen Schritt lief zwar alles nach Plan - sie konnte, erst in der Außenspur, für die Schlussrunde in Front, immer freiweg laufen, was ihrem enorm ausladenden Geläuf entgegenkommt, und auch das Tempo war so hoch, dass eigentlich niemand mehr von hinten sollte kommen können. Eigentlich… Denn auch die unerbittliche Herausforderin Emma di Quattro, im Süden von Berlin von Thorsten Tietz und Dirk Grusdas vorbereitet, als zweites kleines Wunderkind erst spät auf den Derby-Zug aufgesprungen, bewies, dass ihr Sturz der Königin Star Potential vor Wochenfrist kein einmaliger Ausrutscher gewesen sein sollte. Unerbittlich rückte Dennis Spangenberg mit Emma näher, die vielleicht etwas früh ihr Zugpferd Star Potential verloren hatte, bei der alle beschlag- und zäumungstechnischen Kniffe ihres versierten Umfelds nichts nutzten: Sie, nach den deutlichen Siegen in den wichtigsten Vorbereitungsrennen völlig logisch auf den Thron gehoben, war 600 Meter vorm Ziel mit Latein und Kräften am Ende, wackelte, galoppierte, mühte sich vergeblich und hatte Glück, dass die manchmal unerbittlichen Rennrichter sie nicht disqualifizierten. Endgültig perdu war ihre Krone bereits eine halbe Runde vor Schluss, so dass Berlins „große Emma“ - ihre Trainingsgefährtin Emma F Boko hatte sich schon am Start im Galopp aus dem Run ums große Geld katapultiert - ihres Zugpferdes durch die Außenspur verlustig ging und den Rest der Arbeit ohne Anleitung vollbringen musste. Wie sie das machte, sich Meter um Meter näher raufte und am Ende nur um Haupteslänge unterlag, gipfelte im mitreißendsten Duell des Nachmittags, bei dem unterm Strich gar der elf Jahre alte Rennrekord von Nordic Gold November dran glauben musste: Bei 1:13,6 liegt nun die Messlatte für die nächsten Generationen.

Geübt für den Besuch im Winner Circle mit Bibi Barosso hatte Hugo Langeweg zwei Rennen zuvor mit Truclent-Halbbruder Buster in einem kuriosen Vergleich, den er eigentlich gar nicht mehr gewinnen konnte: Stravinskij Bigi war nämlich uneinholbar voraus - bis ihm eine nervliche Saite riss und er kurz vorm Ziel mit dem Sieg in der Hand galoppierte.

Die beiden Trostläufe des Arthur-Knauer-Rennens gingen an die Berlinerin Wariana, mit der Andrea Lombardo die paralysierte Konkurrenz regelrecht einlullte und dann zum ersten Sieg der Stute rigoros abfuhr, und Pippilotta Diamant, die mit Rob de Vlieger auf den finalen 500 Metern nicht minder souverän alles klar machte.

Rund 200 Minuten vor dem Suten-Derby war bereits das Auktionsrennen ins westliche Nachbarland gegangen, an dem all jene Youngster teilnehmen durften, die vor einem Jahr bei der Derby-Jährlingsauktion im Angebot waren. Aus dem Kreis der 15, die allesamt erstmals um Geld liefen, schälte sich Napa Valley / Cees Kamminga als Bester heraus, der ebenfalls hart zu knabbern hatte, bis sein Sieg einen „Hals“ vor Glamour aus dem Lot der Berliner Besitzerfamilie Föllmer unter Dach und Fach war. In deren Sulky saß - Dennis Spangenberg, der damit zum reichsten doppelten Verlierer des Tages wurde. Dass man nicht immer Unsummen hinblättern muss, um ein gutes Pferd zu erwischen - dafür waren diese Beiden ein beredtes Beispiel. Waren für den von Jean-Pierre Dubois gezüchteten Hengst 18.000 Euro zu berappen, so ging Glamour an jenem 3. August für 3.000 Euro zurück zu ihren Züchtern, fand erst später ihre neuen Besitzer und dürfte ihren Kaufpreis mit dem 12.500 Euro wertvollen Ehrenplatz wie Napa Valley, der 25.000 Euro gutgeschrieben erhielt, bereits amortisiert haben.

Im Kampf der Geschlechter dominierte Anke Börnig mit Inschallah, die schon im Vorlauf vorn waren. Nach dem messerscharfen Finale konnte die Amazone ein Stoßgebet zum Himmel bzw. Richtung Rennleitung senden, denn Mister Rene und Christoph Pellander, die ihnen haarscharf das Nachsehen gegeben hatten, wurden wegen eines Fouls in der Anfangsphase nachträglich aus der Wertung genommen.

Eindeutiger Chef in seinem Wohnzimmer war im Gottlieb-Jauß-Memorial Harry’s Bar. Nach dem Patzer vor einer Woche ließ es Thorsten Tietz mit dem Wallach diesmal zu Beginn sehr ruhig angehen, machte dafür durch die erste Kurve umso Feuer unterm Kessel, übernahm eine Runde vor Schluss das Kommando und war nach einem Sturmlauf, an dessen Ende mit 1:13,0 die schnellste Zeit des Nachmittags prangte, souverän voraus.

Zwei in Italien zur Welt gekommene Traber rahmten den Renntag ein: Zum Geldwechsel-Kurs von 10:10 zeigte Rudi Haller mit Sorriso degli Dei zum Auftakt den Gegnern genauso unmissverständlich die Eisen wie zum Abschluss Daniel Wagner mit Ronas Liguori. Der nach langer Krankheit wieder vorgestellte Wallach bescherte seinen Anhängern mit 26:10 eine ordentliche Rendite.

Weiter aufwärts ging’s an der Umsatzfront: Mit 434.000 Euro wurde das Vorjahrsergebnis um 10.000 Euro übertroffen.

Umsatz bei 13 Rennen: 434.195,95 Euro (incl. 174.525,45 Euro Außenumsatz)