Trabrennbahn Berlin - Mariendorf: Orlando Jet gewinnt die Derby-Revanche

Orlando Jet mit Rudolf Haller

Der Hengst lässt seinen Altersgefährten im Breeders-Crown-Hauptlauf der dreijährigen Hengste und Wallache keine Chance. Gilda Newport gewinnt das Stuten-Pendant mit exakt der gleichen Dominanz und in neuer deutscher Rekordzeit. Für ihre Besitzerin Marion Jauß entwickelt sich der Renntag zu einer Erfolgsgala.

Berlin, 25. September 2016.

Sechs Breeders-Crown-Hauptläufe, vier Entlastungen und Preisgeld en masse: Der zweite Tag des Mariendorfer Meetings bot Trabrennsport vom Allerfeinsten – ein Ereignis, wie man es sich jeden Tag wünschen würde! Inklusive der fünfzehnprozentigen Züchterprämie wurden rund 270.000 Euro an die Sieger und Platzierten verteilt. Im Mittelpunkt stand vor allem der Hauptlauf der dreijährigen Hengste und Wallache. Eine waschechte Derby-Revanche, denn die fünf Erstplatzierten des wichtigsten deutschen Rennens waren allesamt mit dabei. Für einen von ihnen war diese Prüfung wohl der endgültige Durchbruch: Nämlich für den wie stets von seinem Trainer und Fahrer Rudolf Haller präsentierten Orlando Jet, der einen triumphalen Sieg feierte und nun von nicht wenigen Experten für das beste Pferd im Jahrgang gehalten wird. Der Hengst rechtfertigte einmal mehr Rudolf Hallers Einschätzung, der seinem Schützling von Anfang an eine großartige Karriere prophezeit hatte.

Haller hatte gleich auf den ersten Metern alles auf eine Karte gesetzt und wollte von der Startposition sechs aus unbedingt an die Spitze. Doch Orlando Jet musste zunächst den galoppierenden und sofort disqualifizierten Fiobano (Thorsten Tietz) umschiffen und ein anderes Pferd war sogar noch schneller auf den Beinen. Und zwar Blackhawk (Jos Verbeeck), der sofort die Führungsarbeit übernahm. Orlando Jet testete den Piloten kurz an, wurde dann aber die Innenkante zurückgenommen. Doch schon zu Beginn der Gegenseite orientierte sich Rudolf Haller mit seinem Schützling erneut in die zweite Spur. Und als ganz außen Mr. Shorty (Thomas Panschow) plötzlich mächtig Dampf machte, gab der bayerische Profi seinem Hengst das entscheidende Zeichen. Orlando Jet marschierte los und löste sich im Schlussbogen entscheidend von den Verfolgern. Am Ende waren es nicht weniger als sechs Längen, die den von Peter Busch gezüchteten Crack des österreichischen Rennstalls Team Neuhof von seinen Verfolgern trennten. In der phänomenalen Siegerzeit von 12,2/1.900m blieb Orlando Jet nur um eine Zehntelsekunde über dem deutschen Dreijährigen-Rekord auf Mitteldistanzen.

Muscle Boy AS und Gerhard Mayr schnappten sich mit einer fulminanten Schlussleistung, bei der Serena Hambergs Hengst regelrecht Flügel wuchsen, vor dem gut durchziehenden Mr Shorty das zweite Geld. Nur wenige Zentimeter dahinter wurde der ebenfalls vollauf überzeugende Zauni (Michael Nimczyk) mir Rang vier belohnt, während zu dem in äußeren Spuren diesmal nicht durchdringenden Derby-Sieger Muscle Scott (Robin Bakker) doch schon zwei Längen Rückstand klafften. Sein Auftritt war zwar keine Enttäuschung und er steckte auf den letzten Metern auch nicht auf – aber Muscle Scott wurden diesmal klare Grenzen aufgezeigt. Er steht trotz seines Derby-Triumphs keinesfalls eine Klasse über den Altersgefährten. Agostino (Roland Hülskath) und Hofnarr (Thomas Kornau) konnten sich nicht entscheidend einschalten und der mit der Führungsarbeit völlig überforderte Blackhawk landete auf dem letzten Rang. Alles Details, die den vor Freude strahlenden Sieger Rudolf Haller naturgemäß wenig interessierten. Für ihn gab es sogar noch eine Zugabe obendrauf, denn der Bayer führte auch den von Herbert Tuscher gezüchteten Gri di Caprio zum Volltreffer. Der Braune gewann die Entlastung der dreijährigen Hengste und Wallache nach einem geschonten Verlauf als zweites Pferd an der Innenkante.

Fünf Starts, fünf Siege – und ein Ende der grandiosen Erfolgsserie ist nicht in Sicht: Was soll man über ein Pferd wie Gilda Newport noch sagen? Sie ist nicht nur eine bildhübsche Traber-Lady, sie ist eine Königin! Von Peter ter Borgh gezüchtet, von Dion Tesselaar trainiert und gesteuert und von ihrer Besitzerin Marion Jauß schon frühzeitig als Rohdiamant erkannt – jeder Rennsportfan ist von diesem Ausnahmepferd fasziniert. Obwohl es ihr die Gegnerinnen im Hauptlauf der dreijährigen Stuten diesmal wahrlich nicht leicht machten. In der Startphase hielt zunächst die innen marschierende Gamine Newport (Michael Nimczyk) eisern dagegen und ließ die Favoritin erst mit Erreichen der Tribünengeraden passieren. Und dann tauchte außen prompt die nächste Widersacherin auf – nämlich Lesperanza (Christian Lindhardt), die das gesamte Rennen in der Außenspur bestritt und mit einer absolut großartigen Leistung trotz dieses kräftezehrenden Verlaufs das zweite Geld vor Gamine Newport erkämpfte. Doch gegen die 12,6/1.900m trabende Gilda Newport, die einen neuen deutschen Mitteldistanz-Rekord für dreijährige Stuten aufstellte, hatten beide Gegnerinnen keine Chance. Sie siegte mit zweieinhalb Längen Vorsprung völlig überlegen. Dion Tesselaar: „Gilda ist ein Vollbomber, sie kann einfach alles!“    

Ein Pferd des gleichen Kalibers ist Broadwell, der Sieger des Hauptlaufs der zweijährigen Hengste und Wallache. „Er war von Anfang an etwas ganz Besonderes“, strahlte seine Züchterin Kristin Janssen im Mariendorfer Winner-Circle über das ganze Gesicht und natürlich war auch der Siegfahrer Robin Bakker mit der Leistung des Conway-Halls-Sohns überaus zufrieden: „Broadwell hat drei großartige Erfolge in dieser Saison gefeiert und sich nun die Pause redlich verdient. Wenn er gesund bleibt, werden wir auch 2017 großartige Leistungen von ihm sehen!“ Dem ist nichts hinzuzufügen, denn der für die Farben der Familien Gerrits und Thomaskamp laufende Hengst degradierte seine gewiss nicht schlechten Gegner in 14,9/1.900m letztendlich zu Statisten. Nachdem Broadwell im ersten Bogen die Führung übernommen hatte, war der Rest für ihn nichts anderes als eine schnellere Trainingseinheit. Man wird dieses Pferd zweifellos auf der internationalen Bühne wiedersehen.      

Der Hauptlauf der zweijährigen Stuten ging an Jos Verbeeck und die von Marion Jauß gezüchtete Mary Ann J. Für den belgischen „Hexer“, der mit der Braunen sofort die Führung übernommen hatte, war es eine absolute Zitterpartie – zum einen, weil er die Love-You-Tochter, die kurz vor dem Ziel merklich wackelte und das Geläuf zu verlieren drohte, nur dank seines überragenden fahrerischen Könnens auf den Beinen halten konnte und zum anderen, weil die aus dem Windschatten der Pilotin nachsetzende Happy Steel (Dion Tesselaar) nur um Millimeter geschlagen war. So richtig spektakulär wurde es dann aber wenig später in der Entlastung der zweijährigen Stuten, denn Jos Verbeeck kommentierte seinen Start-Ziel-Sieg mit der von Dr. Friedrich Gentz gezüchteten und ebenfalls in den roten Jauß-Farben laufenden NYSE mit den Worten: „Sie stammt von einem anderen Stern und ist die beste junge Stute, die ich bisher in Deutschland gefahren habe!“ Im direkten Anschluss machte der viermalige Amérique-Sieger den Triumphzug der Neritz-Traber endgültig perfekt, denn er gewann mit dem eine Runde vor Ziel offensiv in die Schlacht geworfenen Nikkei, dem Bruder von NYSE, die Entlastung der vierjährigen Hengste und Wallache. Als Züchter zeichnete erneut Dr. Friedrich Gentz verantwortlich. Für Marion Jauß war es also ein ganz großer Tag: Vier Siege bei einer der wichtigsten Rennveranstaltungen der Republik – das konnte sich wahrlich sehen lassen!

C‘est bien – das ist gut! Das war das Motto beim Triumph der gleichnamigen Stute C‘est bien im Hauptlauf der vierjährigen Ladies, dem mit fast 57.000 Euro (inklusive Züchterprämie) prämierten und damit höchstdotierten Rennen des Sonntags. Die Ereignisse sind schnell erzählt: Die von Kirsten Hansen gezüchtete und von Roland Hülskath gefahrene und trainierte Love-You-Tochter gab unterwegs nur für einen kurzen Moment die Spitze ab und bestimmte ansonsten in Front liegend souverän das Geschehen. Schon weit vor dem Ziel war der Sieg für die Farben von Dr. Christian Ziegener und seiner Tochter Danika in Sack und Tüten. Roland Hülskath: „Man muss C‘est bien dennoch immer sehr vorsichtig anfassen, denn trotz ihrer großen Kapazität ist sie vom Kopf her noch unreif und läuft am liebsten kreuz und quer über die Bahn.“      

Gar nicht mehr wiederzuerkennen ist Adriano BR, der in der Saison 2015 zwar zunächst den Derby-Spitzenpferden zugeordnet wurde, letztlich dann aber allzu oft enttäuschte. Bei seinen aktuellen Starts in Dänemark ging es mit dem von Bernhard Rosengarten gezüchteten Traber aber steil bergauf und diesen frischen Schwung brachte der nun von Nicolaj Andersen gesteuerte Dunkelbraune nach Berlin mit, denn der Hauptlauf der vierjährigen Hengste und Wallache wurde zu seiner klaren Beute. Auf der letzten Halben machte Adriano BR in der Außenspur mächtig Druck auf den Piloten Napa Valley (Cees Kamminga) und Mitte des Einlaufs löste er sich sogar spielerisch von den Gegnern. Nappa Valley musste auch noch Goodspeed (Thomas Panschow) passieren lassen.     

Die Entlastung der dreijährigen Stuten entwickelte sich zu einem dramatischen Finish-Krimi, denn die vom Fleck weg führende Likasi geriet durch die gegenüber schwungvoll aufgerückte Good Girl As (Michael Nimczyk) auf der Zielgeraden mächtig unter Druck. Doch am Ende behielt die von der Familie Herz gezüchtete Dunkelbraune mit ihrem Trainer und Fahrer Christian Lindhardt hauchdünn die Oberhand. Der Däne: „Likasi lief auf den letzten Meter nur auf der linken Leine – ich musste daher sehr behutsam mit ihr umgehen.“ Und hier die Sieger der beiden im Rahmen der Breeders-Crown-Veranstaltung ausgetragenen Rennen: Der niederländische Gast Ronald de Beer setzte sich von der Spitze aus erstaunlich leicht mit der 121:10-Außenseiterin Floor Charisma durch. Auch Ufo de Valle und sein Trainer Josef Franzl drückten der Konkurrenz erfolgreich das Tempo auf und wehrten den feinen Schlussangriff von Rayman (Dennis Spangenberg) bravourös ab.  

Gesamtumsatz: 249.754,50 Euro – Bahnumsatz: 95.640,20 Euro - Außenumsatz: 154.114,30 Euro.

Foto von Marius Schwarz: Der überragende Sieg des Hengstes Orlando Jet mit seinem Trainer und Fahrer Rudolf Haller