Trabrennbahn Berlin – Mariendorf: Mika Forss Europameister 2016

Foto von Marius Schwarz: Der neue Europameister Mika Forss bei der von HVT-Präsident Heinz Tell (links) gemeinsam mit dem Regierenden Berliner Bürgermeister Michael Müller und der Miss Germany 2016 Lena Bröder vorgenommenen Siegerehrung

Mit einer rundum gelungenen, liebevoll arrangierten Europameisterschaft der Profis, an deren Ende es nach den sechs Läufen selbst bei nicht ganz vorn gelandeten Meistern der zwölf vertretenen Nationen zufriedene Gesichter und allseitiges Lob für die Mannschaft des Veranstalters gab, wurde der Einstieg in die acht tollen Mariendorfer Tage zum echten Hingucker.

Letztlich erinnerte sich auch der Wettergott seiner Pflicht, zum Monatswechsel Juli/August für das entsprechende Ambiente zu sorgen. Nachdem es bei der Präsentation der Fahrer noch kräftig geschauert hatte, brachen sich beim Durchschneiden des Blauen Bandes, der symbolischen Eröffnung des Meetings, unmittelbar darauf erste Sonnenstrahlen Bahn und setzten sich mit fortschreitendem Programm immer kräftiger durch.

Eitel Sonnenschein all überall - auch bei Enrico Bellei, dem Champion Italiens und an Siegzahlen reichsten Fahrer dieser EM, der schon vor „Anpfiff“ allen Grund gehabt hätte, eine süß-säuerliche Miene aufzusetzen: Er hatte gleich zwei der recht zahlreichen Nichtstarter zu verdauen, die unter anderem zustande kamen, weil die vierbeinigen Gäste aus Litauen und Polen dort noch einmal nach Starterangabe für die PMU-Rennen gerannt waren, was nach Vorgabe der französischen Wettorganisation nicht statthaft ist.

Der 9.000 Siege schwere gebürtige Florentiner fuhr „zum Kompott“ in den ersten drei Wertungsläufen Galopp und war damit früh aus dem Rennen um den Titel, freute sich jedoch umso mehr, als er im vierten WM-Lauf mit 251:10-Außenseiter Edgar Kievitshof zum überlegenen Gewinner wurde: „Heute steht der Spaßfaktor im Vordergrund, morgen geht’s in Italien wieder an die Arbeit.“

Zumindest offiziell wurde über die Zulosung der Pferde nicht geklagt, nach der „nach bestem Wissen und Gewissen“ einer Experten-Runde jeder Teilnehmer je zwei Pferde der höchsten, mittleren und schwächsten Kategorie zu fahren hatte.

„Wir alle sind alt genug zu wissen, dass eine Portion Glück dazugehört, so sehr sich ein Veranstalter auch Mühe gibt, gleichmäßige Felder anzubieten. Dies sollte uns die Freude, dass es solche Wettbewerbe überhaupt gibt, nicht verderben“, sprach Gerhard Mayr in der ihm eigenen Diktion aus, in der immer auch eine Spur Schalk in der Stimme schwingt. Und der ist in solchen Wettbewerben ein alter Hase.

„Wir kommen alle gerne wieder“, hatte ein gewisser Eddy Freundt nach der Erstauflage in Recklinghausen vor nunmehr 47 Jahren als Sprachrohr der damaligen Zehn gesagt. Daran hat sich, nimmt man Björn Goops Resumee für bare Münze, in all den Jahren nichts geändert: „Obwohl ich gewiss andere Engagements gehabt hätte - mir machen solche Fahrerwettbewerbe einfach Spaß. Du triffst abseits der Hektik eines normalen Renntags alte Freunde, kannst neue gewinnen, nimmst neue Eindrücke mit“, so der 39jährige Sunnyboy, der sonst kreuz und quer durch Europa von Termin zu Termin saust - heute Schweden, morgen Frankreich, übermorgen Italien. „Da ist das Ergebnis eher zweitrangig.“

Gewinnen wollte er gleichwohl, doch blieb ein Sieg Schwedens Rekordmeister versagt. Dennoch konnte sich das Publikum von der immensen Klasse eines der besten Finishfahrer Europas überzeugen, der zuvor müden Recken wie Baschkir oder dem am Start gesprungenen und damit fast aussichtslosen Voll Toll auf seine unnachahmliche Art mit fairen Mitteln Beine machte, fleißig punktete und auf dem Ehrenplatz landete.

Den Tick effizienter agierte ein weiterer nordeuropäischer Catchdriver: Mika Forss, mit (etwas paradox) einem Nichtstarter eingestiegen, gewann Lauf 2 mit Key Largo, legte mit zwei Ehrenplätzen nach, fuhr  mit zwei siebenten Rängen den Punkte-Vorsprung sicher nach Hause und trat damit in die Fußstapfen seiner berühmten Landsleute Pekka Korpi und Jorma Kontio, die den EM-Titel insgesamt fünfmal ins Land der tausend Seen geholt hatten.

„Bronze“ ging an den jungen Holländer Rick Ebbinge, der nach dem Rückzug der Vorausfavoritin Miss Apple JM mit einem bayerischen Überflieger allein auf weiter Flur war und Ufo de Valle souverän in den Winner Circle steuerte. Rang vier okkupierte Eirik Höitomt, ebenso einer jener Skandinavier, die den Umgang mit völlig unbekannten Pferden von fahrerischen Kindesbeinen an gewohnt sind und der in der Auftaktprüfung die Ausfälle von Wirbelwind und Famous Rich konsequent zum Sieg von Mr. Zuverlässig Hironimus LB nutzte.

Last not least durften sich die Gastgeber über den Erfolg Michael Nimczyks freuen, der über weite Teile des 5. Laufs mit dem faulen Diablo Limburgia nahezu unsichtbar blieb und mit einer wahren Teufelsfahrt auf der Zielgeraden punktgenau da war. Deutschlands Meister belegte hinter Gerhard Mayr, der sich als konsequenter Punkte-Hamster entpuppte, Rang sechs und darf im nächsten Jahr zur WM nach Kanada. Letzter der sechs EM-Sieger wurde Belgiens Rik Depuydt, der den 16:10- Elfmeter Evans Stardust souverän zu seinem offiziell 1.500. Sieg verwandelte.

ABANO H VIERBEINIGER CHAMPION

Nach den zweibeinigen kamen die vierbeinigen Meister in der Sommer-Champions-Serie zu ihrem Recht. Sie wurde zum Schaulaufen von Abano H, der trotz eines Startrumplers, der seine 20-Meter-Vorgabe praktisch auffraß, turmhoch überlegene Ware war. Nach einem Zwischenspurt 1100 Meter vor Schluss auf die Kommandobrücke gesaust, führte er dort ein eisernes Regiment und zog dem wie immer tapfer kämpfenden, in den Bögen stets etwas Boden verlierenden Tiger Montecore Mo sehr gründlich die Krallen. „Er ist erst Ende vierjährig in den Rennbetrieb eingestiegen und hätte weitaus mehr Gewinnsumme, wäre er nicht in München und Straubing um manchmal lächerliche 380 Euro Siegpreis angetreten“, beschrieb wie immer sehr sachlich Berlins Champion Thorsten Tietz seinen Neuzugang.

Dem amtierenden wollte der ehemalige Berliner Champion Michael Hönemann nicht nachstehen, Der Berlin-Rückkehrer ließ sich die den Renntag beschließende Prüfung der „Trotteurs français“ über anspruchsvolle 2½ Kilometer mit Téquila Dance nicht nehmen, die Tempomacher Agets de Bouère am Ende recht sicher in die Schranken wies.