Trabrennbahn Berlin - Mariendorf 2017: Victor Gentz macht den Renntag zum Thriller

Victor Gentz, Red Phoenix, Andreas Haase

Der Profi gewinnt mit dem 285:10-Außenseiter Red Phoenix einen nahezu unglaublichen Finishkampf, der die Zuschauer von den Sitzen reißt. Er punktet zudem mit Mon Filou. 

Mariendorf, 19. April 2017.

Man mochte es kaum glauben: Ein strahlend blauer Himmel spannte sich über die Derby-Bahn und just in dem Moment, als sich die Pferde des erstklassig besetzten zweiten Rennens hinter dem Startauto versammelten, änderte sich die Lage innerhalb von Sekunden dramatisch. Aus tiefdunklen Wolken fegten Schneeschauer über die Bahn hinweg und vor allem für die Favoritenwetter wurde es zeitgleich richtig finster. Denn nicht der mit 13:10 heiß favorisierte Montgomery Mo (Michael Nimcyk) konnte sich trotz ständiger Führung und einer gewiss nicht schlechten Leistung durchsetzen, sondern der bei 285:10 als chancenlos eingestufte Red Phoenix trumpfte mit seinem Besitzer und Trainer Victor Gentz ganz groß auf. Der Finishkampf war ein unglaublicher Thriller – eine Entscheidung, wie man sie nur alle paar Jahre einmal sieht. Um es salopp auszudrücken: Jedem Zuschauer blieb glatt die Spucke weg! Und es war obendrein der beste Beweis, wie spannend und faszinierend der Trabrennsport sein kann!

Denn ein Sieg von Red Phoenix schien bis zum Schluss eigentlich völlig unmöglich zu sein. Victor Gentz hatte seinem Schützling zwar einen idealen Verlauf als viertes Pferd außen serviert – doch als dann Lea Ahokas aus seinem Windschatten heraus mit Julius Southwind Mitte der Gegenseite richtig Gas gab, schienen die Würfel gefallen zu sein. Die geradezu furchtlose Amazone, die sich auf beeindruckende Art und Weise im harten Profigeschäft etabliert hat und über ein wirklich tolles Händchen verfügt, machte ein richtiges Fass auf und übte auf den Piloten Montgomery Mo einen solch hohen Druck aus, dass sich beide Pferde im Schlussbogen um unzählige Längen vom scheinbar überforderten Rest des Feldes entfernten. Selbst Mitte der Zielgeraden, als schon erkennbar war, dass sich Montgomery Mo wohl beugen müsse, war von den Verfolgern nicht wirklich etwas zu sehen. Doch just in dem Moment, als Julius Southwind endgültig die Nüstern in Front gesteckt hatte, waren sie da. Ein Traber-Krimi vom Allerfeinsten! Red Phoenix kämpfte sich in 15,2/1.900m mit einem kurzen Kopf an Julius Southwind vorbei und der unterwegs völlig chancenlos wirkende Rainbow Diamant flog im Wahnsinns-Speed – ebenfalls nur mit einem Kopf geschlagen – an dem tapferen Montgomery Mo vorbei auf den dritten Rang. Die Quote der Dreierwette lautete 34.235:10! 

Weitaus geringer fielen die Odds beim zweiten Tagessieg von Victor Gentz aus, denn für Mon Filou gab es nur das doppelte Geld zurück. Das war auch kein Wunder, denn der Vierjährige löst nun immer mehr die Erwartungen seines Besitzers André Dujardin ein und verbesserte seinen Rekord um mehr als eine halbe Sekunde auf 15,9/1.900m. Victor Gentz: „Mon Filou hat sich in den zurückliegenden Wochen prächtig entwickelt und wird mit jedem Tag körperlich stärker.“ Der Pablo-As-Sohn hatte eine Runde vor dem Ziel mit einem wuchtigen Vorstoß das Kommando übernommen. Im Einlauf setzten Aura Olympic (Thorsten Tietz) und Rower Lady (Heinz Wewering) zwar vehement nach – aber Mon Filou musste zu diesem Zeitpunkt nur noch bei Laune gehalten werden. Der Braune gewann mit einem deutlichen Vorsprung von zwei Längen.    

Dies war in etwa auch der Abstand, mit dem Heinz Wewering und Webi Rover in flotten 15,2/1.900m siegten. Dem 29-maligen Deutschen Meister darf man ähnlich wie der zuvor genannten Lea Ahokas ebenfalls eine überaus mutige Vorgehensweise attestieren, denn er ließ den zunächst führenden und am Ende schwer geschlagenen Piloten Lovers Hall (Thorsten Tietz) zu keinem Zeitpunkt in Ruhe. Das war aber nicht nur der offensiven Taktik, sondern vor allem der Notwendigkeit geschuldet. Heinz Wewering: „Webi Rower war auf den ersten Metern sehr unruhig und ich entschied mich daher schon im ersten Bogen, ihn gehen zu lassen. Er fand im Anschluss natürlich einen aufwändigen Rennverlauf vor – aber gemeinsam mit der Besitzerfamilie Arkenau wusste ich, dass der Schimmel ein konstant hohes Tempo sehr gut bewältigen kann. Webi Rower hat seine Sache heute wirklich klasse gemacht!“

Völlig anders entwickelte sich das Geschehen beim Volltreffer von Manfred Zwiener mit Anna Simoni. Das war zum Teil schon im Vorfeld klar, denn die in das dänische Gestütsbuch eingetragene Stute musste mit der Startnummer 14 aus der zweiten Startreihe heraus ins Rennen gehen. Der Berliner, der im Jahr 2000 die Europameisterschaft gewann, hatte sich aber ohnehin eine defensive Taktik zurechtgelegt, denn er wusste, dass Anna Simoni auf den letzten Metern am stärksten ist. Manfred Zwiener: „Sie hatte ein paar Probleme mit den Beinen und wir waren uns nicht ganz sicher, ob wir starten sollen. Aber Anna Simoni verfügt über viel Können – das hat sie heute eindrucksvoll unterstrichen.“ Die Hellbraune ließ sich auf der Gegenseite zunächst von Ambrosini (Dennis Spangenberg), der wenig später aufgrund einer Behinderung schwer von den Beinen kam, in Richtung Spitze ziehen und stellte die führenden Pferde im Einlauf erfolgreich zum Kampf. Der zweite Rang ging an War Horse (Michael Nimczyk), der erst spät von der Innenkante freikam und nun vier Ehrenplätze en suite erzielt hat.          

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft stellte die den französischen Trabern vorbehaltene Prüfung dar. Denn nur die drei Pferde, die im Ziel auch tatsächlich vorne waren, konnten im Verlauf des Rennens entscheidende Akzente setzen. Die restlichen Traber eliminierten sich entweder durch Galoppaden oder waren nicht in der Lage, den Anschluss an die zunächst führende Baliverne Buroise (Victor Gentz) zu halten. Auf der Schlussrunde spürte die Pilotin immer mehr den Atem des außen aufgerückten Brandy Hornline in ihrem Nacken. Zugleich nagelte dessen Fahrer Thomas Panschow geschickt den eigentlichen Gegner Cinto de Tilou (Alexander Kelm) als drittes Pferd an der Innenkante fest. Als Cinto de Tilou endlich freikam, war alles längst entschieden: Brandy Hornline verabschiedete sich mit drei Längen Vorsprung von dem Gegner und erzielte für seine Besitzer Robert und Magdalena Kieniksman einen weiteren überzeugenden Erfolg.       

Gesamtumsatz: 31.366,71 Euro

Unser Terminhinweis: Die nächste Mariendorfer Veranstaltung findet am Sonntag, dem 23. April statt. Beginn ist um 13.30 Uhr. Im Mittelpunkt des Zehn-Rennen-Programms steht der Frühjahrs-Pokal des VDT.

Foto von Marius Schwarz: Victor Gentz und Red Phoenix bei der Ehrung gemeinsam mit Andreas Haase, dem Geschäftsführer des Rennvereins