Trabrennbahn Berlin - Mariendorf 2016: On Vogue und Broadwell schwer en vogue

Broadwell mit Robin Bakker

Berlin-Mariendorf, Samstag, 27. August 2016. In erwarteten Bahnen verlief das Schaulaufen der Youngster. Erstmals seit langer Zeit war der Jugend-Preis, Deutschlands ältestes Zuchtrennen überhaupt, zurück nach Berlin an die Stätte seiner früheren Austragungen gekommen - und das gleich mit einer Neuerung. Streng nach Geschlechtern getrennt ging es zu beim Jahrgang 2014, der die Arbeit bei brütender Hitze weit jenseits der 30-Grad-Marke exzellent versah.

Das galt insbesondere für Broadwell, mit dem Robin Bakker im Reigen der neun Hengste wie erwartet nur Dienst nach Vorschrift versah. „Er ist ein Automatik-Wagen - von vorn, von hinten, aus der Mitte zu fahren. Ich muss mir mit ihm keine besondere Taktik zurechtlegen“, hatte der Berufsfahrer über das nächste Juwel aus der holländischen Talenteschmiede des Paul Hagoort im Vorfeld zu Protokoll gegeben. Dessen war sich das geneigte Publikum bewusst, hatte sich doch der auf der vorjährigen Derby-Auktion für 160.000 Euro versteigerte, prächtig daherkommende Hengst bereits das Auktionsrennen vor drei Wochen souverän eingeklinkt. Bakker hielt Wort, die 11:10-Chance - eine Seltenheit bei solch jungen Pferden - am Start etwas zurück, schwang nach wenigen hundert Metern dennoch den Taktstock und legte auf dem letzten Abschnitt einen Beat vor, bei dem der Rest nur staunend hinterdrein blickte. Nach 1:16,6 über die 1900 Meter weite Strecke war auch die zweite Messe zugunsten des neuen Aushängeschilds der Herren Gerrits und Thomaskamp gesungen, die in der identischen Konstellation mit Tiger Woods As vor drei Jahren einen Derbysieg feierten. Nicht Wenige glauben, jenen des kommenden Jahres in dem Braunen gesehen zu haben. „Entwickelt er sich weiter so prächtig und bleibt gesund, sollte er 2017 eine tragende Rolle spielen“, gab Bakker diesen Orakeln kräftig Futter.

Einen grundsätzlich anderen Weg wird On Vogue beschreiten. Die 50 Minuten zuvor nach hartem Kampf sogar in 1:15,6 siegreiche Tochter der Olly Lane, die Zeit ihrer Karriere rund 180.000 Euro verdient hat, scheint mit Verve in Mutterns Fußstapfen treten zu wollen. „Ein Vorteil ist’s nicht, wenn man die Mutter bereits gefahren hat“, schmunzelte Steuermann Heinz Wewering, „wichtig ist, dass sie gut ist - und das ist sie zweifellos.“ Bereits ihr Debüt hatte sie in Gelsenkirchen von der Spitze gewonnen, und mit dieser Taktik ging es wiederum hurtig zur Sache. Auf den letzten Metern wurde Hexenmeister Jos Verbeeck mit Mary Ann J jedoch brandgefährlich und rückte bis auf eine Nasenspitze heran, während Pechmarie Hennis Neyenrode mit gefesselten Füßen innen hoffnungslos festsaß. In den wichtigen hiesigen Dreijährigen-Prüfungen wird On Vogue 2017 nicht en vogue sein: Ihr Trainer, Züchter und Besitzer Hans-Ulrich Bornmann hat sie ins schwedische Gestütbuch eintragen lassen, so dass sie überwiegend in nordischen Gefilden wildern dürfte. Weil sich’s auf einem Bein beschwerlich stehen lässt, schnappten sich beide Siegfahrer noch eine weitere Ehrenschleife. Im über 2500 Meter führenden St.-Leger-Trial für dreijährige, in Deutschland geborene Stuten triumphierte das Dream-Team Bakker/Hagoort dank Gaia F Boko. Die Siegerin des Derby-Trostlaufs, die das Finale knapp verpasst hatte, war wie ihr Trainingskamerad ganz früh gegen Tessa und die viel zu spät auf freie Bahn kommende Stuten-Derby-Dritte Stonewashd Diamant auf der sicheren Seite.

Wewering, der bereits tags zuvor einen Doppeltreffer gelandet hatte und damit zum Mann dieses Kurz-Meetings wurde, machte aus unmöglicher Lage Bourbon Design die Socken scharf. Weit außen fegte die von Michael Hönemann vorbereitete Stute an der kämpfenden Horde wie ein Düsenjet vorbei. Anschließend konnte sich der 29fache Goldhelm über den Sieg eines von ihm trainierten Pferdes freuen: New Generation, wie ein Bumerang zum zweiten Mal aus südlichen Gefilden bei ihm gelandet, ist nach dem Österreich-Abenteuer „endlich wieder richtig zu Hause angekommen“, wie Wewerings Lebensgefährtin Chantal Solhart beschrieb. Pferd wie schneidige Fahrerin mussten allerdings alles auf die Waagschale packen, um den bis zum Pfosten enorm zudringlichen Oncoming Diamant in Schach zu halten.

Erster Besucher im Winner Circle war Mariendorfs vielfacher Ex-Champion Michael Hönemann, der mit der im Stuten-Derby überforderten O Mia Bella eine wohlfeile Aufgabe souverän zu deren erstem Treffer „lifetime“ nutzte. Es folgte der bei 40 Meter Zulage nicht gar so unerwartete Sturz des Monté-Giganten Garry. Es war jedoch nicht Noiseinbigdance, der als Flüchtling seiner eigenen Pace erlag und lediglich als Vierter anschlug, der ihm den Garaus machte. Die zähe Imperia, in diesem Metier noch unerfahren, war mit Maja Unterdörfer aus der Deckung rechtzeitig da, um Garry aufs Kreuz zu legen.

Nicht unbedingt zu rechnen war auch mit dem Spurtsieg von Maik Espers Skip Beau, dem die Startgaloppade von Abrakadabra, mit der Jos Verbeeck diesmal kein Hexenwerk vollbrachte, natürlich sehr zupass kam. Durch den turmhoch überlegenen Zauni, Thorsten Tietz’ einzige Siegfuhre, setzte es im vierten Rennen endlich den ersten Favoritentreffer. Für den nächsten Favoritensturz zeichnete Rayman verantwortlich. Mit dem kleinen Italiener, der eine harte Eröffnungsphase wegzustecken hatte, ließ Dennis Spangenberg Siegmaschine Lighten up Today vorbei - und drehte ihm auf der Zielgeraden nach kurzem Scharmützel eine lange Nase.

Die letzte Schleife des kurzweiligen Nachmittags wanderte nach Bayern: Rudi Haller ließ mit Pompano Julian nach sehr ähnlicher Regie Maik Espers Light the Fire mit kernigem Endspurt keine Chance.

Umsatz bei 11 Rennen: 122.656,50 Euro (incl. 82.119,70 Euro Außenwette)

Foto von Marius Schwarz: Broadwell mit seinem Fahrer Robin Bakker