Trabrennbahn Berlin - Mariendorf 2016: Der 6. Tag der Derby – Woche

Detlef Fleischer und Kitty Hawk

Kitty Hawk eine Klasse für sich

Berlin-Mariendorf, Freitag, 5. August 2016. Wie das (Traber-)Leben so spielt! Ausgerechnet auf jener Piste, auf der sie als Unbezwungene vor einem Jahr auf einem nach einem Wolkenbruch pfützenübersäten Geläuf ausgerutscht war und die rote Karte zu sehen bekommen hatte, schnappte sich Kitty Hawk in jenem Stil, den die Fans aus ihrer bayerischen Heimat gewohnt sind, die wichtigste Prüfung des Freitagabends: Das an Mariendorfs langjährigen Vorsitzenden und Retter aus der ersten, 1913 nur acht Monate nach der Einweihung geborenen Krise erinnernde Bruno-Cassirer-Rennen.

Bereits in ihrem Vorlauf machte die Fünfjährige mit allen Unkenrufen der Österreicher, sie wüssten, wie sie zu bezwingen sei - nämlich durch eine Pippilotta Diamant mit idealem Rennverlauf -, ganz kurzen Prozess. Detlef Fleischer hielt sich aus dem anfänglichen Getümmel um die Führung heraus, was jedoch nicht hieß, dass er den lediglich fünf Rivalinnen kampflos das Geschehen überlassen wollte. Nach 500 Metern erfolgte die freundliche Regieübernahme von besagter Pippilotta Diamant, die anschließend nie den Hauch einer Chance hatte, den Spieß zurück zu drehen, ja aufpassen musste, durch ihren völlig ins Leere laufenden Angriffsversuch nicht auch noch des Ehrenplatzes verlustig zu gehen, für den Zuchtgefährtin Robinia Diamant sie innen entlang mächtig unter Druck setzte. „Kitty ist absolut unkompliziert, das bravste Pferd, das man sich denken kann, und liebt es, von der Spitze weg schnell zu rennen“, strahlte Fleischer über das Familienpferd, das offiziell seiner Frau gehört, von Gerd Biendl trainiert wird und sich mal eben um 1,5 Sekunden auf 1:14,1 verbesserte.

Genauso klar favorisiert wie die auf dem Helenenhof der Frahms geborene Here-comes-Joey-Tochter war in der 2. Abteilung eine andere Diamantin: Replay Diamant schien jedoch über den gesamten Weg nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte, hatte am Ende des Pulks keinen echten Moment und rollte sich im Bemühen zu retten, was längst nicht mehr zu retten war, eingangs der letzten Biegung in ein Galopp. Da war die ein mit 1:14,4 ebenfalls recht strammes Tempo vorgebenden Finesse / Niels Jongejaans bereits auf der sicheren Seite. Beirren durch die verblüffend spurtende Berlinerin Intelligente ließ sie sich nicht mehr.

Eine glatte Berliner Sache war der zweite, mit zwölf Ladys üppig gefüllte Vorlauf. Dabei räumte Miss Apple JM mit der Frage nach ihrer Fitness auf, hatte sie doch ihr Engagement vor einer Woche in einem der Europameisterschaftsläufe wegen unüberhörbaren Hustens absagen müssen. Allen Spekulationen erteilte sie eine gründliche Abfuhr, regierte mit dem ersten Schritt in gewohnter Manier und setzte in der Hand von Thorsten Tietz ihren siebenten Saisontreffer. Nicht minder beeindruckte die in Mariendorf stationierte Medusa, die ihren Run durch die Außenspur prächtig durchstand und den Ehrenplatz zäh verteidigte gegen die Schwadron der Flirty or Dirty, Peaches Diamant und Dom Perrignon.

Das mit 20.000 Euro dotierte Finale wurde zur zweiten Show der Kitty Hawk. „Den Bänderstart kann sie - da ist sie die Ruhe selbst und, sollte es einen Fehlstart geben, binnen weniger Meter anzuhalten. Sie ist ein abgeklärtes Rennpferd durch und durch“, hatte Detlef Fleischer allen Hoffungen der Konkurrenz im Vorfeld einen Riegel vorgeschoben, seine Lady könne an der Startmethode scheitern. Auch die böse „13“ - dies war ihr 13. Auftritt - spielte ihr keinen Streich. Als hätte sie ihr Leben lang nie etwas anderes geübt, stürmte die Braune sofort ins Kommando, zog ihre einsamen Kreise und die stets in ihrem Windschatten postierte Pippilotta Diamant zum Ehrenplatz mit. Schlecht erging es mit den 20 Metern Zulage bedachten beiden chancenreichen Berlinerinnen: Miss Apple JM zog als zeitweilige Anführerin der zweiten Spur genauso wenig durch wie Medusa, die sich nach einer Runde gar in dritter Linie versuchte und damit Schiffbruch erlitt. Umso besser versahen es Floor Petnic, die zur Halbzeit außen Miss Apple abgelöst hatte, sowie die innen geschonten Finesse und Flirty or Dirty, die die kleineren Prämien kassierten. Beste Berlinerin war Intelligente, die auf Rang zwei genau dort endete, wo die Geldverteilung aufhörte.

Für Kitty Hawk war’s der elfte Sieg - verloren hat sie ohne Galoppeinlage noch nie -, der ihr Konto auf 19.336 Euro mehr als verdoppelte.

Out of the Slums - rein in den Winner Circle…

…lautete die Devise für den von Jürgen Hanke gezüchteten Dänen in Vor- wie Endlauf des Shootingstar-Cups, der seinem Namen gerade für ihn alle Ehre machte. Ein echter Senkrechtstarter ist der Vierjährige nämlich geworden, seit er Ende letzten Jahres zu den Nimczyks überstellt worden war. Bereits in Dänemark war er dreijährig kein Schlechter, hatte sich mit einem Sieg aus Aarhus verabschiedet. In Deutschland hatte er bei zwei Starts überhaupt noch nicht verloren, ja sogar Derby-Finalist Zauni bei dessen Generalprobe abgezogen, und nahm folgerichtig den Vorlauf als 14:10-Favorit unter die Hufe. Dass es vorneweg letztlich etwas eng wurde, führte Michael Nimczyk darauf zurück, „dass er noch ziemlich grün ist und allein in Front nicht so recht weiß, was er machen soll. Aus der Deckung ist er stärker.“

Genau dieses Rezept war - neben der kapitalen Galoppade des anderen Vorlaufsiegers Peron Viking, der Ende der Startgeraden aus dem Rhythmus geriet - der Schlüssel zum Finalerfolg. „Meine einzige Sorge war, hinter Tempobolzer Sander LB rechtzeitig auf freie Bahn zu kommen“, so der 30jährige. Die Ampel sprang für ihn in jenem Moment auf Grün, als sich Mit-Favorit Jamie Oliver, gerade zur Attacke ansetzend, 250 Meter vorm Ziel verhaspelte und sprang. Der Rest war ein Kinderspiel für Out of the Slums, der den als Frontmann der Außenspur ein Riesenrennen hinlegenden Milow locker abschüttelte und einen überglücklichen neuen Besitzer zurückließ: Johann Holzapfel, auch bei drei Derbyfinalisten „im Boot“, hatte den Hengst erst vor kurzem erworben „Mein Bauch sagte mir, dass das ein Kracher wird!“ Sehr gedämpft war hingegen die Freude bei Michael Nimczyk: „Ich möchte keine offizielle Siegerparade fahren nach all dem, was im Rennen zuvor passiert ist. Die Pferde sind unsere Freunde, unsere Partner. Da macht es wohl jeden betroffen, wenn eines im Rennen tot zusammenbricht.“

Widerfahren war dies Florus G im Nachwuchsfahren, über dem ohnehin ein Unglücksstern stand. Die galoppierende One and Only kollidierte mit Florus G, wurde fahrerlos, konnte nach einiger Zeit unversehrt eingefangen werden und durfte wegen ihrer Extratouren beim Neustart nicht teilnehmen. Den machte Florus G mit, brach vermutlich infolge eines Aorten-Risses, wie er bei Pferden immer wieder mal vorkommt, im Schlussbogen zusammen und verstarb dort. Da wurde Lea Ahokas’ Sieg mit Red Phoenix - die hatte von all dem weit voraus nichts mitbekommen - umgehend zur Nebensache.

Nachdem er tags zuvor leer ausgegangen war, war Michael Nimczyk mit drei Siegen Chef im Ring, nachdem er mit William Scott den schnellsten „Miler“ zur Hand hatte. Siegreich debütierte Light the Fire unter der Regie von Maik Esper, der an der Schaltzentrale nicht zu erschüttern war. Den Sog der anderen nutzte Hubert Brandstätter mit Sherie und führte die Österreicherin zu einem ebenso sicheren Sieg, wie sein Landsmann Gerhard Mayr die Gunst der Stunde bzw. des ihm vor der Nase wegspringenden Kahlid nutzte zum Kampf-Erfolg seiner Stormy Salsa, die bei  547:10 den Toto kräftig tanzen ließ.

Der hatte schon beim unverhofften Sieg von Chantal Solharts Theodor Fontane für 217:10 gewackelt. Sie nutzte den Raubbau, den Nico Böker mit Stan Libuda betrieb, und bedankte sich für die Öffnung der Innenspur im Einlauf auf ihre Weise. Die letzte Schleife ging nach Dänemark: Mit dem mit guten Empfehlungen aus Satteltraben über die Ostsee gekommenen Fart Kloster wurde Camilla Jensen nach einem Kilometer aktiv und ließ den vom Fleck weg führenden Fools Garden auf der Zielgeraden glatt um acht Längen stehen. Die deftige Verspätung - am Ende hinkte man dem Programmablauf um eine Stunde hinterher - verfehlte ihre Wirkung auf den Umsatz nicht: Nach drei Tagen kräftigen Aufschwungs und einem „pari“ tags zuvor gab’s im Vergleich zum Vorjahr mit 26.784 zu 31.059 Euro Schnitt pro Rennen ein deftiges Loch in der Kasse.

Umsatz bei 14 Rennen: 374.970,37 Euro (incl. 168.394,67 Euro Außenumsatz)

Foto von Marius Schwarz: Detlef Fleischer und Kitty Hawk, die großartigen Sieger des Bruno-Cassirer-Rennens