Springreiten: Nach 158 Starts für Deutschland ist Schluss für Ludger Beerbaum

Ludger Beerbaum

Rekord-Springreiter beendet aktive Karriere im Nationalteam

Barcelona (fn-press). Im August 1985 fing es an. In der irischen Hauptstadt Dublin ritt Ludger Beerbaum seinen ersten Nationenpreis im deutschen Springreiter-Team. 133 Starts bei den internationalen Mannschaftswettkämpfen und 24 Championatsteilnahmen sollten folgen. Wie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro angekündigt, hat Beerbaum am Samstagabend in Barcelona seine Karriere im Nationalteam beendet. Als Einzelreiter will er dennoch weiterhin international starten.

Mit einem Sieg im Nationenpreis-Finale in der katalanischen Metropole, wo er 1992 mit Classic Touch einen seiner größten Erfolge feierte, den Gewinn seiner olympischen Einzel-Goldmedaille, verabschiedet sich Beerbaum also aus der deutschen Springreiter-Equipe. Der Reiterei wird er aber natürlich erhalten bleiben. Schließlich will er weiterhin bei internationalen Turnieren antreten. Außerdem hat er zu Hause in Riesenbeck ein Unternehmen zu leiten. Dort führt er einen Trainingsstall, in dem junge und talentierte Reiter und Pferde ausgebildet werden, dort finden Turniere statt und wird Pferdezucht betrieben. „Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Es gab Höhen und Tiefen in meiner Karriere. Aber es war eine tolle Zeit und ich bin mit mir im Reinen.“ In den kommenden Monaten will er kürzer treten, auch mal in den Urlaub fahren. Konkrete Turnierpläne, etwa für die Weltcup-Saison, habe er aber noch nicht.

Bereits nach der Mannschaftsentscheidung bei den Olympischen Spielen im August hat der 53-jährige angekündigt, künftig nicht mehr für die deutsche Mannschaft zu starten. „Es war ein schönes Gefühl, noch einmal gebraucht zu werden und das in mich gesetzte Vertrauen auch zurückgeben zu können“, sagte er damals. Einen Tag zuvor hatte er mit seinem Holsteiner-Wallach Casello dem deutschen Team dank einer entscheidenden Nullrunde die Teilnahme am Stechen um die Bronzemedaille ermöglicht, die am Ende auch gewonnen wurde. „Meine Pferde sind noch nicht so alt, ich bin es schon. Ich spüre den Atem der jüngeren Reiter in meinem Nacken. Der gesamte Sport und vor allem die Leistungsdichte haben sich extrem weiterentwickelt in den letzten Jahren. Es wird Zeit, Platz für Jüngere zu machen. Natürlich wollte ich meine Karriere nicht einfach so auslaufen lassen, sondern den richtigen Moment erwischen.“

Den hat er nun in Barcelona abgepasst. Wie 1985 alles Anfing, daran kann sich Peter Hofmann, Vorsitzender des Springausschusses und Chef des traditionsreichen Mannheimer Maimarkt-Turniers, noch gut erinnern. „Der damalige Bundestrainer Hermann Schridde bat mich damals um eine Wildcard für Ludger Beerbaum. Er war sehr gut platziert im Großen Preis und erhielt anschließend die Startgenehmigung für Aachen. So nahm das Schicksal seinen Lauf“, erzählt Hofmann. Somit könnte man Mannheim als Startpunkt der großen Karriere betrachten. Seine ersten Nationenpreise ritt Beerbaum ebenfalls im Jahr 1985.

„Seine Entscheidung, in Barcelona den Abschied aus der Nationalmannschaft zu nehmen, nötigt mir großen Respekt ab, ist es ihm doch gelungen, auf der Höhe der Zeit aufzuhören. Diese Entscheidung im richtigen Moment zu treffen ist nur ganz wenigen gegeben und das macht einen großen Sportler aus“, sagt Hofmann. „Natürlich ist auch ein Stück Wehmut dabei, geht doch eine große Ära zu Ende. Er war fast 30 Jahre lang ein wesentlicher Garant für die Erfolge Deutschlands und ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild und das Aushängeschild des deutschen Springsports. Stets hat er sich mit Vehemenz für unseren Sport und auch für unseren Verband in der Öffentlichkeit eingesetzt. Zielstrebigkeit und Kompromisslosigkeit zeichnen ihn aus, er geht keinem Streit aus dem Weg, aber nur so kommt man weiter.“

Vorbild, Familienmitglied, Ratgeber

Einer, der Ludger Beerbaum ebenfalls seit seinen Anfängen im Parcours kennt, ist Heinrich-Wilhelm Johannsmann. „Ich habe altersmäßig einen kleinen Vorsprung und ihn in seinen jungen Jahren mit seinem Pferd Wetteifernde erlebt. Es ist einfach imponierend, wie er sich nach vorne gearbeitet hat und über Jahrzehnte unter den ersten Zehn der Weltrangliste ist. Das ist seine Motivation, immer einer der Besten zu sein“, sagt Johannsmann, der Beerbaum als akribisch, präzise und zukunftsorientiert beschreibt.

Die beiden ritten lange Jahre auch gemeinsam auf internationalen Turnieren. „In meiner aktiven Zeit sind wir zusammen die großen Parcours abgelaufen und haben uns gemeinsam vorbereitet“, erinnert sich Johannsmann. „Ludger Beerbaum war immer kurz vorher noch der Anlaufpunkt, mit dem Dinge besprochen wurden. Er kannte nicht nur seine Pferde, hat sich nicht nur auf seine Reiterei konzentriert, sondern er kannte auch die Pferde seiner Mitstreiter und deren Reitweisen. Er hatte immer noch den ein oder anderen Tipp kurz vor dem Parcours.“

Seine erste Olympische Medaille gewann Ludger Beerbaum 1988 in Seoul – Teamgold. Einer seiner Mannschaftskollegen war seinerzeit Wolfgang Brinkmann. „Ludger Beerbaum war damals blutjung, er ritt in der Mannschaftswertung nicht sein eigenes Pferd, sondern bekam The Freak zur Verfügung gestellt. Da dachte ich mir auch, was das jetzt wohl wird. Er war direkt vor mir dran als erster Starter und legte eine Nullrunde hin, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, das war einfach fantastisch und hervorragend“, sagt Brinkmann. „Seine Entscheidung kann ich angesichts seines Alters absolut verstehen. Aber er wird fehlen, besonders in solchen Situationen, wie wir sie gerade in Rio gehabt haben. Diese Nerven muss erstmal einer haben.“

Als einen ganz wichtigen Teil seines Teams beschreibt Ludger Beerbaum immer wieder Madeleine Winter-Schulze. Ihr und ihrem verstorbenen Mann gehörten und gehören seit vielen Jahren die erfolgreichen Pferde, die Beerbaum im Parcours ritt und noch immer reitet, wie zum Beispiel seine aktuellen Pferde Chiara und Casello. „Als mein Mann und ich einen Reiter für unsere Pferde gesucht haben, sagte der damalige Bundestrainer Herbert Meyer, dass wir den besten nehmen müssen, und das sei Ludger Beerbaum. Und so ist es gekommen“, erinnert sich die große Unterstützerin des deutschen Pferdesports. Das Gespräch fand 1997 während des Wiesbadener Pfingstturniers statt. Seitdem sind die Namen Beerbaum und Winter-Schulze nicht mehr zu trennen. „Ludger ist für mich ein Familienmitglied und ich bin es für ihn“, sagt Madeleine Winter-Schulze.

Mehr als 30 Jahre lang war Beerbaum für die deutsche Equipe im Einsatz. „Er hat sich vom jungen Wilden zum Leitwolf entwickelt und vielen Championatsmannschaften seinen Stempel aufgedrückt“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. „Diese Championatskarriere ist ziemlich einzigartig.“ Bei insgesamt 24 Championaten ist Beerbaum für Deutschland angetreten, dabei hat er 21 Medaillen gesammelt. Vier goldene und eine bronzene bei Olympia, zwei goldene sowie je eine silberne und bronzene bei Weltreiterspielen und sechs goldene, vier silberne sowie zwei bronzene bei Europameisterschaften. Neun Mal war Beerbaum deutscher Meister. Mit 134 Nationenpreis-Starts ist er unbestrittener Rekordhalter. 105 Starts hat Hans-Günter Winkler gesammelt.

Nicht nur unzählige Pferde hat Beerbaum in den großen Sport gebracht. Auch für junge Reiter war er immer ein wichtiger Ratgeber. „Was er mir an Erfahrung und Motivation mitgegeben hat, das kann man gar nicht in Worte fassen“, sagt Daniel Deußer. Der 35-Jährige hat seit 2013 seine ersten vier Championate allesamt an der Seite von Ludger Beerbaum bestritten und drei Medaillen mit ihm gesammelt. In Barcelona bestritten die beiden jetzt einmal mehr zusammen das Nationenpreisfinale. „Er war vom Beginn meiner Karriere an bei allen wichtigen Prüfungen dabei und war immer der große Motivator. Schon als kleiner Junge habe ich vor dem Fernseher gesessen, wenn er geritten ist. Er war und ist eines meiner großen Vorbilder. Als Teammitglied wird er fehlen, aber er wird ja weiterhin als Ratgeber mit all seiner Erfahrung an unserer Seite sein.“

Foto von Jan-Pierre Habicht ©