SonntagsMatinée des Pferdetheaters Berlin: Ganz anders und sehr ansprechend

 

 

Was macht man an einem Sonntag, wenn man sich für Pferde interessiert, aber weder Lust auf ein lautes Turnier hat noch auf den Leistungsdruck, der oft dahintersteht? Wo geht man hin, wenn es zwar nach Pferdeäppeln riechen darf, aber trotzdem Niveau und Stil fernab von Kommerz und übertriebenem Darstellungsdrang vorherrschen sollen? Und wie präsentiert man diese eigenen Vorstellungen von der Ausbildung der Pferde vor einem interessierten Publikum? Geht das überhaupt?

 

Die Antwort: Ja, es geht! Und es geht nicht nur einmal, sondern gleich fünfmal! So geschehen an den fünf Sonntagen im August auf der Anlage des LRV Tegel am Waidmannsluster Damm. Das Pferdetheater Berlin, sicher einigen noch bekannt vom Shownummern-Wettbewerb Ende des vergangenen Jahres an gleicher Stelle, hatte sich unter Federführung des belgischen Dressurtrainers Leon Vermeulen und unter Mitwirkung der vielen Beteiligten aus Berlin und anderswo aufgemacht, um mal wieder Maßstäbe zu setzen. Es wurden erneut unbekannte Wege eingeschlagen, neue Sichtweisen entwickelt und das alles im angemessenen Rahmen umgesetzt.

 

Die dabei angeschlagenen leisen Töne stammten zu großen Teilen von der Geigerin Sarah Piorkowsky. Sie wusste nicht nur als Musikerin zu gefallen, sondern war gewissermaßen das tragende Element für die notwendige Stimmung am Platzrand. Befriedigung erhielt somit nicht nur das Auge durch eine Vielzahl an Darbietungen. Das Ohr wurde ebenfalls mit sanften, manchmal modernen, hin und wieder auch eigenwilligen Klängen umschmeichelt. Sicher war es auch für Frau Piorkowsky eine besondere Erfahrung, ihre Kunst an einem solchen Ort vorführen zu dürfen. Sarah Piorkowsky musiziert seit ihrem vierten Lebensjahr, studierte in Lübeck und Berlin, ist sattelfest in Orchestern, Bands und weiteren musikalischen Projekten. Insofern hat sich die SonntagsMatinée musikalisch auf einem bemerkenswerten Level bewegt. Mal abgesehen davon, ist sie natürlich auch selbst mit Pferd aktiv…

 

Wie passte das alles zum Reiten, zu den Reitern und den Pferden auf dem Platz vor den Zuschauern? Nun, das beobachtete Wechselspiel zwischen der Musik und den Leistungen der Reiterinnen und Reiter zeigte sich vor allem dann, wenn es ernst wurde. Beflügelt durch Musik und Beifall, der wie im Pferdetheater üblich organisiert und manchmal gedrosselt eingefordert wurde, konnten sich alle Beteiligten frei und ungezwungen bewegen. Youngster mit zwei oder vier Beinen waren von der Szenerie manchmal vielleicht ein wenig überfordert, aber viele Augen und anerkennende respektive interessierte Blicke sind der beste Treibstoff für gutes Gelingen. Niemand musste sich verstecken oder aufgeben. Alles war zwanglos, schwebend, getragen von der Musik und einer merkwürdigen Stille, die nur von der Stadtautobahn ab und an unterbrochen wurde.

 

Leon Vermeulen, der Ideengeber und hauptamtliche Reitlehrer beim LRV Tegel, zeigte sich selbst mit einem Youngster; kommunizierte auf seine Weise mit dem Pferd und dem Publikum gleichermaßen. Er verringerte die Distanz zwischen Pferd und Besuchern, beobachtete die Reaktionen auf beiden Seiten, schaffte wieder etwas Abstand und begann von Neuem. Wer hatte wohl mehr Furcht vor der Kreatur gegenüber? Wer hielt den Blicken länger stand? War es nur Angst? Oder Neugier? Beides? In jedem Fall war es eine Gratwanderung zwischen den verschiedenen Welten der beteiligten Lebewesen. Berauschend, beeindruckend, Demut vor dem anderen erzwingend.

 

Dabei fing alles so harmlos an. Schon am Einlass konnte man sich mit eigenem oder geliehenem Hut plus Steckenpferd fotografieren lassen. Wer mit Hut kam, erhielt einen Sekt gratis. Das schaffte Stimmung und gab Selbstvertrauen – vor allem, wenn das Wetter mal nicht so ganz mitspielte. Am Platzrand jedenfalls hatte man sich köstlich unterhalten. Das lag bestimmt auch ein wenig an den angebotenen Speisen und Getränken, die zum Teil thematisch eine eigene Weltreise hinter sich hatten und von anderen Kulturen erzählen konnten.

 

Wenn man im Zusammenhang mit der SonntagsMatinée des Pferdetheaters Berlin die Vokabel erfolgreich verwendet, so ist das zweifellos richtig. Das muss im Übrigen nicht jeder beliebige Zaungast so einschätzen. Es würde reichen, wenn die Macher und Teilnehmer das so sehen, denn wichtig ist doch: Alle, die dabei waren, hatten ihre Freude. Und allein das war es wert, muss es wert sein. Die mehreren hundert Zuschauer gingen gewiss mit Eindrücken nach Hause, die sie so vorher meist gar nicht kannten. Ein seltenes Erlebnis für die Sinne. So etwas darf es gerne wieder geben.

Nach Auskunft von den Veranstaltern ist es nur folgerichtig, dass die SonntagsMatinée wohl auch im nächsten Jahr so oder so ähnlich ihre Fortsetzung finden wird. Darauf kann man gespannt sein.

 

Gewartet werden muss allerdings nicht bis 2015. Das Pferdetheater wird seine Freunde zum Ende des Jahres am 27. und 28. Dezember mit einer neuen Aufführung erfreuen. Der Shownummern-Wettbewerb des vergangenen Jahres wird allerdings auf den 18. April 2015 verlegt. Dann haben noch mehr Teilnehmer die Chance, sich vor Publikum zu präsentieren. Anmelden kann man sich bereits jetzt unter

pferdetheater-berlin.wix.com/pferdetheater

oder auf Facebook

www.facebook.com/pferdetheaterberlin/app_190322544333196

bis zum 01. Januar 2015.

Es gibt so Sachen im Leben von Menschen, die mit dem Pferdevirus infiziert sind, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Das Pferdetheater Berlin und seine kulturell anspruchsvollen Beiträge gehören dazu.

Fotos von Jan-Pierre Habicht ©

HIER geht es zu einer Bilderserie von der SonntagsMatinée.