Shownummernwettbewerb von LRV Tegel und Pferdetheater Berlin: Galanacht der Pferdekunst

 

Man kann sich dem Pferd und allem drum herum auf viele Weisen nähern. Den meisten ist Sport und Zucht bekannt – ein weiterer Aspekt ist die Show mit und auf Pferden. Wer nun dachte, es wird am Waidmannsluster Damm steril, aufgesetzt und seelenlos wie bei so manchen Hippo-Vorführungen in den großen Unterhaltungstempeln, der hatte sich getäuscht…

 

LRV Tegel und Pferdetheater Berlin luden am 29. Dezember 2013 zum ersten Shownummernwettbewerb in die Reithalle des Vereins im Norden der Hauptstadt. Es kamen fast fünfhundert Zuschauer, die alle ihren Weg vom Kartenhäuschen durch das Flohmarktzelt beschreiten mussten, um in die Halle zu gelangen. Diese war prächtig geschmückt mit goldenen Tischdecken, Kerzen, nebenan mit ein paar Heizpilzen und auf Wunsch auch gerne mit Glühwein oder Sektchen. Die Arena war mit rotem Samttuch umschlossen und gab den Blick auf die Darsteller erst frei, wenn die Showgirls in stilechter Choreografie die Vorhänge entfernten. Die Zuschauer konnten Platz nehmen auf Bänken oder an Tischen. Gute Sicht gab es von fast allen Orten.

 

Es passte alles wunderbar zusammen. Der LRV Tegel hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und ist die Unterstützung durch den Berliner Senat jeden Cent wert. Und wenn weiter Fleiß, Hingabe, Einfallsreichtum und Kreativität die Triebfedern im Verein bleiben, kann man sich bestimmt auf weitere Highlights im Jahre 2014 und darüber hinaus freuen.

Doch zurück zur Vorstellung: Nach einer kleinen elektrischen Unpässlichkeit, die von den Verantwortlichen professionell angegangen wurde, konnte es mit einer kleinen Verspätung und der ersten Ansage losgehen. Wichtigster Hinweis für die Zuschauer war die Bitte, im Sinne der Sicherheit und im Interesse des Nervenkostüms der Vierbeiner auf echtes Klatschen zu verzichten. Stattdessen wurde die Gehörlosenvariante gewählt. Da hält man nur die rechte, gestreckte Hand hoch und dreht diese schnell in beide Richtungen. Das sehr disziplinierte Publikum hielt sich fast vollständig daran, was natürlich nach vielen sehr guten Nummern nicht so einfach war. Schließlich wurden jede Menge Emotionen geweckt und das lautlose Klatschen war eine Art drittklassige Ersatzbefriedigung furchtbar – aber es gibt Deals, die sind nun einmal notwendig…

 

Der Opener des Abends ging unter dem Titel Shiva ins Rennen. Emma und Claudia Schladitz stellten hoch zu Ross den großen Hindu-Gott Shiva vor, der zu passender Musik beeindruckend dargestellt wurde.

 

Nummer zwei waren Ariane Güntzel und ihr Lusitano, den alle nur „Kleiner Mann“ nennen. Es ging am Langzügel flott und dynamisch durch die Bahn. Kleiner Mann hatte ordentlich Vortrieb und verlangte seiner Steuerfrau am Heck einiges ab. Alles bekam durch den Chordettes-Hit Mr. Sandman noch einen guten Rhythmus.

 

Danach wurde es düster – sehr düster. Cornelia Brähmer interpretierte eine gesungene Version des Erlkönigs zu Pferde. Aus den Nüstern seines Pferdes atmete der Tod und ganz in schwarz ohne Gesicht war die Reiterin Teil des Dunkels. Am Ende wurde der Junge vom Erlkönig geholt – Vorhang. Es lag danach noch eine gewisse Dramatik in der Luft. Heftiges Schütteln der rechten Hände im Zuschauerraum war die Folge.

 

Sportlich und beschwingt ging es weiter. Die Gestaltung des Programmablaufs hatte es in sich. Die Wechselbäder der Gefühle verzeichneten große Temperaturschwankungen. Für Aufmunterung sorgten vier sportliche Damen. Lisa Bronner, Julia Krüger, Sandra Behrend sowie Madelaine Ruhnau kamen als gebrechliche Greisinnen und entpuppten sich als echte Berliner Sportskanonen im Sattel.

 

Und wieder zurück in die Romantik. Marlen Schulz begrüßte ihren Andalusier „Apfel“ gekonnt in Szene gesetzt. Sie saß rauchend mit langer Zigarettenspitze im Stuhl und wartete auf ihren prächtigen Schimmel. Der zeigte eine kräftige, geradezu schwungvolle Freiheitsdressur. Das Paar bekam zurecht heftigen Beifall des Publikums. Der Jacques Brel-Klassiker Ne me quitte pas war die musikalische Untermalung der Vorstellung.

 

Frederike und Rosedore Schmidt widmeten sich dem Thema Vergänglichkeit. Sylvester im Stall war nichts für schwache Nerven und schon gar nichts für die gute Laune – dafür aber sehr eindringlich und bemerkenswert; ein Monolog mit Tiefe bis weit unter die Haut.

 

Und schon wurde es wieder laut und ruppig! So ein Karussell dreht sich schnell. Und in diesem atemberaubendem Tempo waren Lenya Wolf und Carla Grote zu Pferde unterwegs. Es ging über lebendige Cavalettis die ständig ihre Farben wechselten. Alles drehte sich, bis jedem schwindelig war. Laut und mitreißend!

 

Durchparieren und innehalten. Es wurde still. Am Horizont nahte das Unheil und kam dann plötzlich mit einem lauten Knall. Das Pferd lief davon und hatte verloren, was so wichtig war: Vertrauen. In einem wirklich wunderbaren, stimmungsgeladenen Tanz holte sich die Reiterin das Vertrauen ihres Pferdes und damit ihr Pferd zurück. Es gab ein Happy End – wie es sich gehört. Heftigstes Händeschütteln in den Zuschauerrängen für Nena Küter und Patricia Misch.

 

Den Abschluss bildete eine weitere Vorstellung, die die Verbindung von Kunst und Reiten zweifellos am besten zum Ausdruck brachte. Das Pferdetheater Berlin hatte diese Nummer bereits zum Sommerfest des LRV Tegel gezeigt und war hier mit einer geänderten Version am Start. „Wenn der Sheriff tanzen will“ zeigte eine martialische Verbindung von lebendigen Dressurlektionen mit mechanischen Klängen und Rhythmen. Es hämmerte vor den Augen und im Kopf.

Als die Vorstellungen durch waren, musste das Publikum ran. Auf vorher verteilten Stimmzetteln konnten alle ihre drei Favoriten mit Punkten von eins bis drei bewerten. Nach der Auszählung ging es an die Siegerehrung. Auf Platz drei landete der „Erlkönig“. Cornelia Bremer konnte sich darüber freuen. Platz zwei war eigentlich der gefühlte Favorit. Jedenfalls war es während der Aufführung so aus dem Publikum zu hören. Nena Küter und Patricia Misch hatten allen Grund zur Freude und sind eine Empfehlung für Turnierveranstalter, die noch Showacts für den Abend suchen.

 

Den Sieg trug eine junge Dame davon, die bereits Show-Erfahrung vorweisen kann und auch in diesem Fall den Großteil der Zuschauergunst für sich und ihr Pferd gewinnen konnte. Der Glückwunsch für den ersten Platz geht an Marlen Schulz, die ihrem spanischen Hengst die Freiheit der Entfaltung gab. Danke für diese Vorstellung.

 

Am Ende des Tages wurde es langsam still in der Halle. Es ging ans Aufräumen und Einpacken. Die geschmückte Arena verwandelte sich wieder in eine normale Reithalle und zurück bleibt die Hoffnung, dass es beim LRV Tegel im nächsten Jahr noch mehr zu sehen geben wird. Es hatte sich einfach gelohnt dabei zu sein.

Fotos von Jan-Pierre Habicht ©