Renntag in Berlin-Mariendorf am 07. Juli 2013: Der Buddenbrock-Thriller

 

Der Topfavorit Tiger Woods As bleibt zwar unbesiegt, gerät aber an den Rand einer Niederlage. Sein Fahrer Robin Bakker gewinnt mit Mustang’s Sally auch den Stutenlauf. Das Master-Rennen geht an Roland Hülskath und What a Feeling.

50.000 Euro Preisgeld, sieben Starter und ein Handlungsverlauf, der sich innerhalb weniger Sekunden von einem gemächlichen Unterhaltungsfilm zu einem hochdramatischen Krimi-Thriller entwickelte: Das Buddenbrock-Rennen 2013 erfüllte alle hochgesteckten Erwartungen und reihte sich nahtlos in die großartige Geschichte des bereits seit 1901 ausgetragenen Klassikers ein. Der Sieg ging zwar wie erwartet an den von Paul Hagoort trainierten und von Robin Bakker gesteuerten Hengst Tiger Woods As – doch der Crack der Besitzer Leendert Gerrits und Roman Thomaskamp geriet trotz der Tagesbestzeit von 14,9/1.900m an den Rand einer Niederlage.

Eine Runde lang verlief alles ohne große Überraschungen. Nachdem sich der neben Tiger Woods As (16:10) als einziger Teilnehmer zweistellig gehandelte und bei 41:10 notierte Shoemaker (Heinz Wewering) bereits im ersten Bogen mit einer Galoppade verabschiedet hatte, war Robin Bakkers Favorit auf Höhe der Robinson-Tribüne an Ciao Amore (Josef Franzl) und Höwings Südsturm (Georg Frick) vorbei an die Spitze gezogen. Hinter diesen drei Pferden folgten More Caviar (Arnold Mollema) und Pico’s Boy (Gerd Biendl) im Gänsemarsch, lediglich der Michael Nimczyk anvertraute Stanislawski – die zweite Waffe von Gerrits und Thomaskamp – orientierte sich ganz am Ende des Feldes noch vor dem Rosenhofbogen in die zweite Spur.

Doch Stanislawski spielte nicht die Rolle des ersten Angreifers, denn die übernahm stattdessen More Caviar, der sich Mitte der Gegenseite auf den Vormarsch begeben hatte. Im Schlussbogen arbeitete sich der Mollema-Schützling endgültig an die Flanke von Tiger Woods As heran, doch Robin Bakker hatte die Situation noch lässig unter Kontrolle und brauchte seinen Crack in keiner Weise zu fordern. Doch für eine Entwarnung war es zu früh und der Favorit war noch nicht zuhause – denn die Gefahr lauerte an anderer Stelle, nämlich in Gestalt von Stanislawski. Als der Fuchs, der fast unbemerkt hinter More Caviar auf die Chance gelauert hatte, zu Beginn des Einlaufs seinen Speed in die Schlacht warf, überschlugen sich die Ereignisse. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, wurde Realität: Der 106:10-Außenseiter flog in geradezu unglaublichem Tempo heran und hatte dreißig Meter vor dem Zielpfosten endgültig die Nüstern vorne. Doch genau in diesem Moment, als die Sensation perfekt schien, verlor Stanislawski das Geläuf und galoppierte über die Linie.

Zurück blieb ein zwar enttäuschter, aber doch recht schnell wieder gefasster Michael Nimczyk („Es ist jammerschade, dass Stanislawski gesprungen ist – aber die Siegchance war da und ich musste alles tun, um sie zu nutzen.“) und ein angesichts der urplötzlichen Machtverschiebung beinahe ratloses Stallteam, das die Siegerehrung im Mariendorfer Winnercircle quasi im Schockzustand wahrnahm. Denn der „Tiger“ wäre beinahe selber das Opfer einer wilden Raubkatze geworden – der Angreifer Stanislawski hatte bei seiner Attacke ein geradezu unglaubliches läuferisches Potential offenbart.

„Tiger Woods As hat mich heute nicht richtig überzeugt“, lautete im Anschluss die erste Reaktion des Trainers Paul Hagoort, der allerdings beim Betrachten der Rennaufzeichnung zu einem anderen Urteil gekommen sein wird. Denn zum einen musste der Topfavorit bei Zwischenzeiten von 09,3 und 14,3 doch einiges tun, um an die Spitze zu kommen und auf den letzten 300 Metern blieben die Uhren sogar bei sensationellen 11,8 stehen. Und zum anderen präsentierte sich Tiger Woods As nur wenige Minuten nach dem aufreibenden Rennen bereits wieder wie ein echter Champion – die Zuschauer am Mariendorfer Winnercircle blickten auf ein überaus phlegmatisches und ruhiges Pferd.

Tiger Woods As bleibt also ungeschlagen, Stanislawski gilt ab sofort sein Herausforderer. Beide Pferde boten herausragende Leistungen. Wie sieht die Einzelkritik der anderen Buddenbrock-Teilnehmer aus? More Caviar verkaufte sich als – wenn auch glücklicher – Zweiter auf höchstem Niveau teuer und ist im Jahrgang eine ebenso berechenbare Größe wie Pico’s Boy, der sich diesmal zwar nicht in die engere Entscheidung einmischen konnte, sein Pensum aber brav abspulte. Der Mitte des Einlaufs disqualifizierte Ciao Amore wäre normalerweise Vierter geworden, hätte aber trotz idealen Verlaufs keinerlei Chance auf den Sieg gehabt. Durch seinen Fauxpas erhielt Höwings Südsturm das vierte Geld. Der Sohn der Esina Diamant konnte das hohe Tempo allerdings schon eine halbe Runde vor dem Ziel nicht mehr mitgehen und war deutlich geschlagen. Er ist aber ebenso wie Shoemaker, der sein Können aufgrund der frühen Galoppade nicht beweisen konnte, durch die erhebliche Startverzögerung entschuldigt. Aufgrund eines Sulkywechsels bei Tiger Wood As war das Buddenbrock-Feld erst nach minutenlanger Unterbrechung auf die Reise gegangen, das Nervenkostüm der meisten Teilnehmer war arg strapaziert.

Völlig pünktlich wurde dagegen der mit 25.000 Euro dotierte Buddenbrock-Stutenlauf ausgetragen – und auch hier fuhr Robin Bakker mit einem von Paul Haagort vorbereiteten Pferd, nämlich Mustang’s Sally, als Sieger vom Platz. Man hat in der hundertjährigen Mariendorfer Geschichte wohl kaum eine einsatzfreudigere Traberlady gesehen – die Dreijährige, die eine Runde vor dem Ziel an die Spitze gestürmt war, strampelte sich vor lauter Eifer regelrecht die Beine aus dem Bauch und gewann in 15,4/1.900m mit Weilevorsprung vor Dear Butcher (Heinz Wewering) und Zenyatta (Cees Kamminga). Robin Bakker, der im Verlauf des Nachmittags mit Riki d’Asolo noch einen dritten Tagestreffer erzielte, zeigte sich natürlich begeistert: „Mustang’s Sally ist ein sehr ruhiger und gelassener Typ und findet sich schnell in einer neuen Umgebung zurecht. Die Reise nach Berlin war bei dem heißen Wetter trotzdem strapaziös für sie und die Stute hatte viel Flüssigkeit verloren. Aber nach ihrer Ankunft zeigte sie sich rasch wieder erholt. Sie hat die von allen erwartete Leistung hundertprozentig erbracht und wurde von den Gegnern kaum gefordert. Es war ein sehr leichter Sieg!“  

Als drittes großes Highlight des Buddenbrock-Veranstaltung wurde das mit 10.000 Euro dotierte Master-Rennen V ausgetragen. Es wurde zur Beute von What a Feeling und Roland Hülskath, obwohl der Goldhelm zunächst Vorsicht walten lassen musste: „Die ersten Sekunden waren wirklich sehr kribbelig – What a Feeling mag einfach keinen Bänderstart und es ging gerade noch mal gut. Hinter dem Auto hätte sie keinerlei Probleme gehabt.“ Als die heikle Phase aber überstanden war, kam die Stutenderby-Siegerin des Jahres 2011 immer besser ins Rollen und bei ihrem fulminanten Vorstoß im letzten Bogen standen alle Zeichen sofort auf Erfolg. Mit 15,7/2.520m sprang obendrein ein imponierender Kilometerschnitt für den Crack des Rennstalls Marion Jauß heraus.

Dass der Buddenbrock-Tag schon ganz im Zeichen der bald beginnenden Derby-Woche stand, war auch im Rahmenprogramm unübersehbar. Most Wanted As (Michael Schmid) und Donna Kievitshof (Maik Esper) lieferten beeindruckende Generalproben für die kommende große Aufgabe ab. Heinz Wewering stellte mit Roadtrip Diamant einen weiteren Dreijährigen siegfertig vor, der sich aufgrund seiner italienischen Abstammung aber nicht in den Kampf um das Blaue Band einschalten wird. Der 29-malige Deutsche Meister glänzte ebenso mit Abano Boy, der von der Spitze aus in 15,2/1.900m zum dritten Erfolg en suite trabte. Auch Ronja Walter und Crime Time sind drauf und dran, eine kleine Serie aufzubauen. Ihr überlegener Erfolg im Trabreiten war bereits der zweite Treffer hintereinander. Imperia und Franz-Josef Stamer setzten sich in einem spannenden Finish durch, obwohl sie vom ungünstigen Startplatz elf aus ins Rennen gegangen waren. Ähnlich dramatisch war es auch beim Erfolg von Milena und ihrem Besitzer Thomas P. Feldhahn, die das Ruder mit Speed und dem allerletzten Schritt herumrissen. Der zuletzt wenig überzeugende Pikus G sprintete mit Dennis Spangenberg zum Sieg und bewies als krass unterschätzter 344:10-Außenseiter seine zweifellos vorhandene Klasse. Die Viererwette zahlte mit Britany (Heinz Wewering), Really (Manfred Zwiener) und King of Moor (Michael Nimczyk) auf den weiteren Plätzen gigantische 129.042:10!

Die Videos des Renntages sehen Sie auf www.berlintrab.de

Gesamtumsatz: 168.099,36 Euro – Bahnumsatz: 55.704,50 Euro – Außenumsatz: 112.394,86 Euro

Die nächste Veranstaltung findet am Montag, dem 15. Juli statt. Beginn ist um 18.30 Uhr!