Reining im Interview: Dr. med. vet. Matthias Gräber (Weinheim)

Weinheim – Dr. Matthias Gräber wurde auf dem Aktiventreffen der Kaderreiter zum Nachfolger von Paul Kratschmer (Bad Camberg) einstimmig gewählt. Elf anwesende Kaderreiter von insgesamt zwölf stimmten für den Tiermediziner aus Weinheim. Dazu sagte der ebenfalls neu gewählte Aktivensprecher Grischa Ludwig (Bitz): „Wir mussten einen Wechsel in der Führung herbeiführen, um so eine neue Ausrichtung und frischen Wind in den Spitzensport Reining zu ermöglichen. Schade, dass Paul den Raum verlassen hat und sich nicht der Diskussion gestellt hat. Es war kein würdiger Abgang des erfahrenen Funktionärs.“ Jetzt muss der von den Kaderreitern gewählte Beiratsvorsitzende noch von der FN/DOKR- Mitgliederversammlung Anfang Mai bestätigt werden. Hans-Peter Viemann unterhielt sich mit Dr. Matthias Gräber.

HPV: Bei der Wahl in Kreuth erhielten sie von allen elf anwesenden Kaderreitern deren Ja-Stimme. Was bedeutet ihnen dieses außerordentliche Vertrauen?

Dr. Matthias Gräber: „Es ist eine Ehre für mich, dass die Aktiven so deutlich hinter mir stehen. Dies ist aber auch eine Voraussetzung, ohne die sonst eine gute Zusammenarbeit einfach nicht möglich ist. Als Mannschaftstierarzt habe ich mit vielen Reitern auf den Championaten schon einige Höhen und Tiefen durchlebt, und das schweißt bekanntlich zusammen. Darüber hinaus sind mir als ehemaligem aktivem Mitglied im Nationalkader die meisten Reiter schon sehr lange bekannt.“

HPV: Wenn man sich zur Wahl stellt, sollte man auch ein neues Konzept in der Tasche haben. Wie ich sie kenne, haben sie das auch. Lassen sie uns bitte wissen, wie ihre Zielsetzungen aussehen.

Dr. Gräber: „Erstens das ‚Pflänzchen‘ Reining noch mehr zu einer anerkannten Reit-Disziplin heranwachsen lassen. Dadurch wird gegebenenfalls auch die Akzeptanz in den anderen Abteilungen der verschiedenen Sparten des Reitens erhöht. Außerdem muss es ein Ziel von uns allen sein, den Reining-Sport in der Öffentlichkeit besser zu präsentieren. Ein weiterer Punkt wird die Reaktivierung von Reitern und Pferdebesitzern für die FEI/FN-Prüfungen sein. Dies wiederum bedeutet eine Aufwertung der CRIs – und durch die stärkere Präsentation unserer Kaderreiter wird automatisch auch die breitere Öffentlichkeit auf unsere Sportart des Westernreitens aufmerksam. Ein weiteres Ziel wird es sein, die optimalen Reiter-Pferd-Kombinationen für Deutschland starten zu lassen – ohne politische Interessen und mit der größtmöglichen Transparenz bei der Auswahl sowie letztendlich auch bei den Nominierungen. Zu guter Letzt wünsche ich mir eine gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Western-reitverbänden. Alle zusammen sollten wir an einem Strang ziehen, um das Reiten mit den breitkrempigen Hüten und den Westernreitsätteln salonfähiger zu machen.“

HPV: Wie stehen sie zum neuen 1*, 2**, 3***-System der CRIs in der Fédération Equestre Internationale? Ist das ein Fortschritt, oder sollte das System überarbeitet werden?

Dr. Gräber: „Grundsätzlich ist es eine gute Sache. Aber: alle bisher erfolgreichen Reiter sollten dann auch Drei-Sterne-Prüfungen reiten. Wir können zwar gute Reiter-Pferd-Kombinationen nominieren, doch nur, wenn sie noch nicht in Ein- oder Zwei-Sterne-Wettbewerben gestartet sind. Dieses System ist für den Aufbau der Einsteiger, Nachwuchs-reiter und zukünftiger Kaderreiter gedacht und muss sich erst im Laufe der Jahre etablieren. Wir dürfen uns im Moment nicht selbst behindern, um optimale Reiter-Pferd-Kombinationen für die Championate zu finden – denn das ist jetzt schon schwierig genug.“

HPV: Obwohl die Disziplin Reining nach den Weltreiterspielen 2006 in Aachen und 2010 in Lexington mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gekommen ist, muss man jetzt feststellen, dass das Interesse an der Reining überdurchschnittlich hoch rückläufig ist. Welche Fehler wurden gemacht?

Dr. Gräber: „Wir kochen im eigenen Saft und haben es bisher verpasst, das CRI-Reiten für die Reiter attraktiv zu machen. Wir müssen aus dem internen Futurity- und Bronze-Trophy-Geschehen rauskommen und unser Reiten der breiten Öffentlichkeit präsentieren. Das Bewusstsein der Reiter und der Besitzer der Pferde, sich für den echten Sport zu öffnen, aber auch die Emotionen, wie sie auf den internationalen Championaten herrschen, müssen einfach besser vermittelt werden.“

HPV: Die Reit-Disziplin Reining kommt aus dem Alltag der Cowboys. Sicherlich unterhaltsam für die Amerikaner, aber nicht unbedingt spannend für den Europäer. Außerdem – klipp und klar gesagt: auch nicht gut zu verkaufen. Zwölf Stunden Reining am Stück sind nicht das Gelbe vom Ei. Was muss geschehen, um die Veranstaltungen interessanter zu machen?

Dr. Gräber: „Zwölf Stunden Dressur sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Der Vorteil in den Dreisterne-CRIs ist ja gerade der, dass nur gute und qualifizierte Reiter an den Start gehen und somit kleinere und klasse Teilnehmerfelder zu bewundern sein werden. Außerdem brauchen wir bessere Kommentatoren, die auch die Feinheiten und Regeln des Sports transparent machen können. Die Zuschauer müssen die Präzision in den Läufen erkennen – umso auch die Leistungen würdigen zu können.“

HPV: In diesem Zusammenhang – der Reiningsport in Deutschland ist eng verbandelt mit Rieden/Kreuth. Dort steht zwar die imposante Ostbayernhalle mit großer Showarena, aber weitab von einer Großstadt. Gut Matheshof ist in jeder Hinsicht nur ein Treffpunkt der Insider. Was sollte/muss geschehen, um interessierte Leute anzulocken?

Dr. Gräber: „Eines vorweg: Kreuth hat sowohl die Veranstalter als auch die Teilnehmer regelrecht verwöhnt. Wir brauchen aber dringend neue Standorte in den Ballungszentren und außerdem professionelle Veranstalter. Dies wird eine Herkules-Aufgabe sein. Allerdings hat hier die EWU ein gutes Beispiel mit ihren Veranstaltungen in Bad Salzuflen und Kassel aufgezeigt. Waren für uns bisher die Weltreiterspiele in Aachen das Highlight schlechthin, wird hoffentlich auch die diesjährige Americana in Augsburg als Austragungsort der FEI-Senioren-Europameisterschaft in der Reining ein neues Zeichen setzen.“

HPV: Jede Sportart, alle Verbände, Vereine und Athleten usw. suchen Sponsoren. Diese wiederum benötigen eine gute öffentliche Darstellung der Sportart, die sie unterstützen. Im Westernreitsport ist hier Nachholbedarf dringend angesagt. Keine Teilnehmer- und Ergebnislisten sind keine Seltenheit. Somit auch keine Vorschau- und Nachberichterstattung. Wie bekannt sein dürfte, helfen aber gerade die Namen der Sponsoren, dass die wichtigen und notwendigen Euros auch fließen?

Dr. Gräber: „Ja, Öffentlichkeitsarbeit wird in Zukunft ein ganz wichtiger Punkt sein. Das sollte dann zur Folge haben, dass die Pferdebesitzer ihre Vierbeiner den Sportlern zur Verfügung stellen und damit die Reiter in die Lage versetzen, auch guten Reining-Sport anzubieten. Bei guten Leistungen und Erfolgen könnte durchaus die Spendenfreudigkeit der interessierten Sponsoren einen entsprechenden Impuls erhalten, um unsere attraktive Sportart Reining zu unterstützen. Es gibt also noch viel zu tun, packen wir es an!“

Foto von K.J. Guni: Dr. med. vet. Matthias Gräber (Weinheim)