Petition gegen die Pferdesteuer in Brandenburg: pro agro und LPBB mit Marketing-Gag?

Es war schon verwunderlich, dass sich so grotesk wenige Menschen gegen eine Pferdesteuer in Brandenburg aussprechen. Insgesamt waren es per Online-Unterschrift 1.267 Unterstützer, von denen ganze 579 aus dem Bundesland Brandenburg kamen. Nach Angaben des Verbandes pro agro wurden weitere 4.000 Unterschriften auf dem Papier geleistet. Insgesamt sollen so über 5.400 Unterschriften zustande gekommen sein.

Diese Unterschriften nun wurden gestern dem Landtagspräsidenten Gunter Fritsch übergeben. Und  da passierte etwas sehr Merkwürdiges: Es war nicht mehr der Verband pro agro, der als Initiator der Petition die Unterschriften übergab, sondern der Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg in Gestalt seines Präsidenten Peter Krause. Außerdem dabei war Dr. Ralf Ruhnau, der nun wiederum Vorstandsmitglied bei pro agro ist und Präsidiumsmitglied im Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg.

Der Landesverband glänzte ja bisher in Sachen Pferdesteuer FN-linientreu eher durch das Einsammeln von Informationen. Was er mit diesen Informationen anstellen will oder wie viele Rückmeldungen es bis jetzt gab, ist nicht bekannt. Auf der Internetseite des Landesverbandes ist die Petition von pro agro gegen die Pferdesteuer bis heute mit keinem Wort erwähnt. Mit keinem Satz wurden die vielen Leser der Seite dazu aufgerufen, an der Petition teilzunehmen. Warum? Befürchtete man eine zu geringe Rücklaufquote und damit eine Abstrafung durch die Mitglieder? Wollte man sich die Hintertür über Dr. Ruhnau offen halten und erst entscheiden, ob man mitmacht, wenn ausreichend Stimmen zusammen kommen? So jedenfalls sieht es aus.

Dem Ansinnen der brandenburgischen Pferdesteuergegner jedenfalls hat es nicht geholfen. Peter Fröhlich, der Geschäftsführer des Landesverbandes kündigte noch im Mai in der Berliner Morgenpost an: "Wir werden tätig werden!" Was auch immer Herr Fröhlich darunter verstanden haben will, passiert ist bisher nichts – jedenfalls nichts, was auf eine Tätigkeit des Landesverbandes schließen lässt. Außer, ja außer die Übergabe der Unterschriften. Offensichtlich ist der LPBB hier auf einen fahrenden Zug gesprungen, der aber seinerseits recht langsam unterwegs war. Publicity ist eben alles.

Der Vorsitzende des Verbandes pro agro stellte es gestern laut Bericht auf der verbandseigenen Internetseite –etwas weltentrückt so dar: „Mit großem Engagement von Land, Kommunen, Vereinen, Wirtschaft und pro agro ist aus Brandenburg das Pferdeland Brandenburg geworden, in dem der Wirtschaftsfaktor Pferd rund 10.000 Arbeitsplätze geschaffen hat und erhält“. Wenn es also einen Einzelplayer in Sachen Pferdeland Brandenburg gibt, dann scheint es pro agro zu sein…

Dabei hat der Verband gerade einmal 350 Mitglieder, von denen nach eigener Aussage immerhin 70 Pferdebetriebe sind. Das sind bei etwa 600 Reiterhöfen in Brandenburg etwa 12 %. Da kann man schon noch ein paar mehr Mitglieder gebrauchen, denn vom Anzeigenverkauf in Hochglanzprospekten allein kann man wohl schlecht überleben. pro agro hat sich dafür die Petition gegen die Pferdesteuer ausgedacht – mit sehr geringem Erfolg.

Mit den oben genannten Zahlen ist nun zumindest erwiesen, dass pro agro in Sachen Pferdeland Brandenburg kein großer Player ist – aber wenigstens gab es für einen winzigen Augenblick etwas mehr Aufmerksamkeit für den Verband. Den Pferdebesitzern hat es überhaupt nichts genützt; wenn sie denn von der Petition überhaupt etwas mitbekommen haben. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Wo stehen wir also heute mit der Pferdesteuer? Immerhin gibt es einen Professor, der die Steuer für rechtswidrig hält und darauf scheint sich die FN auszuruhen. Aus Warendorf kommen nämlich noch immer keine anderen oder neuen Signale; auch aus Berlin nicht. Marketing-Gags wie die letzte Petition kann man sich also getrost verkneifen, wenn man vorher keine Reiter und Pferdebesitzer mobilisiert bekommt. Noch immer fehlen Strategien auf nationaler und regionaler Ebene, wie  Pferdesport und Pferdezucht in die Gesellschaft getragen werden können. Wer mit dem „Tag der offenen Stalltür“ nur neue Mitglieder werben will, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Väter der fußballspielenden Kinder über eine Pferdesteuer nachdenken.

Um im Lokalteil der Regionalzeitung am Montag auftauchen zu können, bedarf es einer gestandenen Medienarbeit mit Erfahrung, Netzwerken und Biss. Aber die Hälfte der Mitgliedsvereine des LPBB hat keine oder eine nur sehr schlecht gepflegte Internetpräsenz, auf der sich Medienvertreter informieren können. Von Pressemitteilungen, halbwegs ansprechenden Fotos oder gar Einladungen für Medienvertreter zu Turnieren, Festen, Aktionen etc. ganz zu schweigen.

Reiter sind ein Volk für sich und das sollen sie auch bleiben – aber nicht nur. Gesellschaftliche Akzeptanz wie beispielsweise bei König Fußball kann man nur erreichen, wenn man Teil der Gesellschaft wird. Wie man am oben beschriebenen Beispiel sieht, helfen dabei offensichtlich keine Verbände oder Funktionäre. Die Basisarbeit müssen die Vereine vor Ort leisten – und zwar Vereine, die nicht nur gegründet wurden, damit die Mitglieder auf einemTurnier starten dürfen, sondern echte, authentische und wirklich gemeinnützige Vereine. Diese müssen für die Gesellschaft in den Kommunen einen echten, erlebbaren und nachvollziehbaren Beitrag leisten und sich ihre Stimme im Chor der Kommunallobbyisten erst noch erarbeiten. Dabei können FN, LPBB, pro agro usw. nicht helfen. Das bleibt die große Herausforderung für die Zukunft: Selbstständig denkende Reiterinnen und Reiter, die mit ihren Pferden anerkannte und geachtete Mitglieder der Gemeinschaft sind – ohne Neid, Vorurteile und mit ein paar Pferdeäppeln weniger auf der Straße.