Oderbruch – Connection Teil 2: Mario Schirrmann aus Croustillier

Der Typ ist nicht zu übersehen: Ungefähr 1,90 groß oder auch ein Stückchen größer und im Oderbruch und in der Nähe davon eigentlich fast auf jedem Reit- und Springturnier zu finden. Wenn er nicht selbst im Sattel sitzt, macht er zwei Sachen: Entweder rauchen oder für den Pferdezuchtverein Oderbruch kämpfen. Ach so, und wenn die knapp bemessene Freizeit um ist, arbeitet er wieder bei John Deere als Gebietsleiter. Mario Schirrmann ist verheiratet; hat drei Kinder,  vier Brüder. Er wurde in Wriezen geboren – „wie eigentlich alle, die aus dem Oderbruch kommen“, betont er beiläufig. Es war zu seiner Zeit im Jahre 1969 auch das einzige Krankenhaus im Kreis und in der Nähe. Der kleine Mario ging brav zur Polytechnischen Oberschule in Altreetz und schaffte es sogar, die Hürden für die Erweiterte Oberschule (EOS; Abitur) zu nehmen. Das war in den späten  DDR-Zeiten nicht für jedermann möglich. Aber es gab da einige Probleme mit der systemkonformen Lehrerschaft. Also wurde Mario Schirrmann Facharbeiter für Pflanzenproduktion – Landwirt heißt so etwas heute und es hat ihm offensichtlich gut getan. Bis zum Dienst an der Waffe in der Nationalen Volksarmee war sein Brötchengeber die LPG „Thomas Müntzer“ in Neureetz. In den unruhigen Wendezeiten verkürzte sich sein Wehrdienst und er musste noch in Altreetz im Schulzoo die restliche Zeit als Zivi ableisten.

Dann war es das aber auch erst mal im Osten und Mario ging als Bereiter in die Nähe von Köln und machte das in der Freizeit auf dem elterlichen Hof erworbene Wissen zu Brötchen – zu Westbrötchen. Nur ein Jahr später arbeitete in einer Spedition in Nordrhein-Westfalen und noch im gleichen Jahr warb ihn ein Vertriebsunternehmen für Düngemittel aus Bralitz ab. Bralitz liegt bekanntlich im Oderbruch und so war Mario Schirrmann nach weniger als zwei Jahren wieder daheim. Groß überreden musste ihn dazu niemand. Ab dem Jahre 1992 begann dann sein Wirken in der Landmaschinentechnik. Er bekam vernünftige Angebote und arbeitete in den Werksvertretungen von Mengele (D & N) und CASE (Fa. Tiede).

Seit 1997 hat er nun eine berufliche Heimat gefunden – bei John Deere. Da arbeitet er jetzt seit 15 Jahren und fühlt sich wohl. Er hat es bis zum Gebietsleiter gebracht und ist stolz auf das Unternehmen. Mario ist ein echter John Deere – Mann; aus Überzeugung. Wenn er von den Fahrzeugen und der Technik erzählt, kommt er fast ins Schwärmen. „Das letzte Jahrzehnt war das mit den größten Veränderungen in der Landwirtschaft in Deutschland“, stellt er fest. Das betraf auch die Technik. Im Oderbruch fällt es einem leicht, die Veränderungen in der Landwirtschaft zu beobachten; ein Blick aus dem Fenster reicht aus.

Von den technischen Errungenschaften in seinem Unternehmen erzählte er lange und ausführlich. Er verliert dabei aber nie die Menschen der Umgebung aus den Augen; der Bezug zum Oderbruch und seinen Einwohnern bleibt in ihm immer lebendig. Er freut sich, dass die Arbeit auf dem Feld für viele Menschen leichter und lukrativer geworden ist – auch mit der Technik von John Deere.

Aber Mario Schirrmann aus dem kleinen Vorwerk Croustillier (66 Einwohner, davon 19 Kinder, weiß seine Tochter wie aus der Pistole geschossen zu berichten) kennt sich auch mit der Geschichte aus. Er erzählt vom Preußenkönig Friedrich II., der das Oderbruch trocken legen ließ und von der Namensherkunft seines kleinen Ortes. Croustillier haben die französischen Siedler damals das genannt, was andere ins Deutsche übersetzt den Ranft (die Kruste) nannten.

Einen sehr großen Teil seiner Freizeit widmet Mario Schirrmann aus dem Oderbruch der Pferdezucht – und zwar nicht nur seiner eigenen. Er ist der amtierende Vorsitzende des Pferdezuchtvereins Oderbruch und als solcher Überzeugungstäter. Manche werfen ihm ja vor, er würde das alles nur für sich und seine Pferde machen, aber das kann so nicht stimmen. Er opfert sehr viel Freizeit für den Verein und seine Arbeit. Viel gibt es zu organisieren und vor allem zu diskutieren. Mario mag nicht in alten Denkmustern verharren und auf der Stelle treten. Er ist und bleibt ein unruhiger Geist, auch wenn er sich selbst anders gibt. Ihm liegt die Pferdezucht im Oderbruch sehr am Herzen. „Unser Züchterziel sollte es sein, dass jeder potenzielle Käufer mit einem guten Pferd aus dem Oderbruch herauskommt und dass es sich auch noch herumspricht“, fasst er die Gedankengänge zusammen.

Auf Springturniere fährt er nicht zum Vergnügen. Seine Pferde bildet er auf dem elterlichen Hof selbst aus. Die landwirtschaftlichen Flächen (48 ha) werden von anderen bewirtschaftet. Dafür ist keine Zeit. Nur seine Frau Grit ist noch mit im Boot. Von den Kindern ist keine Hilfe zu erwarten. Die haben mit Pferden nichts am Hut. Für Mario ist das nicht schlimm. Es spornt ihn höchstens noch mehr an. Sein größtes Problem ist das Preisgefüge in der Region. „Man bekommt für ein ordentliches Pferd hier im Oderbruch nur selten das Geld, was es auch wert ist“, fasst er zusammen. „Und wenn einer schon mal einen guten Preis erzielen konnte, ist gleich der nächste und sagt, bei ihm wäre es billiger gewesen“, kommt gleich noch hinterher (Kopfschütteln). Pferdezüchter Schirrmann ist unzufrieden mit der Situation und will das ändern. Und es ist nicht Eigennutz, dass er auch dann noch daran arbeiten will, wenn er nach der nächsten Wahl kein Vorsitzender des PZV Oderbruch mehr sein würde. Man kann es ihm voll und ganz abnehmen, dass er es ehrlich meint. Mario stiehlt sich nicht aus der Verantwortung und zieht ein kleines Fazit aus der Sicht der Pferdezüchter im Oderbruch. Es habe sich viel entwickelt in den letzten Jahren. Auf der Fohlenschau und Stutbucheintragung im Juni in Altranft gab es immerhin sieben Staatsprämienstuten. Aber der PZV-Vorsitzende will noch mehr. „Aus guten Pferden müssen bald auch gute Sportpferde werden“, gibt er als mittelfristiges Ziel aus.

Davon ist im Pferdezuchtverein Oderbruch längst nicht jeder überzeugt. „Selbstdarsteller“ ist da manchmal hinter vorgehaltener Hand zu hören. Aber Bange machen gilt für Mario Schirrmann nicht. Dass er Kritiker und Neider hat, weiß er nur zu gut. Trotzdem denkt er mittel- und langfristig in die Zukunft. Die Fohlenschau will er auf möglichst hohem Niveau halten. Einen Anfang haben er und seine Vereinskameraden dafür schon gemacht in Altranft. Da kamen mehr als dreihundert Zuschauer. Kein schlechtes Ergebnis. Er könnte sich auch vorstellen, eine Auktion an einem geeigneten Ort zu machen – vielleicht auch in Verbindung mit der Fohlenschau. Er kann sich auch eine Zusammenarbeit oder sogar einen Zusammenschluss mit den Pferdezüchtern aus Pritzhagen vorstellen. Im Mittelpunkt allen Denkens stehen bei ihm die Vermarktung der Pferde und der Image-Aufbau. Dann gibt es auch Züchternachwuchs. Hier sieht er seine größten Herausforderungen in dem eher konservativ geprägten Pferdezuchtverein Oderbruch.

Mario Schirrmanns Vorhaben sind nicht gerade bescheiden. Aber was soll man auch machen, wenn man der Vorsitzende eines Vereins mit mehr als 120 Mitgliedern ist. Und die kommen auch noch aus vier Landkreisen. Wir sprechen hier fast über den gesamten Osten Brandenburgs. Das ist ein ordentlicher Schuh. Aber anders wird es wohl nicht gehen mit der günstigen Konkurrenz aus dem Osten und der übermächtigen Konkurrenz aus dem Westen des Landes und Europas.

Wir gehen aus dem Haus und ein Stückchen durch das Dorf. Mario zeigt seine Stuten mit den Fohlen. Mehrere unaufgeregte Pferde nähern sich uns ohne Scheu; gucken neugierig und schnuppern ein wenig. Auch die drei 2-jährigen Hengste hinter dem Haus lassen sich in die Box führen wie Schäferhunde. Es geht alles sehr ruhig und gelassen zu auf dem Schirrmann-Hof.

Er wünscht sich ein bisschen mehr Ehrlichkeit in der Pferdezucht, der große Mann aus dem Oderbruch. Die Pferdezucht und das Kümmern um die Vereinsentwicklung sieht er als seinen Lebensinhalt. „Davon kriege ich die Nase nicht voll“, gibt er zu und wir stecken uns die nächste Kippe an. Als wir uns verabschieden, steht die Sonne schon sehr tief und das letzte, was ich mitbekomme, ist ein kleiner Streit zwischen ihm und seinem Vater, wer denn nun zur Koppel mit dem Fahrrad fährt und wer mit dem Trecker. Der Vater hatte nämlich schon einen Plan. Da konnte man so ein bisschen ahnen, wo er das her hat, mit dem Blick in die Zukunft und dem Pläneschmieden…

HIER geht es zum Video über die Fohlenschau und Stutbucheintragung des Pferdezuchtvereins Oderbruch in Altranft 2012.

Wer mehr über den PZV Oderbruch erfahren möchte: www.pferdezuchtverein-oderbruch.de

Wer mehr über John Deere erfahren möchte: www.deere.de