Michael Jung: Erster ‚Rio-Test’ in Wiesbaden

Michael Jung (Foto: Frank Hennig/WRFC)

Am Rande des Internationalen Wiesbadener PfingstTurniers im Gespräch mit Michael Jung. Der Olympiasieger, Weltmeister, frischgebackene Grand Slam-Sieger und vierfache Wiesbaden-Sieger ist in diesem Jahr mit Olympiakandidat Fischertakinou im Biebricher Schlosspark am Start.

Frage: Herr Jung, in diesem Jahr ist die olympische Titelverteidigung das größte Ziel und Fischertakinou ein ganz heißer Kandidat, ihr Partner für Rio zu werden. In Wiesbaden haben Sie ihm dem ersten olympischen ‚Test’ unterzogen. Wieso gerade im Biebricher Schlosspark?

Michael Jung: Wiesbaden ist ein tolles Turnier. Hier haben wir in der Dressur und im Springen ein bisschen Championatscharakter, das ist ideal für dieses Pferd. Fischertakinou soll zum Championat dieses Jahr und deswegen kann ich ihn hier schon mal mit dem Trubel konfrontieren, um zu sehen, wie er reagiert: auf diese Atmosphäre, auf den neuen Dressurplatz, auf dem er noch nie war, und auch auf den großen Rasenplatz. Das möchte ich mit ihm üben. Das ist hier ideal.

Frage: Heute, Freitagmorgen, ging es für die Vielseitigkeitsreiter bereits mit der Dressur los. Wie war’s?

Michael Jung: Die Dressur war schon sehr gut. Fischertakinou hat etwas mehr positive Spannung als im vergangenen Jahr, er präsentiert sich insgesamt besser. Wir hatten heute zwei, drei kleine Fehler drin, aber das ist gar nicht schlimm. Ich habe ihn mal etwas kürzer abgeritten als sonst. Aber ich bin in diesem Jahr auch nicht hierher gefahren, um zu gewinnen, sondern um zu üben, um genau diese Kenntnisse zu kriegen. Das nächste Mal muss ich vielleicht doch fünf Minuten länger abreiten, muss vielleicht etwas mehr Galopparbeit auf dem Abreiteplatz machen. Das sind die Kleinigkeiten, die man herausfinden muss. Da muss man sich trauen, mal ein bisschen Risiko einzugehen, auch wenn es vielleicht daneben geht, aber dann weiß man, dass es nicht funktioniert. Letztendlich sollte es dann beim Höhepunkt des Jahres auf den Punkt stimmen.

Frage: Wieso steht Fischertakinou ganz oben auf Ihrer Liste für die Olympischen Spiele?

Michael Jung: Fischertakinou ist ein richtiges Supertalent in allen drei Disziplinen, auch wenn er noch nicht die Erfahrung wie Sam hat.

Frage: Sie sind Stammgast in Wiesbaden, Sie kennen das Schlosspark-Gelände wie kaum ein anderer. Was ist die Spezialität?

Michael Jung: Wenn man hier gewinnen will, dann muss man im Gelände richtig schnell reiten. Man braucht ein Pferd, mit dem man flüssig zu den Sprüngen reiten kann und da nicht viel Zeit verliert. Es geht alles sehr sehr schnell, man muss hoch konzentriert sein. Der Einritt im Stadion ist eine weitere Herausforderung. Da sind die Pferde oftmals etwas abgelenkt und huschen an einem Hindernis vorbei. In Wiesbaden hat man einfach nicht allzu viel Zeit, um die Hindernisse einzeln vorzubereiten. Da braucht man schlaue Pferde. Ich glaube, Takinou, ist so ein schlauer.

Frage: Was ist Fischertakinou Zuhause für ein Typ?

Michael Jung: Er ist ein sehr unkompliziertes Pferd, der an alles unbedarft rangeht und sich keine großen Gedanken macht. Vom Charakter eine ganz coole Socke. Auf der anderen Seite, wenn es ins Gelände geht und man ihn ein bisschen anfeuert, dann ist er hundertprozentig ein Vollblüter: ganz sensibel und reagiert piekfein.

Frage: Ihr Erfolg ist nahezu unfassbar und schlägt große Wogen. Wie ist Ihre Einschätzung: Kann Ihr persönlicher Erfolg auch Auswirkungen auf den Vielseitigkeitssport in Deutschland insgesamt haben?

Michael Jung: Ich hoffe schon. Ich hoffe, dass unser Sport dadurch in den Medien mehr Beachtung findet. Dass der Nachwuchs, die Kinder, sich mehr interessieren. Bei mir zu Hause kommen öfter mal Kinder vorbei, machen ein Referat für die Schule und wollen sich über alles informieren. Ich glaube schon, dass das insgesamt für unseren Sport viel bringt. Auch auf den Turnieren kommt mehr Publikum und einige Veranstalter ziehen nach und nehmen kleine Geländeprüfungen mit ins Programm, weil es eine Art Publikumsmagnet geworden ist.

Frage: Der Trubel um Ihre Person ist groß. Ist es unter diesen Umständen manchmal schwer für Sie, sich auf Ihren Sport zu konzentrieren?

Michael Jung: Nein, gar nicht, im Gegenteil, das ist für mich eher noch mehr Motivation.

Frage: Wenn Sie über Ihren Sport sprechen fällt auffällig oft das Wort ‚Konzentration’. Mussten Sie das Trainieren oder wurde Ihnen das praktisch in die Wiege gelegt?

Michael Jung: Ich habe nie mentales Training oder etwas ähnliches gemacht. Ich denke, mein Fokus auf den Sport wurde mir in die Wiege gelegt. Ich war auch schon während der Schulzeit voll auf die Pferde konzentriert (lacht).

Frage: Eine Frage, die alle beschäftigt: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Michael Jung:  Vielleicht, dass ich mich früher nie spezialisiert, sondern zig verschiedene Pferde geritten habe. Ich habe eigentlich immer sehr schwierige Pferde bekommen und musste versuchen, irgendwie einen Weg zu finden: Wie man mit denen auf dem Turnier durch ein A-Springen oder eine A-Dressur kommt. Da habe ich, glaube ich, am meisten gelernt.

Frage: Stichworte verschiedene Pferde: Wie sicher können Sie auf ihre Sportpartner bauen?

Michael Jung: Am Anfang ist es sehr schwierig, die Leiter hochzuklettern. Wenn ein Pferd dann erfolgreich wird, kommen die Kaufangebote. Ab einem gewissen Punkt werden die Summen so hoch, dass es auch verständlich ist, dass über Verkauf nachgedacht wird. Jetzt inzwischen haben wir durch unsere Züchter, Besitzer, Sponsoren, Freunde –ringsherum – so ein starkes Team aufgebaut, dass meine Pferde alle sicher bei mir bleiben.