"Mein Leben ist der Fahrsport"-Portrait Nicole Heinrich aus Werneuchen

 

„Mein Leben ist der Fahrsport“ – Portrait Nicole Heinrich aus Werneuchen bei Berlin

 

Werneuchen(JPH) Es ist bitterkalt an diesem sonnigen Freitagnachmittag irgendwo am südlichen Ende von Werneuchen. Der Reiterhof Heinrich (www.reiterhof-heinrich.de) liegt in der Nähe des ehemaligen Flugplatzes und ist gleichzeitig Landwirtschaftsbetrieb und Pferdepension. Diese Konstellation trifft man sehr oft im Osten Brandenburgs und bietet viele Vorteile. Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, um langfristig bestehen zu können.

Ich treffe Nicole Heinrich auf dem Hof zwischen diversen Kutschen und landwirtschaftlichen Geräten. Am anderen Ende des Führstricks befindet sich Vrennden Rosa – eine holländische Warmblutstute. „Vrenny“, wie sie genannt wird, ist recht durchgeschwitzt vom Longieren und erhält gerade eine Abschwitzdecke.  Sie (Vrenny) ist entspannt aber aufmerksam. Man merkt, dass für heute das Bewegungsfeuer erloschen ist. Mit der Dynamik ihrer Besitzerin kann Vrenny sowieso nicht mithalten.

Nicole Heinrich ist Ende dreißig und hat Mann und Sohn. Die gelernte Landwirtin betreut mehr als dreißig Pferde-eigene und die der Einsteller. Und noch eine dreißig: Nicole Heinrich hat mittlerweile dreißig Jahre Erfahrung im Umgang mit Pferden. Die Liebe zu Ihnen entdeckte sie als kleines Mädchen. Vor zehn Jahren kam dann eine neue Leidenschaft dazu: der Fahrsport. Ihm hat sie sich mit Leib und Seele verschrieben. Dem Fahrsport gehört ihre Freizeit und seit kurzem auch ihre Arbeitszeit.

„Als Fahrer und Reiter sind wir natürlich in der FN und dem Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg als Reit- und Fahrgemeinschaft Werneuchen e.V. organisiert. Und wir gehören als Züchter von Haflingern dem Mecklenburgischen Zuchtverband an.“ Nicole Heinrich lacht fast bei jedem Wort und strahlt mehr als Zufriedenheit aus, während sie Vrenny in die Box bringt. Dabei lässt sie gegenüber dem Pferd keinen Zweifel daran, wer hier das Kommando hat.

„Wenn die Zeit dafür da wäre, könnte ich mich den ganzen Tag mit Pferden beschäftigen. Aber alle anderen Sachen müssen schließlich auch noch organisiert werden.“ Nicole Heinrich meint damit u. a. die nun schon 6. Werneuchener Kutschenrallye, die am 13. August 2011 neben dem Sportplatz stattfindet. „Wenn wir nicht die Vereins- und Familienmitglieder hätten, die bei allem ohne Klagen und tatkräftig mithelfen, wäre das alles nicht zu machen. Da ist jeder mit dabei und packt zu“, erzählt Nicole Heinrich nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme. Aber sie will in diesem Jahr noch mehr: Geplant ist die 1. Barnimer Kreismeisterschaft im Fahrsport. Um wenigstens einen kleinen Teil der Kosten zu deckeln, hat sie beim Kreissportbund Geld beantragt, aber bis jetzt noch keine Antwort erhalten. Dabei ist der Termin für den 21. Mai 2011 vorgesehen.

Vrenny macht sich mittlerweile über das Heu her und wir sitzen in der kleinen, etwas chaotischen Reiterstube beim Cappuccino. Die Wände zieren unzählige Zeitungsberichte von Turnieren und jede Menge Schleifen. Auf dem Schrank stapeln sich Bücher über den Pferdesport. Ob sie auch an Turnieren teilnehme, will ich wissen. Draußen ruft jemand und sie springt auf und rennt raus – ohne ein Wort zusagen. „Jede Menge Teilnahmen und auch Erfolge. Zum Beispiel in Ziechow und Behlendorf.“ Der da mit unverkennbar norddeutschem Dialekt spricht heißt René Lemme und ist der Groom (Beifahrer) von Nicole Heinrich. Nicole kommt wieder rein. „Der ist der TT-der Turniertrottel.“ Beide lachen und werden im nächsten Augenblick nachdenklich. Etwas leiser sprechen sie über die hohen Kosten, die der Fahrsport so mit sich bringt. „So einfach wie beim Springreiten ist das nicht: Anhänger ran, Pferd rein, Sattel rein-fertig ist die Laube.“  Wenn man Zweispänner fährt, braucht man einiges mehr an Transportmitteln, lerne ich. Und es erscheint logisch. Dazu kommen je nach Version noch Anforderungen an Kutschen und Fahrer sowie hohe Gebühren. Alles keine Gründe, um mit dem Fahrsport zu beginnen. Wer trotzdem mal reinschnuppern möchte, ist bei Nicole Heinrich richtig. Sie strebt in nächster Zeit den Trainerschein C an. Damit kann sie für den Breiten- und Leistungssport Lehrgänge anbieten und Pferde ausbilden. Wichtig sind ihr dabei die Legalität und der Nachweis der Fachkunde. „Kurpfuscher gibt es genug, die ohne Ahnung und dann auch noch besoffen durch die Gegend gondeln!“ Nicole Heinrich kommt in Fahrt und lässt gleich noch mehr hören: „Dazu kommt, dass die Wege und Möglichkeiten für den Fahrsport in Werneuchen und Umgebung immer mehr eingeschränkt werden. Eine Anfrage beim Bau- und Ordnungsamt brachte nichts und verlief im Sande. Wenn ich mich mit der Kutsche durch Werneuchen bewege, stehe ich mit einem Bein schon fast im Knast! Aber Not macht erfinderisch und irgendwie geht es dann doch so halbwegs…“

Nicole ist unruhig und schaut auf die Uhr. Es ist gegen halb fünf und beginnt dunkel zu werden.  Was sie am meisten positiv bei ihrer Arbeit berührt, will ich wissen. „So eine Kutschenrallye zu organisieren ist stressig, aber schön. Und wenn es dann zum Abschluss noch Pferdefußball gibt, sind alle begeistert und das gibt Auftrieb. Und der Adrenalinschub, wenn ich mit hoher Geschwindigkeit und willigen Pferden durch die Gegend oder über den Parcours fahre. Das ist dann so…YEHAA!“ Jetzt leuchten ihre Augen wieder und Nicole plappert munter weiter über ihre Pferde, Kutschen, Zuchterfolge, Turniersiege und was sonst noch. Aber es wird dunkel. Und Nicole muss raus und die Pferde reinholen. Ich verabschiede mich und erhalte noch hunderte digitalisierte Fotos der letzten Werneuchener Kutschenrallye. Ich fahre vom Hof – wieder vorbei an zahlreichen Kutschen und landwirtschaftlichen Geräten und vorbei an endlosen Koppeln.