London 2012 Paralympics: Zusammenfassung

London/GBR (fn-press). Mit schwerem Gepäck kehren die deutschen Reiter von den Paralympics zurück. Sie gewannen in London zwei Mal Gold, zwei Mal Silber, zwei Mal Bronze und dazu Silber in der Mannschaftswertung. „Unsere Erwartungen haben sich voll erfüllt“, freute sich Equipechefin Britta Bando (Hamburg). Was aber noch mehr zählt: „Der Teamgeist hier in London war einfach unglaublich.“

In fünf verschiedenen Grades gab es bei Paralympics Medaillen zu gewinnen: Ia, Ib, II, III und IV – je nach Schwere der Behinderung. Zu reiten waren jeweils drei Aufgaben, zunächst der sogenannte Teamtest und danach der Championship-Test zur Ermittlung der Einzelmedaillen. Beide Prüfungen zählten zusammen für das Mannschaftsergebnis, wobei jeweils die drei besten Ergebnisse pro Mannschaft addiert wurden. Den krönenden Abschluss bildete dann die Kür, in der noch einmal ein Medaillensatz pro Grade verteilt wurde.

Silber und Bronze in Grade II

Zu den Reitern mit der längsten Paralympic-Erfahrung zählt Dr. Angelika Trabert (Dreieich). Die 44-jährige Narkoseärztin, die ohne Beine zur Welt kam, gehört seit 1996 regelmäßig zum deutschen Team. In London machte sie den „Pathfinder“, musste als erste Deutsche im Teamtest aufs Viereck und bekam zu spüren, was wenige Wochen zuvor auch die Teilnehmer an den Olympischen Spielen feststellen mussten: das temporäre Reitstadion im Greenwich Park hat „Atmosphäre“. Traberts neunjähriger Hessenwallach (v. Alabaster – Florestan I) stockte bereits am Haltepunkt und sprang später sogar einmal zur Seite. „Draußen ging sie noch richtig gut. Aber im Stadion war dann plötzlich alles Mögliche interessant, was da am Vortag noch anders war“, sagte die Reiterin, die mit 67,143 Prozentpunkten deutlich unter ihren Möglichkeiten blieb. Doch Angelika Trabert ließ sich nicht unterkriegen. Bereits in der Einzelwertung war alles wieder im Lot und das Paar gewann mit 76,0 Prozentpunkten die Bronzemedaille. Dass dies kein Eintageserfolg war, bewiesen die beiden zwei Tage später erneut. Für ihre Kür zu Soundtracks aus den Filmen „Fluch der Karibik“, „Madagaskar“ und „König der Löwen“ kassierte das Paar 76,150 Prozentpunkte und gewann damit erneut Bronze.

Zu den beiden Reiterinnen, die jeweils vor ihr lagen, gehörte jedes Mal auch Traberts langjährige Teamkollegin Britta Näpel aus Wonsheim. Die 46-jährige Pferdewirtschaftsmeisterin und gelernte Augenoptikerin, die an den Folgen einer schweren Vergiftung durch Insektenschutzmittel leidet, rangierte mit ihrer 14-jährigen Zweibrücker Stute Aquilina (v. Aquilino – Woerth) bereits im Teamtest auf Platz zwei. Viele Freudentränen flossen, als sie diesen Erfolg auch in der Einzelwertung und zuletzt auch in der Kür wiederholen konnte und damit zwei Mal Silber gewann. Mit 76,048 und 77,4 Prozentpunkten musste sich zwei Mal nur knapp der britischen Reiterin Natasha Baker geschlagen geben. Die 22-jährige Doppel-Europameisterin aus Uxbridge, West-London, lieferte mit Cabral vor heimischem Publikum in allen drei Prüfungen eine glänzende Vorstellung und erzielte in der Kür das Rekordergebis von 82,8 Prozentpunkten – zugleich die persönliche Bestleistung der jungen Britin. Wie hoch das Niveau auf Grade II generell war, zeigt sich daran, dass die besten acht Paare alle Ergebnisse über 70 Prozent erzielten. Mit insgesamt 21 Startern stellten die Grade II-Reiter das zahlenmäßig stärkste Starterfeld.

Hannelore „Hanne“ Brenner bleibt ungeschlagen

Doppel-Gold gab es in London auch für Hannelore Brenner, die damit ihre schon beachtliche Edelmetall-Sammlung weiter aufstockte. Die Wachenheimerin, die seit einem Reitunfall inkomplett querschnittgelähmt ist, trat in London als Titelverteidigerin an und wurde ihrer Rolle an allen Tagen gerecht. Ein bisschen Zittern war dennoch angesagt, als sich die 49-Jährige im Championship-Test verritt. „Da hatte sich offensichtlich ein Druck aufgebaut, den ich mir selbst nicht eingestanden habe. Ich wusste nur, dass von meiner Note das Mannschaftsergebnis abhängt. Beim Reiten war ich dann noch ganz begeistert über das gute gelungene Schulterherein, als ich abgeläutet wurde. Ich habe dann die Richterin gefragt, sie aber offensichtlich falsch verstanden und wurde wieder abgeläutet“, schilderte Hanne Brenner die Situation. „Irgendwie hatte ich da einen Fadenriss, schließlich kenne ich die Aufgabe in- und auswendig.“ Nach dem Malheur fing sich die Reiterin allerdings schnell wieder und kam immerhin noch auf 73,467 Prozentpunkte: Gold. „Ich habe das aber erst geglaubt, als die Durchsage kam“, sagte Brenner. Auch im deutschen Lager hielten alle die Luft an, bis endlich das Ergebnis angezeigt wurde – eine „Erlösung“ auch im Hinblick auf das Mannschaftsergebnis. Brenners Resultat bedeutete nach 2004 und 2008 zum dritten Mal Silber in Folge für ein deutsches Team – vor der Mannschaft aus Irland, die erstmals an Paralympics teilnahm und auf Anhieb Bronze gewann.

„Ohne das Verreiten wären es sicher 78 Prozent für Hanne geworden“, sagte Dr. Jan Holger Holtschmit (Saarbrücken), Vorsitzender des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR). Oder noch mehr? Das sollte sich zwei Tage später in der Kür zeigen. Hier gab es 81,7 Prozentpunkte für das Paar, das im Regelsport bereits S-Siege feiern konnte. „So viel wie noch nie bei einem Championat“, freute sich Brenner. „Die Stute ist an allen drei Tagen super gegangen. Das hat einfach Spaß gemacht.“

Während Hannelore Brenner die Klasse III dominierte, landete ihr Teamkollege Steffen Zeibig aus Arnsdorf an allen drei Tagen im Mittelfeld. Für den 35-jährigen Sachsen, der ohne rechten Unterarm, rechten Unterschenkel und ohne linken Fuß auf die Welt kam, waren es bereits die zweiten Paralympics. Im Sattel des 16-jährigen Hannoveraners Waldemar – übrigens wie Women of the World ein Nachkomme des Hengstes Walt Disney I – belegte er Platz acht in der Einzelwertung (66,233) und in der Kür (67,15). Insgesamt gingen zwölf Paare in Grade III an den Start. Zwei Mal Silber gewann die Britin Deborah Criddle mit LJT Akilles, zwei Mal Bronze sicherte sich Annika Dalskov mit Aros a Fenris.

Gelungenes Paralympic-Debüt für Lena Weifen

Ebenfalls Achte in der Kür wurde die deutsche Paralympics-Debütantin Lena Weifen aus Bösel. Die 23-Jährige, der von Geburt an der rechte Unterarm fehlt, startete in Grade IV, in der die höchsten reiterlichen Ansprüche an Reiter und Pferd gestellt werden. 2010 nahm sie mit ihrem Hessenwallach Don Turner (v. Dartagnan – Rebel Z) sowohl an den Deutschen Meisterschaften der Jungen Reiter als auch bei den Para-Weltmeisterschaften in Kentucky/USA teil. Mit 67,581 Prozentpunkten in der Einzelwertung (Platz neun) und 72,1 Prozentpunkten in der Kür kam sie in London allerdings nicht an die Spitzenreiter ihrer Klasse heran. Aber auch Topfavoritin Sophie Wells (Großbritannien) hatte mit Pinocchio das Nachsehen. Sie gewann zwar souverän den Teamtest, musste sich aber sowohl in der Einzelwertung als auch in der Kür der Belgierin Michele George mit ihrem Württemberger Rainman geschlagen geben. Zwei Mal Bronze sicherte sich der Niederländer Frank Hosmar mit Alphaville.

Wachablösung in Grade Ib

In den Grades Ia und Ib war Deutschland auch in diesem Jahr nicht vertreten. In Grade Ia hieß das dominierende Paar Sophie Christiansen und Janeiro, das mit seinen Ergebnissen über 80 Prozent maßgeblich auch zum erneuten Sieg der britischen Mannschaft beitrug. Zwei Mal Silber holte Helen Kearny aus Irland mit Mister Cool, zwei Mal Bronze gab es für Laurentia Tan aus Singapur mit Ruben James.

In Grade Ib fand dagegen eine fast schon historische Wachablösung statt. Nicht die britische Para-Legende Lee Pearson stand in London im Vordergrund: Die Goldmedaillen gingen stattdessen an die australische Reiterin Joann Formosa (Gold in der Einzelwertung) und den früheren Vielseitigkeitsreiter Pepo Puch, den nach seinem schweren Unfall weder der Kampfgeist noch die Passion für Pferd und Reiten verlassen haben. Im Sattel der Hannoveraner Stute Fine Feeling holte er die ersten Medaillen für Österreich seit Einführung der Reitwettbewerbe bei Paralympics in Jahr 1996: Bronze in der Einzelwertung und Gold in der Kür. Ganz leer gingen Lee Pearson und sein Pferd Gentleman allerdings auch in diesem Jahr nicht aus. Sie kehren mit einem ganzen Medaillensatz nach Hause zurück: Gold (Team), Silber (Einzelwertung) und Bronze (Kür).    Hb