Kurzportrait Vivian-Nadine Mirow aus Heinersdorf

 

 

Kurzportrait:

Vivian-Nadine Mirow aus Heinersdorf

 

(jph) Irgendwie hat sie jeder schon einmal gesehen, der in Berlin und Brandenburg auf Reitturnieren unterwegs ist. Meist waren das dann M- und S-Springen. Vivian-Nadine Mirow ist ja auch schon fast drei Jahrzehnte im Sattel, obwohl sie erst 33 Jahre alt ist. Sie lebt jetzt mit Lebensgefährte Klaus-Jürgen Harbich und vier Klasse-Pferden in Heinersdorf im Landkreis Oder-Spree so auf halbem Wege zwischen Fürstenwalde und der polnischen Grenze.

Sie ist und bleibt gebürtige und damit waschechte Berlinerin und gehörte zum Westberliner Reitadel, der sich – wenigstens bis zum Mauerfall – prächtig und erfolgreich entwickelte. Vivian denkt gerne an die Zeit zurück, als im freien Teil der Stadt alle Reiter wie in einer kleinen Familie zusammen lebten. Ihre schwer erkrankte Mutter, die sie pflegt, lebt noch heute im Grunewald. Sie pendelt also viel zwischen ihrer alten und ihrer neuen Welt hin und her. So richtig sesshaft ist sie wohl noch nicht geworden. Und so richtig Ruhe ist auch noch nicht eingekehrt. Aber was macht das schon mit 33 Jahren.

Ich treffe VNM in einer Hotelanlage, die man vom Aussehen her eher in Bayern vermuten würde. Das Gut Klostermühle liegt am Madlitzer See inmitten eines großen Waldgebietes. Liebevoll und aufwendig restaurierte Häuser und gepflegte Parkanlagen haben dort Platz gemacht für Wellness und Erholung a la Brandenburg. Was man in dieser Hotelanlage am allerwenigsten vermuten würde, sind Pferde. Und doch gibt es davon reichlich; und zwar inklusive aller wünschenswerten Infrastruktur. Saubere Stallungen und ein Springplatz, weitläufige Koppeln und eine Reithalle mit beheizter Tribüne inklusive 1A-Boden gehören zum Betriebsteil Pferdesport. Es wurde an nichts gespart. Auch nicht am Personal: Vivian-Nadine Mirow leitet diesen Betriebsteil. Ihr Büro mit Blick auf die Hotelanlage ist klein und ungemütlich. Man merkt gleich, dass sie sich nicht viel dort aufhält. Die hoteleigenen Pferde müssen bewegt werden; ob Gäste auf ihnen reiten oder nicht.

Im nächsten Jahr plant sie ihr erstes selbst organisiertes Reitturnier auf der Anlage. Der Reitverein Gut Klostermühle will ein reines Springturnier bis zur Klasse M** durchführen. Der geplante Termin ist das erste Augustwochenende. Bis jetzt steht noch nichts im Turnierplan des LPBB. Aber es sind auch noch viele organisatorische Hürden zu überwinden, wie sie selbst zugibt. Frau Mirow macht allerdings den Eindruck, als wenn es sich lediglich um Herausforderungen handelt und nicht um wirkliche Probleme. Trotzdem wird sie demnächst ihren Reitverein Deutschlandhalle verlassen müssen, wenn sie sich im Osten Brandenburgs eine neue Gemeinschaft aufbaut. Aber von der Deutschlandhalle ist ja auch nicht mehr so viel übrig. Da fällt der Abschied bestimmt nicht schwer, auch wenn einige langjährige Weggefährten zurück bleiben müssen.

Dann wird sie sich halt in Geduld üben bis zum nächsten Turnier, um Reitfreunde zu treffen. Obwohl das mit der Geduld bei ihr so eine Sache ist, wie sie unumwunden zugibt. Als überzeugte Autodidaktin hat sich VNM in ihrem Leben so ziemlich alles selbst beigebracht, was ihr wichtig erschien. So kann man die Ungeduld auch im Zaum halten. „Jetzt bin ich aber an einem Punkt angekommen, an dem es ohne Trainer für S-Springen nicht mehr weiter geht“, stellt sie fest. Und sie weiß auch, dass solche Trainer in Berlin und Brandenburg rar gesät sind, wenn man nicht täglich mit Pferd und Transporter zweihundert Kilometer fahren will oder kann. Und schon kommt wieder diese verflixte Ungeduld durch. Dann blitzen auch noch ihre dunklen Augen auf und Frau Mirow rutscht auf dem Stuhl hin und her – ungeduldig natürlich. Und wenn sie sich dann selbst erwischt hat, wird sie auch wieder ruhig und diszipliniert; spricht über ihren Dressurstil, den sie für schlecht hält. „Wenn ich da nicht weiter weiß, ruft ich eben meine Freundin Julia Voigtländer an, sie kann mir eigentlich immer weiter helfen“, erzählt sie fröhlich. VNM gehört nicht zu der Sorte Springreiter, die Dressurreiten als spießig empfinden. Im Gegenteil: Sie hat vor einer guten Dressur ungeheuer viel Respekt. „Dressurreiter nehmen ihren Sport viel ernster“, sagt sie. Nur die versteinerten Gesichter der Reiterinnen und Reiter während des Wettbewerbs findet sie nicht schön. So geht es wahrscheinlich allen ungeduldigen Menschen im Reitsport.

Für Frau Mirow ist es etwas schwierig, dem Reiten die richtige Schublade zuzuordnen. Bezogen auf ihre eigenen Pferde versteht sie das Reiten als Hobby. Auf dem Gut Klostermühle ist es ihre Arbeit. Manchmal vermischt sich auch das eine mit dem anderen. Es kommt schon mal vor, dass ein anspruchsvoller Hotelgast eine größere Herausforderung sucht. Dann hat VNM einiges im Privatstall, was dem fortgeschrittenen Reiter  Freude und Anstrengung bereitet.

Aber nicht nur junge Sportler sind bei ihr zu Hause, sondern auch der mittlerweile 23 Jahre alte Wallach Ladislaus. Der ging bis zum letzten Jahr noch M-Springen und bis vor drei Jahren noch S-Springen. Mit ihm wurde sie Berliner Meisterin. „Ladislaus ist unser Hofhund und kann bei uns tun und lassen, was er will.“ Mit ihm wäre sie fast mal Landesmeister geworden. Leider geht Ladislaus aber nicht über Wasserhindernisse, wie sich gezeigt hat. Da ist es dann egal, ob der Rest fehlerfrei ist. Böse ist sie ihm deswegen aber nicht. Im nächsten Jahr ist die Teilnahme an den Landesmeisterschaften aber wieder im Kalender eingetragen.

Wahrscheinlich will sie dann mit ihrem jetzt sechsjährigen Hannoveraner-Wallach Simply the Best an den Start gehen. Den hat sie mit vier Jahren übernommen und dann von Frank Krückel ein Jahr lang ausbilden lassen. Siegreich war er bis heute im M* und platziert im M**. Es ist also noch Luft nach oben.

Außerdem steht seit ein paar Tagen ein fünfjähriger Wallach von Landrebell namens Lugeno bei Ihr sowie der 13-jährige Holsteiner Wallach Landwehr, der sich leider in dieser Saison etwas verletzt hatte. Im Frühjahr 2012 soll er aber wieder fit sein und auf Turniere gehen. Er war schon mehrfach M**-platziert und hat M*-Springen gewonnen.

Das Turnierjahr 2012 hat für Frau Mirow im Kopf also schon lange begonnen. Und zum Thema Turniere fallen ihr viele Sachen ein, die mal gesagt werden müssen. Heckenfeste nennt sie die Veranstaltungen mit einer schlechten Organisation, schlechten Plätzen und Bratwurst oder Nackensteak als einzige Ernährungsmöglichkeit. „Es gibt Turniere, da kann man sich noch nicht einmal irgendwo unterstellen, wenn es regnet“, beschwert sie sich zu recht. Fanta und Bratwurst sind für sie keine guten Turnierbegleiter. Und mit dieser Meinung steht sie nicht allein da. Sie fordert von jedem Veranstalter beste Bedingungen ein und weiß dabei selbst, dass vieles vom Geld und den Vereinen abhängt. Aber auch diese Erfahrung steht ihr erst noch bevor. In Sachen Sportsgeist ist Frau Mirow trotzdem nicht zu schlagen. „Wenn ich zu einem Turnier fahre, will ich auch gewinnen. Alles andere ist Quatsch!“ Und da gibt es einige Turniere, zu denen sie am liebsten fährt.  Als Berliner Pflanze ist sie natürlich gerne in Rudow und Lichtenrade; versteht sich. Da trifft man auch die meisten Bekannten und Freunde. In Brandenburg hat sie auch so ihre Favoriten und nennt einige: Hohenwalde gehört dazu, Alt-Barnim und das Parkturnier in Heinersdorf vor ihrer Haustür, auch Alt Zeschdorf, Groß Schönebeck und Ladeburg sowie Münchehofe.

Für VNM beginnt das Turnier schon mit einer guten Ausschreibung und einer funktionierenden Meldestelle. Und über gute Böden freut sich jeder Reiter; ebenso wie über eine wahrnehmbare Menge an Zuschauern außer den Turnierteilnehmern. Der Idealfall sind deshalb für sie noch immer die Landesmeisterschaften in Neustadt/Dosse. Das regionale Highlight der Saison bietet für sie alles, was sie sich unter einem guten Turnier vorstellt. Bleibt zu hoffen, dass sich zu den guten Bedingungen im nächsten Jahr auch noch ein paar gute Platzierungen für Vivian-Nadine Mirow gesellen. Die junge, ungeduldige Frau hätte es mit ihrer Art und ihrem Sportsgeist ehrlich verdient.