Höher, schneller, risikobereiter - wo will der Voltigiersport hin?

 

Rückblick auf die Voltigiertagung in Altleiningen

Mehr Aufmerksamkeit durch den Weltcup im Voltigieren, erhöhte Anforderungen an die Pferde oder eine unbegrenzte künstlerische Freiheit auf und mit dem dem Pferd - positive und negative Entwicklungen gehen im Voltigiersport Hand in Hand. Dies wurde bei der Voltigiertagung der Interessen- und Fördergemeinschaft für den Voltigiersport "Der Voltigierzirkel e. V." in Kooperation mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, der Deutschen Richtervereinigung für Pferdeleistungsprüfungen und der Arbeitsgemeinschaft Pfälzischer Voltigierer vom 31. Oktober bis 2. November 2014 in Altleiningen (Rheinland-Pfalz) deutlich.

 

Die Grundlagen zur Auseinandersetzung mit diesem Thema legte der österreichische Bundesreferent Manfred Rebel (seine Funktion ist vergleichbar mit einem Bundestrainer in Deutschland) in seinem Eröffnungsvortrag am Freitag. Er sah auf der einen Seite eine positive Entwicklung des Voltigierens, da es sich um eine noch junge Techniksportart handelt, deren Bekanntheit, Akzeptanz und Attraktivität für die Zuschauer sowie Veranstalter steigt. So verwies Rebel auf die positiven Aspekte des Weltcups, nämlich die Werbung für den Sport, die verbesserte Akzeptanz zwischen den Pferdesportdisziplinen sowie die ausgeschütteten Preisgelder und Kostenübernahmen. Auf der anderen Seite warnte der Bundesreferent vor den steigenden finanziellen Belastungen unter anderem für die Anschaffung und den Unterhalt der Pferde, die immer besser ausgebildet sein müssen, und - bedingt durch die erhöhte Anzahl an internationalen Turnieren - den steigenden Reisekosten. Er stellte zur Debatte, ob man sich durch die Anschaffung eines sehr gut ausgebildeten Pferdes gute Noten kaufen könne. Mit Blick auf den Weltcup warnte er außerdem vor der fehlenden Regenerationszeit im Winter.

Auf den Thesen des Eröffnungsvortrags basierte eine Diskussionsreihe, geleitet von Voltigier-Richter und -Funktionär Leo Laschet. Die Ergebnisse bildeten zum Teil in die Grundlage für die Podiumsdiskussion zum Tagungsabschluss am Sonntag. Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer Sport bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, gab hierbei wichtige Hinweise aus Funktionärssicht und riet den Aktiven und Trainern, Geduld zu bewahren, wenn es um weitere Veränderungen im Sport geht: "Manche Dinge müssen reifen." Sorgen machte ihm, dass das Voltigieren stagniert. Um dies zu beheben, müsse man die Ausbilder höher qualifizieren.

 

Devon Maitozo, ehemaliger Weltmeister im Einzel- und Gruppenvoltigieren aus den USA, bewunderte dagegen, wie bekannt Voltigieren in Deutschland ist und wünschte sich, dass der Sport auch in anderen Ländern Teil der Kultur wird. Ihn faszinierte an der Sportart, dass es eine Hochleistungsdisziplin ist, die dennoch Raum bietet, sich zu entwickeln, insbesondere künstlerisch. Seine enge Verbundenheit mit dem Sport brauchte er mit der Aussage "Ich atme Voltigieren" auf den Punkt.

 

Die Voltigierrichterin Alessia Vannini aus der Schweiz berichtete, wie wenig anerkannt das Voltigieren in ihrer Heimat zum Teil sei und griff eine Idee von Manfred Rebel aus dem Eröffnungsvortrag auf, die Disziplin mit Auftritten auf Pferdemessen bekannter zu machen. In diesem Rahmen bietet sich ihrer Ansicht nach die Möglichkeit, das Richtverfahren transparenter zu machen, denn bei Turnieren "versteht die Rangliste niemand", so ihr Fazit. Sie stellte die Frage in den Raum: "Warum muss das Richtverfahren immer komplizierter werden?"

Dr. Ellen Zöllner legte als Humanmedizinerin ihren Fokus in der Diskussion auf die Gesundheit der Voltigierer, aber auch der Pferde. So sprach sie sich dafür aus, dass Voltigieren zwar künstlerisch grenzenlos sein, sich aber mit Blick auf das Pferd in Geduld üben sollte. Außerdem plädierte sie für eine verbesserte Trainerausbildung, um den Sport verletzungsärmer zu gestalten. Dazu passte ihre Forderung, die Flanke in der Pflicht abzuschaffen.

Nicht nur während der Podiumsdiskussion wurde deutlich, wie wichtig Traineraus- und -fortbildungen sind, auch Sportwissenschaftler Professor Dr. Ansgar Thiel legte anhand verschiedener Sportarten dar, wie hoch die Anforderungen an Trainer im Leistungssport sind und über welches Wissen diese verfügen müssen, um nicht - im schlimmsten Fall - zu Risikofaktoren für ihre Athleten zu werden. Als Beispiele hierfür nannte er einen autokratischen Führungsstil oder Laissez-faire, keine individualisierte Trainingssteuerung und -kommunikation oder Unsicherheit im Umgang mit Verletzungen, Krankheitssymptomen und körperlichen Wachstumsprozessen. Thiels Vortrag machte die anwesenden Ausbilder sichtbar nachdenklich und zum Teil ratlos, wie sie den genannten Anforderungen in einem Amateursport wie dem Voltigieren gerecht werden können.

Neben den hochkarätigen Vorträgen konnten die über 100 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre persönliche Auswahl aus 30 Workshops besuchen. Spitzenvoltigierer Daniel Kaiser widmet sich anhand von Fotos Technikunterschieden bei Aufsprung sowie Schwungübungen und deren Optimierung im Training. Dazu nahm er Voltigierer auf dem elektrischen Übungspferd Movie auf Video auf und analysierte die Fehler unmittelbar im Anschluss. Teilnehmer hatten in einem anderen Workshop die Möglichkeit, unter seiner Anleitung und begleitet von den Tipps des Konstrukteurs Peter Höppner Movie selber auszuprobieren. Auch Barbara Hirsch, unter anderem Inhaberin einer Trainer-B-Lizenz für Sport in der Prävention, zeigt alternative Trainingsmöglichkeiten im Voltigiersport: Sie demonstriert Übungen mit luftgefüllten Airtrackmatten, AirHorsegym und dem Equi Egg. Devon Maitozo legte in seinen Workshops den Fokus auf den künstlerischen Aspekt im Voltigieren. Er stellte die Grundvoraussetzungen dar, um Voltigieren von einer rein sportlichen Ebene auf eine höhere Kunstebene zu heben und dadurch die Zuschauer in den Bann zu ziehen. Der Referent erläuterte, worauf Aktive und Trainer bei der Kürgestaltung achten sollten, z. B. Übungen zu größeren Einheiten zu kombinieren. Maitozo warb für mehr Mut und Kreativität bei der Musikauswahl und demonstrierte mit einer einfachen Methode aus dem Improvisationstanz die verschiedensten Gestaltungsmöglichkeiten, mit denen man den eigenen Körper zum Vermitteln von Botschaften und Emotionen nutzen kann.

Einer speziellen Zielgruppe, die in unserer Gesellschaft mittlerweile einen großen Anteil ausmacht, widmet sich Nicola Mündemann: Die Diplom-Psychologin und Reittherapeutin stellt die Frage, inwieweit Übergewichtige im Pferdesport - wie dem Voltigieren - trainieren und Teil einer Gruppe sein können. Die Teilnehmer konnten dabei selbst erfahren, wie es sich anfühlt, mit erhöhtem Gewicht einen Parcours zu durchqueren. Die Referenten lud die Teilnehmer zu einer Reflexion über körperliche und seelische Belastungen übergewichtiger Kinder ein und stellte ein interessantes Konzept zum Umgang mit Übergewicht im Pferdesport vor. Das Pferd als Motivator einzusetzen, um die Kinder in Bewegung zu bringen, ist mit einfachen Übungen und Aufgaben möglich. Inge Lohr und Felix Bender widmen sich der Korrektursprache. Schließlich kommt es nicht nur darauf an, was Voltigiertrainer korrigieren, sondern auch, wie sie es vermitteln. Die Workshopteilnehmer diskutieren dabei rege und probierten die neu erlernten Tipps unmittelbar aus. Mit Rat und Tat standen die Pädagoginnen Bärbel Pietsch und Anna Dax den Trainern zur Seite, die Probleme mit verschiedenen Verhaltensweisen ihrer Kinder haben. In ihrem Workshop "Voltigierkinder in ihrer Vielfalt" präsentierten sie altersentsprechende Stundengestaltungen für Nachwuchsgruppen. Abschließend gab es wertvolle Literaturempfehlungen und eine kleine Zusammenstellung besonders gut geeigneter Spiele für das Voltigieren.

Dr. Ellen Zöllner diskutierte als Ärztin medizinischen Aspekte des Voltigiersports. Sie analysierte den Zusammenhang von Reglement und Verletzungsstatistiken sowie die Einflussmöglichkeiten der Richter auf die Gesundheit der Voltigierer. Ihre Ergebnisse diskutierte sie im Anschluss mit den Zuhörern ihres Vortrags. Außerdem widmet sich in einem Vortrag einer Schattenseite des Sportes, dem Doping. Mit der klanglichen Unterlegung von Pflicht und Kür beschäftigt sich Brigitte Seidler. Ihr Ziel war es, Aktiven, Trainern und Richtern Musik als künstlerisches Element im Voltigiersport zu erläutern und eine Definition von Basiskriterien als Leitfaden an die Hand zu geben. In ihrem Workshop zeigte sie verschiedene Videobeispiele, in denen sie die jeweilige Kür einmal mit der Originalmusik und einmal mit einer neu unterlegten Musik laufen ließ. Dabei änderte sich die Wirkung stets sehr stark.

Der Voltigiersport kann sich nicht weiterentwickeln, wenn wir die Pferde aus den Augen verlieren. Aliana Müller widmet sich in ihrem Workshop deshalb der Frage, wie Haltung und Training artgerecht gestaltet werden können. Die Referentin erläuterte die Grundverhaltensweisen und -bedürfnisse von Pferden sowie deren Ursprung in der tierischen Entwicklungsgeschichte. Diese Kenntnisse wurden anschließend auf die eigene Arbeit und persönliche Erfahrungen im Umgang mit Pferden übertragen und gemeinsam diskutiert. Zudem gab Müller einige nützliche Hinweise zur Verbesserung der Haltebedingungen der sensiblen Vierbeiner, wie beispielsweise Futtertonnen am Boden statt Heuraufen oder Laufstall-Labyrinthe zur Bewegungsförderung. Kersten Klophaus und Regina Schiemann erläutern in Theorie und Praxis in der Reithalle, wie man ein Verladetraining für sein Pferd aufbauen kann und demonstrierten verschiedene Bodenarbeit-Übungen.

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Richtervereinigung für Pferdeleistungsprüfungen (DRV) wurden in Altleiningen verschiedene Workshops für Voltigierrichter angeboten. Mit Leo Laschet, dem Leiter des Fachausschusses Voltigieren der DRV, gab ein "alter Hase" sein Wissen weiter, aber auch drei Jungrichterinnen, Heidi Auerhammer, Verena Kühnapfel und Johanna Löhnert, waren als Referentinnen tätig. Sie erläuterten interessierten Tagungsteilnehmern, wie der Weg zum Jungrichter aussehen kann.

Die vielen positiven Rückmeldungen der Tagungsteilnehmer und -referenten bewogen den Vorstand von "Der Voltigierzirkel e. V.", schon jetzt für das Frühjahr 2016 die Jugendherberge Burg Altleiningen für die nächste Veranstaltung zu buchen: Vom 12. bis 14. Februar 2016 wird sich die Voltigierwelt erneut in Altleiningen treffen und ihr Wissen austauschen.

Die Fotos von Christoph Schaffa zeigen:
Podiumsdiskussion Voltigiertagung 2014: Dr. Ellen Zöllner, Devon Maitozo, Alessia Vannini und Dr. Dennis Peiler (von links) diskutierten unter der Leitung von Leo Laschet (stehend) die Entwicklung des Voltigiersports
Kersten Klophaus - Workshop Verladetraining: Kersten Klophaus demonstrierte gemeinsam mit Regina Schiemann, wie ein Verladetraining für Pferde aufgebaut sein kann
Devon Maitozo - Workshop Kür-Choreografie UND Devon Maitozo -
Workshop Kür-Choreografie 2: Der ehemalige Weltmeister im Einzel- und Gruppenvoltigieren aus den USA, Devon Maitozo, erläuterte Grundlagen zur Kür-Choreografie im Voltigieren