Hippologica 2014: Publikumsliebling „Fit für den Ritt?“

 

KJRFV Zehlendorf e.V. und one two Reiter-Fitness Berlin stellten auf der Berliner Pferdesportmesse (11. bis 14.12.2014) ihr sportwissenschaftliches Pilotprojekt für mehr Reiterfitness bei Groß und Klein vor

Berlin- Zehlendorf, 17.12.2014 – Großer Andrang herrschte jedes Mal, wenn die kleinen und großen Reiterinnen des Kinder- und Jugend-, Reit- und Fahrvereins Zehlendorf (KJRFV) mit ihren Ponys und Pferden in der Messehalle aufmarschierten. Die hautnah erlebbaren und mit vielen praktischen Tipps moderierten Übungen zum Aufwärmen und Stretching mit und auf dem Pferd waren bei den Besuchern sehr beliebt, wie die Veranstalter in ihrem Messe-Resümee feststellten. Und trafen einen Nerv: Glinda Spreen, Vorsitzende des KJRFV e.V., beobachtet seit einigen Jahren, wie dramatisch die Fitness ihrer Kinder und Jugendlichen durch den fortschreitenden „Sitz“-Lebensstil abnimmt. Zum Schutze von Pferd und Reiter und mit dem Anspruch, Reiterfitness jenseits von sporadischen Aktionen beharrlich zu verfolgen, hat sie gemeinsam mit Jürgen Jaschke ein wirksames Reiterfitnesskonzept im Verein eingeführt. In Fachvorträgen und am Stand des Landesverbandes Pferdesport Berlin-Brandenburg erläuterten Glinda Spreen, 1. Vorsitzende des KJRFV und Jürgen Jaschke, Inhaber von one two Reiter-Fitness Berlin, dem höchst interessierten Fachpublikum ihr gemeinsames Pilotprojekt, das schon Eingang in den Reitunterricht beim KJRFV gefunden hat und nun weiter Schule machen soll.

Fitness der Kinder nimmt durch Sitz-Lebensstil dramatisch ab

„Reiten erlernt man nur durch Reiten“ ist die landläufige Meinung. Aber diese Regel gilt nicht mehr, seitdem der Sitz-Lebensstil dominiert. Glinda Spreen sieht dieses täglich in ihrer Praxis bestätigt. Als Vorsitzende des KJRFV trägt sie die Verantwortung für rund 400 Reiterinnen und Reiter: "In den letzten zehn Jahren hat die allgemeine Fitness der Kinder und Jugendlichen dramatisch abgenommen. Haltungsprobleme sind mittlerweile die Norm.” Auch das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei DOKR bestätigt diese Entwicklung. In einem mit den C- und D-Kadern durchgeführten Fitnesstest schnitten die angehenden Reitathleten nur durchschnittlich ab. Damit waren sie so (un-)fit wie ihre nichtreitenden Altersgenossen. Das DOKR hat reagiert und das überdurchschnittliche Abschneiden beim Fitnesstest als Voraussetzung für die Aufnahme in die Kader gesetzt.

Systematisches Fitness-Training für Reiter ist nicht nur im Leistungssport relevant, sondern auch ganz besonders im freizeit- und breitensportlichen Bereich, wo die körperlichen Grenzen oft schneller erreicht werden, als zunächst vermutet. Was Glinda Spreen antreibt ist die Sorge um ihre Reitkinder. Denn eine falsche Reitsitzhaltung rächt sich mittelfristig mit Rückenproblemen. Und dieses gilt nicht nur für die Reiterinnen, sondern auch für die Pferde, da sie letztlich Fehlhaltungen ihrer Reiter durch entgegengesetzte Fehlhaltungen ausgleichen müssen, um im Gleichgewicht zu sein. "Wir haben hier auch für unsere hundert Pferde eine besondere Verantwortung.“ Um hier Abhilfe zu schaffen, bediente sie sich der professionellen Unterstützung eines Sportwissenschaftler-Teams, das sich darauf spezialisiert hat, Golfer, Tennisspieler und auch Reiter für ihre Sportart fit zu machen. Schnell war klar, dass es nicht einfach darum ging, hier eines der üblichen Angebote in der Reiterszene zu nutzen. Gleichwohl es hier gute gibt, stehen alle vor dem gleichen Problem: Sie finden meist nur sehr sporadisch in den Reitvereinen statt. "Jugendliche Reiter haben heutzutage mit Schule, Klavierunterricht und Reitstunden volles Programm. Da wird Fitnesstraining schnell zur zusätzlichen Belastung", beschreibt Jürgen Jaschke die Ausgangssituation, Gründer des Sportwissenschaftler-Teams one two fit. "Reiterfitness kann deshalb nur kontinuierlich werden, wenn es in das bestehende Reitangebot eingewoben wird. Und es muss sehr eingängig aufgezeigt werden, warum sie wichtig ist und welche Wirkung sie hat.“

Reiter-Fitness ist gut für Mensch und Tier

Gemeinsam wurden diese Prinzipien sehr praktisch im KJRFV umgesetzt: Per Smartphone Slow Motion Videoaufnahme wird den jungen Reitern anhand spezieller Aufgabenstellungen ihr eigener Reitsitz visualisiert. „Man fühlt sich anders, als es auf dem Video zu sehen ist“, kommentiert eine verblüffte Reitschülerin. "Mit Hilfe unseres Reitsitz-Analysebogens werten wir dann Schwerpunkte für die Fitnessarbeit aus", beschreibt KJRFV-Reitlehrerin Brigitte Zoschke das neue Vorgehen. "Das Weiterkommen in die nächste Leistungsstufe hängt nun auch vom Erreichen des Fitnessstandards ab. Aber diesen zu erreichen wird den Kindern so einfach wie möglich gemacht.“ Und Glinda Spreen fährt fort: "Die ersten zehn Minuten jeder Reitstunde werden jetzt für Aufwärm- und Dehnübungen verwendet, neben und auf dem Pferd. Unsere Schüler sitzen dann gleich ganz anders auf dem Pferd.“

"Dazu kommen Fitnessangebote auf dem Gelände des Reitvereins, wie z.B. Krankenkassen-geförderte Präventionskurse, damit hier keine gesonderten Wege notwendig sind", führt Jürgen Jaschke aus. "Außerdem ist es sehr wichtig, dass die Bedeutung der Reiterfitness immer wieder sichtbar wird. Dazu haben wir auch eine entsprechende Disziplin in das jährliche Hausturnier des Vereins eingeführt. Dabei werden der Reitsitz und das Meistern eines Fitnessparcours bewertet. Vor den Augen der Eltern.“ Glinda Spreen ist sichtlich stolz auf das Erreichte. "Ich wünsche mir, dass der Reiterfitness-Funke überspringt und sich bei Vereinen und Reitern aller Altersstufen das Bewusstsein entwickelt, dass Reiten und reitspezifische Fitness zusammengehören. Dann werden wir auch in Zukunft weiterhin deutsche Medaillengewinner sehen.“

Fotos: Messe Berlin, KJRFV Zehlendorf, one two Reiter-Fitness