Heißes Thema: Schenkelbrand

 

Heißes Thema: Schenkelbrand

(von Jan-Pierre Habicht; www.pferdefreunde.co)


Es ist zwar noch keine Saure-Gurken-Zeit, aber Debatten über Nichtigkeiten werden hierzulande ebenso unsachlich geführt wie Diskussionen über den Atomstrom. Das liegt bestimmt am regionalen Wahlkampf, in dem keiner politischen Partei ein Thema zu poplig ist, um laut zu schreien. Es könnte aber auch sein, dass es ganz kleine und damit nichtige Befindlichkeiten sind, die den einen oder anderen stören. Sei er nun Politiker, Pro/Contra-Aktivist oder Familienmanager.

Ein solch nichtiges Thema ist der Schenkelbrand. Der Deutsche Tierschutzbund e. V. hat sich mächtig ins Zeug gelegt und eine brandheiße Kampagne gestartet (www.tierschutzbund.de). Das Plakat zeigt den nackten Rücken einer Dame mit einem blutigen und qualmenden Brandzeichen. Fein gemacht. Es geht nur leider fast vollständig am Thema vorbei. Wie immer in der polemisierenden Politik geht es um aufgebauschte Themen, die jede Form der Relation verschweigen. Wer beim Tierschutzbund wohl gerade wen nicht leiden kann oder sonst nix zu tun hat, sei dahin gestellt. Aber bevor wir nicht das millionenfache Töten von Tieren zur wirtschaftlichen Verwertung (Verkauf) überwachen und den Missbrauch anprangern, wird der Schenkelbrand nicht ehrlich angegangen werden müssen. Vietnamesische Pangasiusfabriken stellen jeden Tag auf erschreckende Weise Produkte her (vom Aufziehen will man lieber nicht sprechen), die in unseren Supermärkten landen. Der vietnamesische Pangasius wird bis zu seinem jämmerlichen Ende gequält. Jeden Tag – tausendfach. Geflügel, das in dunklen Riesenkatakomben gehalten wird und mit riesigen Kehrmaschinen eingefegt wird, um dann durch rotierende Messer halb betäubt geschlachtet zu werden. Alles heute nicht so wichtig.

Gerade  jetzt hat sich der Tierschutzbund und seine politischen Kaffeetischfreunde den Schenkelbrand ausgesucht. Das macht sich auch sehr einfach. Im Normalfall werden Pferde auch nicht in dunklen Kellern zu Hunderttausenden gehalten. Die Pferdezucht ist vom Gesetzgeber mittlerweile so reglementiert und dokumentiert, dass es natürlich viel leichter ist, mit dem Finger auf den Schenkelbrand zu zeigen, als dem Vietnamesen die Aufzucht des Pangasius vorzuschreiben. Eine kurze Aufmerksamkeit ist garantiert und schon gibt es ein paar Wähler mehr. Scheint ja geklappt zu haben. Und wer als gemeinnütziger Verein seine absolutistische Meinung so undifferenziert verbreitet und sich vor den Karren der Regionalpolitik spannen lässt, hat die Seriosität nicht für sich gepachtet und kann auch in anderen Fällen nicht auf mehr Unterstützung hoffen.

Am 21. März 2011 fand in Berlin eine Demonstration des Schenkelbrandes statt. Organisiert wurde die Veranstaltung durch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). Eingeladen waren neben der Presse auch Vertreter des Agrarausschusses des Deutschen Bundestages.  FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau und weitere FN-Funktionäre waren anwesend. Drei agrarpolitische Sprecher des Bundestages verschafften sich einen Eindruck über die Kennzeichnungspflicht beim Pferd. Das waren Franz-Josef Holzenkamp (CDU/CSU), Dr. Christel Happach-Kasan (FDP) und Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD). Von 621 Abgeordneten haben sich ganze drei für den Schenkelbrand interessiert. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, welche Tragweite ein Verbot des Schenkelbrandes hätte. Denn ein beträchtlicher Teil des Umsatzes in der Pferdewirtschaft wird mit und durch in deutschen Zuchten aufgezogene Pferde gemacht, die ohne einen Schenkelbrand so wertvoll wären wie ein Ei ohne Gelb.