FEI-Seminar Voltigieren in Warendorf: Bundestrainerin Ramge „Revolutionärer Schritt“

 

FEI-Seminar Voltigieren in Warendorf:

 

Bundestrainerin Ramge „Revolutionärer Schritt“

Warendorf (fn-press). Differenzierter, kleinteiliger, gerechter – der internationale Voltigiersport steht vor einer tiefgreifenden Reform. Die Bewertung wird künftig differenzierter vorgenommen, die Pferdenote aufgewertet. Zudem haben auch tieferklassige Voltigierer die Chance auf einen Start gegen Konkurrenz aus dem Ausland. Im November wurde das neue, knapp 150 Seiten fassende Regelwerk verabschiedet. Beim Master Class-Turnier in Braunschweig im März folgt erstmalig die Umsetzung. Zur Schulung der Richter, Nationaltrainer und Repräsentanten des Voltigiersports fand kürzlich am Bundesleistungszentrum des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf ein viertägiges FEI-Seminar statt. 46 Teilnehmer aus 20 Nationen hatten die Chance, „ihre Sichtweisen abzugleichen“, so Ulla Ramge. Nach Ansicht der Bundestrainerin war die Veranstaltung, die vom Österreicher Erich Breiter geleitet wurde, ein großer Erfolg. Ebenso wie die Änderungen an sich. Denn in den neuen Richtlinien sieht die 48-Jährige, die seit diesem Jahr als deutsche Vertretung im Voltigier-Komitee des Weltreiterverbandes (FEI) sitzt und innerhalb einer Arbeitsgruppe selbst an den neuen Statuten mitwirkte, einen riesigen Fortschritt für die Sportart.

FN-Aktuell: Im internationalen Voltigiersport bleibt fast nichts, wie es war. Da auch auf nationaler Ebene einige Änderungen anstehen, herrscht landesverbandsübergreifende Verunsicherung. Zum groben Überblick: Welche sind die einschneidenden Änderungen im FEI-Reglement?

Ulla Ramge: Das Reglement gleicht sich auf internationaler Ebene noch weiter den anderen Pferdesportdisziplinen an. Die größten Umstellungen gibt es in der Einteilung der CVIs und im Bewertungssystem. Durch die weitgefächerte Unterteilung in CVI*- bis CVI****-Turniere haben künftig auch tieferklassige Mannschaften und Einzelvoltigierer die Chance auf einen internationalen Start. Das Alter der Mitglieder von Juniorteams wird auf 18 Jahre angehoben. Zudem werden nicht wie bisher mindestens drei, sondern mindestens vier Richter eingesetzt. Dabei bearbeitet nicht mehr jeder alle Kriterien, sondern konzentriert sich auf einen Teil von 25 Prozent der Endnote. Die Schwierigkeit und Ausführung wird mit einer technischen Note zusammengefasst, die Gestaltung in der Artistik. Das ist ein revolutionärer Schritt für den Sport.

FN-Aktuell: Welche Vorteile bringt das neue CVI-System?

Ulla Ramge: Mit der neuen CVI-Einteilung und der Erweiterung nach unten sollen mehr internationale Events ermöglicht werden. Auch und vor allem in Ländern, die in ihrer Entwicklung noch nicht so weit sind wie beispielsweise Deutschland oder Frankreich. Die Pflichten wurden dabei dem Leistungsstand angeglichen.

FN-Aktuell: Das „normale“ CVI**-Turnier aus den vergangenen Jahren heißt jetzt … ?

Ulla Ramge: CVI***. Vier Sterne entsprechen dem Championat.

FN-Aktuell: Wer profitiert vom neuen Bewertungssystem?

Ulla Ramge: Richter und Voltigierer gleichermaßen. Die Noten werden wesentlich differenzierter vergeben. Das hilft dabei, vor allem die Topvoltigierer, die mit ihren Leistungen sehr dicht beieinander liegen, im Endergebnis auseinanderzukriegen. Da nicht mehr jeder Richter alle Teilnoten vergeben muss, hat er nicht mehr die Vielzahl an Entscheidungen zu treffen und kann sich wesentlich besser auf seine Aufgabe konzentrieren. Davon erhoffe ich mir im Endeffekt mehr Gerechtigkeit. Bislang war die Gestaltungsnote eher eine Entscheidung im Unterbewusstsein. Jetzt bleibt die Zeit für exakte Analysen am Richtertisch.

FN-Aktuell: Wie ist das neue Reglement entstanden?

Ulla Ramge: Die Grundlagen für die Reform wurden im Februar 2011 bei einem internationalen FEI-Workshop in Helsinki gelegt. Dort wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich im Laufe des Jahres mit einzelnen Themenfeldern beschäftigten und Vorschläge zur Verbesserung einbrachten. Im November wurde das neue Regelwerk nun verabschiedet.

FN-Aktuell: … und findet beim internationalen Master Class-Turnier in Braunschweig erstmalig Einzug in die Praxis. Vielen Offiziellen graut vor diesem ungewissen Schritt. Ist eine Umschulung in dieser kurzen Zeitspanne möglich? Wird alles reibungslos funktionieren?

Ulla Ramge: Davon gehe ich aus. Die Richter und Offiziellen sind seit dem Seminar in Warendorf auf dem aktuellsten Stand der Dinge. Das war ein entscheidender Schritt. Hier war jeder, der Rang und Namen hat. Das sorgt für eine schnelle Verbreitung. Es herrscht große Zustimmung, vor allem gegenüber dem neuen Richtverfahren. Bei den Wettkämpfen sind nun die Veranstalter gefragt, das neue System umzusetzen und die entsprechenden Programme umzuschreiben. Hier kommt es auf Eigeninitiative an. Bei der Premiere in Braunschweig bin ich mit der entsprechenden Veranstaltungsleitung in Kontakt.

FN-Aktuell: Worauf muss sich der Voltigierer denn künftig einstellen, worauf sollte er achten?

Ulla Ramge: Er muss sich des neuen Systems und dessen Auswirkungen bewusst sein. Dabei gilt es, noch intensiver auf die Gestaltung zu achten, sich noch stärker auf die Einhaltung der Strukturgruppen zu konzentrieren. Richter-Entscheidungen aus dem Bauch heraus wird es nicht mehr geben. Ab sofort ist alles glasklar.

FN-Aktuell: Bei so viel Euphorie: Gibt es auch Grund zur Kritik?

Ulla Ramge: Natürlich muss sich das System nun erst einmal etablieren. Und natürlich wird es den einen oder anderen Punkt geben, an dem eventuell noch nachgebessert werden muss. Bei der Pferdenote beispielsweise gibt es noch Diskussionsbedarf. Dort werden sechs Einzelnoten vergeben, unter anderem für wenig greifbare Aspekte wie den Gruß. Das gilt es aus meiner Sicht während der Saison zu beobachten und gegebenenfalls zu optimieren.

FN-Aktuell: Welche Auswirkungen gibt es für das nationale Reglement?

Ulla Ramge: Einige Änderungen wurden bereits mithilfe von Kalenderveröffentlichungen für das Jahr 2012 übernommen. Die Altersstruktur der Juniorteams beispielsweise wurde auf 18 Jahre angehoben. Ebenso das Einzelvoltigieren ab 12 Jahre.

FN-Aktuell: Wird 2013 komplett nachgezogen?

Ulla Ramge: Nein. In Hinblick auf die LPO 2013 gibt es innerhalb des Fachbeirats der FN Überlegungen, was übernommen werden soll. Was schon jetzt sicher ist: Vier Richter pro Wettkampf werden wir nicht einführen. Das wäre eine hohe finanzielle Belastung für den Veranstalter.

FN-Aktuell: Beim Preis der Besten Anfang Mai in Berlin empfiehlt sich die nationale Elite für die Weltmeisterschaft in Le Mans im August. Wird dort national gesichtet?

Ulla Ramge: Nein. Hier kommt selbstverständlich das internationale Reglement zum Tragen.

Das Interview führte Daniel Kaiser.