European Maccabi-Games Berlin 2015: Seminar mit Helen Langehanenberg und Christoph Hess

Nachdem am Montag die ersten Medaillien im Rahmen der Maccabi-Games verteilt wurden, gaben Helen Langehanenberg und Christoph Hess im Anschluss der Siegerehrung ein Dressurseminar der besonderen Art. Beide beurteilten/unterrichteten zwei Pferde-Reiter-Paare aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Herr Hess beurteilte die Paare dabei aus der Sicht seines Richter-Amtes während Frau Langehanenberg die Reiter unterrichtete und Tipps zur Erarbeitung von Lektionen gab, so dass sie wichtige Informationen aus dem Blickwinkel einer Trainerin beisteuerte.

Zunächst wurden die Pferd-Reiter-Paare vorgestellt, die vom Gestüt Bonhomme angereist waren. Schon hier zeigte sich, dass der klassische Grundsatz „ Auf ein junges Pferd gehört ein erfahrener Reiter, ein unerfahrener Reiter gehört auf ein routiniertes Pferd“ immer noch gilt und seine Berechtigung hat. Das erste Paar war ein 6 jährige Hengst aus dem Gestüt Bonhomme, der von Falk Rosenbauer (Dt. Meister der Berufsreiter) vorgestellt wurde. Im Anschluss folgte der 11 jährige „Sir Liberty“, der bis zum Grand Prix ausgebildet ist, mit dem Auszubildenden Moritz Gehrmann.

Der junge Hengst wurde von Herrn Rosenbauer sehr souverän vorgestellt. In der Lösungsphase kommentierte Frau Langehanenberg den Hengst als losgelassen und souverän. Ihr Tipp war:

Pferde in der Lösungsphase/auf dem Abreiteplatz im Grundtempo laufen zu lassen und nicht zu viel kräftezehrende Lektionen zu fordern; die Kraft soll für die Arbeitsphase/die Prüfung aufgespart werden.

Laut Herrn Hess sollte man sich in der Lösungsphase immer wieder mit folgenden Fragen überprüfen:

Würde sich das Pferd jederzeit dehnen?

Könnte ich das Pferd mit einer Hand reiten?

Kann ich jeder Zeit überstreichen?

Der Reiter soll so immer wieder die Dehnungsbereitschaft/ Ganaschenfreiheit überprüfen.

In der darauf folgenden Arbeitsphase lag dann der Fokus auf der Erarbeitung des fliegenden Wechsels und der Traversale. Helen Langehanenberg erklärte dem Publikum zunächst, warum der fliegende Wechsel für die Pferde eine oft sehr schwer verständliche Aufgabe darstellt, wobei alle den fliegenden Wechsel von Natur aus beherrschen. Ist der fliegende Wechsel in den Dressurprüfungen für 5 jährige Pferde nicht gewollt und wird somit im Training korrigiert, sollen die Pferde ihn dann ein Jahr später beherrschen. Viele Pferde tun sich dann mit der Umsetzung des fliegenden Wechsels schwer, haben sie doch zunächst gelernt, dass es „falsch“ ist. Frau Langehanenberg rät:

Ruhe bewahren, wenn die Erarbeitung der Lektion Zeit dauert. Die Pferde müssen zunächst die Wechselhilfe verstehen, dafür können die einzelnen Hilfen auch deutlich (sichtbar) sein. Hat das Pferd die deutliche Hilfe verstanden, zu feinen Hilfen zurückkehren.

Herrn Hess fügte dem noch hinzu:

Ein Umspringen direkt auf die Hilfe ist zunächst nicht wichtig, sondern das sichere Umspringen.

Ob das Pferd zuerst vorne oder hinten umspringt, ist zunächst ebenfalls nicht wichtig. Wichtig ist zunächst die Grobform, dann die Feinform.

Für die Erarbeitung von allen Lektionen empfahl Frau Langenhanenberg grundsätzlich: Immer so einfach wie möglich denken! Zunächst sollte der Reiter sich überlegen: Was brauche ich für die Lektion? Am Beispiel der Traversale ergaben diese Grundsätze:

Ich benötige eine vorwärts-seitwärts treibende Hilfe -> Schenkelweichen

Ich benötige Stellung/Biegung -> dies soll im Geradeausreiten gefordert werden

Ich füge beide Übungen zusammen

Im Anschluss kam der springgezogene und dennoch Grand Prix Special erfolgreiche Sir Liberty ins Dressurviereck, der von Moritz Gehrmann geritten wurde. Helen Langehanenberg korrigierte den Sitz des Reiters und verwies darauf, dass es von enormer Bedeutung ist, den Sitz des Reiters von der Pieke auf zu lernen. Um seinen eigenen Sitz immer wieder zu korrigieren, kann die erste Trabphase gut genutzt werden. Frau Langehanenberg rät dazu, sich dabei immer die folgende Frage zu stellen, die sie von Martin Plewa bei einem Dressurlehrgang mitgenommen hat: Wäre mein Pferd plötzlich unter mir weg, würde ich auf beiden Beinen sicher stehen oder nach vorne/hinten überkippen?

Moritz Gehrmann und dem Publikum wurden dann weitere Hinweise für die Arbeit mit den Pferden mitgegeben:

Lektionen im Training auch in Remontenhaltung (Dehnungshaltung) reiten

Immer wieder verschiedene Körperhaltungen (Arbeitshaltung, Dehnungshaltung) im Training und bei Lektionen verlangen

Für die Erarbeitung der Versammlung immer wieder Tempounterschieden reiten und den Schwung mitnehmen, um die Bewegungen größer werden zu lassen

Vor jeder Lektion zunächst die Grundgangart reiten (Qualität!), dann die Lektion (Technik)

Auch Moritz Gerhmann durfte sich dann an der Traversale probieren und sollte dafür als Grundlage Schulterherein reiten, denn aus einer Traversale muss man laut Christoph Hess jederzeit ein Schulterherein reiten können. Zunächst wurde daher aus einer halben Volte heraus Schulterherein geritten, um dann auf der Diagonalen in die Traversale zu gehen. Moritz Gehrmann konnte so am Ende auf seinem Hengst auf der Diagonalen immer wieder wechseln zwischen Schulterherein und der Traversale. Dabei galt es vor allem schneller zu sein als Sir Liberty, der als alter Hase und Professor sehr schnell wusste, was von ihm verlangt wird.

Herr Hess und Frau Langehanenberg haben in dem gemeinsamen Seminar sehr deutlich machen können, dass die Grundsätze der klassischen Reiterei auch heute noch gelten und der Sitz die Grundlage allen guten Reitens ist. Fair zum Pferd zu sein und Lektionen mit Bedacht und Ruhe zu erarbeiten und zu reiten, ist ebenso wichtig wie eine gute Lösungsphase und kräfteschonendes Reiten unserer Pferde.

Fotos von Maria Pitzschke ©

pferdefreunde.co bedankt sich bei Maria und Maria für die Fotos und den Bericht!