Europameisterschaft in Herning/Dänemark 2013: Heute geht’s los

 

Springreiter starten im Zeitspringen

Herning (fn-press). Heute fällt der Startschuss für die Europameisterschaften in den drei Disziplinen Springen, Dressur und Para-Equestrian. Als erstes Team gehen im dänischen Herning die Springreiter im Zeitspringen an den Start, Dressur und Para greifen am Mittwoch ins Wettkampfgeschehen ein.

Otto Becker, Bundestrainer der deutschen Springreiter, betont: „Natürlich reiten wir um eine Medaille, alles andere wäre eine Enttäuschung.“ Beim Warm-Up am Montagabend im Fußballstadion des dänischen Spitzenclus „Midtjylland“ hinterließ sein Team einen hervorragenden Eindruck. „Aber die Konkurrenz ist groß, auch die Briten, Franzosen, Schweden und die Schweiz sind mit Toppaaren hier.“

Der Routinier im deutschen Aufgebot feiert Jubiläum: Ludger Beerbaum, der am 26. August 50 Jahre alt wird, nimmt zum zehnten Mal an einer Europameisterschaft teil. Der Riesenbecker sattelt Chiara, die zehnjährige Holsteiner Schimmelstute v. Contender, mit der er den sechsten Platz im Großen Preis von Aachen belegte und zum Sieg der deutschen Mannschaft beim Nationenpreis in Rotterdam beitrug. Zweimal schon konnte sich Beerbaum Einzel-Gold sichern: 1997 mit Ratina Z und 2001 mit Gladdys.

Seine Premiere im deutschen Championatsteam feiert der amtierende Deutsche Meister Daniel Deußer, der in Belgien in der Nähe von Mechelen lebt. Das EM-Pferd des 32-Jährigen lässt Kenner schwärmen: Cornet D’Amour, ein zehnjähriger westfälischer Sohn des Cornet Obolensky, spielt geradezu mit den kapitalen Hindernissen und zählt zu den talentiertesten Pferden der Welt. Was er kann, bewies er unter anderem mit souveränen Runden bei der Deutschen Meisterschaft in Balve, mit dem vierten Platz im Großen Preis von Aachen und dem zweiten im Großen Preis von Hamburg.

Ein „alter Hase“ im Team ist Christian Ahlmann, der vor zehn Jahren Europameister in der Einzelwertung war. Der 38-Jährige aus Marl setzt den elfjährigen hannoverschen Contendro-Sohn Codex One ein. Das Paar gewann den Großen Preis von Hamburg, wurde Zweiter im GP von Chantilly und Dritter im Weltcupspringen in Zürich.

Als „sichere Bank“ gelten die deutschen Vize-Meister 2013, Carsten-Otto Nagel und Corradina. Auf den Championaten seit 2009 gab es kein erfolgreicheres Paar: Einzel-Silber und Einzel-Bronze bei den Europameisterschaften 2011 und 2009, Mannschafts-Gold und mit Platz fünf beste Deutsche bei den Weltmeisterschaften 2010. Eine langwierige Zahnerkrankung der Holsteiner Stute hatte im vergangenen Jahr ihren Start bei den Olympischen Spielen in London verhindert. Nun hat die inzwischen 15-jährige Corrado I-Tochter wieder zu Topform gefunden und kommt zum vierten Mal bei einer internationalen Meisterschaft zum Einsatz.

„Ich bin sehr enttäuscht, daraus mache ich auch gar keinen Hehl.“ Marcus Ehning ist diesmal „nur“ die deutsche Reserve. Mit Plot Blue nimmt der 39-Jährige aus Borken an den internationalen Rahmenprüfungen und dem Großen Preis teil.

Damenquartett auf dem Viereck

Am liebsten Gold heißt es auch im Dressurlager. Für das Team von Bundestrainerin Monica Theodoescu (Sassenberg) steht morgen die erste Hälfte des Grand Prix auf dem Programm. Wer den Kampf um Mannschafts-Gold gewinnt, entscheidet sich am Donnerstag. Als Favoritin auf eine Einzelmedaille geht Helen Langehanenberg mit dem 13-jährigen westfälischen Hengst Damon Hill an den Start. Im vergangenen Jahr hatte die 31-Jährige aus dem westfälischen Havixbeck zwar mit der Mannschaft die olympische Silbermedaille gewonnen, einen Einzeltitel jedoch haarscharf verpasst. Die Weltcup-Siegerin 2013 macht es der Konkurrenz derzeit wahrlich schwer: Siege in Grand Prix, Special und Kür sowohl bei der Deutschen Meisterschaft in Balve als auch beim CHIO Aachen. Nun wird mit Spannung das erste Kräftemessen der Sommersaison mit den starken britischen und niederländischen Paaren erwartet.

Isabell Werth (Rheinberg) stellt ihren zwölfjährigen Hannoveraner Wallach Don Johnson erstmals auf der Championatsbühne vor. Für die 44-Jährige selbst sind Europameisterschaften längst Tradition: 1989 nahm sie erstmals teil. Mit 20 Jahren war sie noch junge Reiterin, behauptete sich aber auf Anhieb unter den besten Senioren, damals im Sattel von Weingart. Seitdem sind fast 25 Jahre und zehn EM-Einsätze vergangen. Für die fünffache Olympiasiegerin Isabell Werth steht nun die elfte Europameisterschaft an – absoluter Rekord auf dem Viereck.

Kristina Sprehe (Dinklage), Olympia-Zweite mit der Mannschaft 2012, erlebt ihr Europameisterschafts-Debüt. Die 26-jährige Studentin startete mit ihrem zwölfjährigen Hannoveraner Desperados erst spät in die Grüne Saison. Der Hengst hatte sich beim Training kurz vor Beginn des Weltcup-Finales verletzt und musste bis zum CHIO Aachen pausieren.

Erst kurz vor der EM rückte Fabienne Lütkemeier mit D’Agostino ins Dressurteam nach, nachdem Anabel Balkenhols Dablino sich verletzt hatte. Die 22 Jahre junge Studentin war im vergangenen Jahr Reservistin bei den Olympischen Spielen.

Zwei Neulinge im Para-Team

Nach den Weltreiterspielen 2010 ist es das erste Mal, dass Para-Equestrian auch Bestandteil von regulären Europameisterschaften ist. Neben dem bewährten Trio Hannelore Brenner, Britta Näpel und Dr. Angelika Trabert gehen zwei „Neulinge“ an den Start: Nora Kristina Hamann und Elke Philipp, beide in der Wettkampfklasse Grade I der am stärksten behinderten Reiter.

Am längsten dabei ist Angelika Trabert. Die 45-jährige Narkoseärztin aus Dreieich, die ohne Beine geboren wurde, gehörte bereits bei den ersten Paralympics 1996 in Atlanta zum deutschen Team. Ihre ersten Medaillen gewann sie in Dänemark, bei den Weltmeisterschaften 1999 in Vilhelmsborg. Inzwischen beläuft sich ihre Sammlung an Edelmetall aus vier Paralympics, vier Weltmeisterschaften und zwei Europameisterschaften auf elf Silbermedaillen und einmal Gold. Angelika Trabert startet mit der Hessenstute Ariva-Avanti in Grade II.

Mit drei Silbermedaillen kehrte im vergangenen Jahr Britta Näpel von den Paralympics in London zurück. Die 47-jährige geprüfte Pferdewirtschaftsmeisterin und Augenoptikerin leidet infolge einer schweren Vergiftung durch Insektenschutzmittel an spastischen Lähmungen. 2004 nahm die Grade II-Reiterin erstmals am Championat teil und sammelte seither eine Gold-, zwölf Silber- und vier Bronzemedaillen bei Paralympics, Welt- und Europameisterschaften. Britta Näpels Championatspferd ist die 15-jährige Zweibrücker Stute Aquilina.

Die aktuell erfolgreichste deutsche Para-Dressurreiterin ist Hannelore „Hanne“ Brenner. Die 50-jährige Betriebswirtin aus Wachenheim ist seit einem Reitunfall inkomplett querschnittsgelähmt. Auch sie nahm bereits 1999 an den Weltmeisterschaften in Dänemark teil und gewann Gold in der Einzelwertung – die erste von mittlerweile 13 goldenen, 14 silbernen und zwei bronzenen Medaillen. Die größten Erfolge verdankt Brenner dabei ihrer mittlerweile 18-jährigen Hannoveraner Stute Women of the World. Mit ihr ist Hannelore Brenner, die ursprünglich aus dem Vielseitigkeitssport kommt, heute bis zur Klasse S im Regel-Dressursport siegreich. Hannelore Brenner startet in Grade III.

Erstmals bei einem Championat dabei ist Nora Kristina Hamann aus Fürstenberg an der Havel. Die 30-jährige gelernte Krankenschwester und Rettungssanitäterin leidet an Spastiken und Koordinationsstörungen (Grade 1b). Die Ursache war ein Reitunfall im Jahr 2007, bei dem sich die ehemalige Springreiterin einen Trümmerbruch am Knie zuzog. Bei der zweiten OP erlitt sie einen Herzstillstand, in Folge dessen das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ihr Partner für die Europameisterschaft ist das neunjährige Deutsche Sportpferd Sambalu Salix.

In Grade 1a startet Elke Philipp aus Treuchtlingen in Mittelfranken. Die 49-Jährige erlitt bereits 20-jährig eine Hirnhaut- und Kleinhirnentzündung, die Tiefensensibilitäts- und Koordinationsstörungen der gesamten Muskeln zur Folge hatte. Bis 2002 war die begeisterte Skifahrerin im alpinen Para-Sport unterwegs (zweimalige Deutsche Meisterin). 1992 kam sie über die Hippotherapie zum Pferd. Seit 2010 trainiert Elke Philipps bei Co-Bundestrainer Dirk-Michael Mülot. In Herning sattelt sie den erst sechsjährigen Hannoveraner Regaliz.

Foto von FEI/Kit Houghton: Helen Langehanenberg und Damon Hill