Ergebnisse Vielseitigkeit WM Frankreich 2014: Gold, Gold und Silber für Deutschland

 

Sandra Auffarth ist Doppel-Weltmeisterin / Michael Jung auf Platz zwei

Caen/Haras de Pin/FRA (fn-press). Bei den Weltreiterspielen in der Normandie war an den deutschen Vielseitigkeitsreitern kein Vorbeikommen. Mit bravourösen Leistungen in Dressur und Gelände und makellosen Springprüfungen sicherte sich die Mannschaft der Bundestrainer Hans Melzer und Chris Bartle eine Medaillenausbeute, wie sie zuletzt den US-Amerikanern vor 40 Jahren vergönnt war: Gold mit der Mannschaft und dazu Gold und Silber in der Einzelwertung.

Melzers Plan ging auf: Mit Titelverteidiger Michael Jung (Horb) als „Pathfinder“, Ingrid Klimke (Münster) mit FRH Escada JS und Dirk Schrade (Sprockhövel) mit Hop and Skip auf den Startplätzen und zwei und drei sowie Sandra Auffarth (Ganderkesee) mit Opgun Louvo als Schlussreiterin übernahm das deutsche Team bereits nach der Dressur die Führung. Vor allem Auffarths Vorstellung als letzte Starterin auf dem Viereck, riss nicht nur die deutschen Fans, sondern auch das französische Publikum von den Sitzen. Mit Standing Ovations bedachten sie das Spitzenresultat dieser WM – 35,2 Minuspunkte - der deutschen Reiterin und ihres französischen, aus der Normandie stammenden Fuchswallachs Opgun Louvo.

Doch schon zu diesem Zeitpunkt war allen klar, dass diese Weltmeisterschaft nicht in der Dressur entschieden werden würde, sondern auf der von Pierre Michelet rund um das französische Nationalgestüt Haras de Pin angelegten Geländestrecke, von Einzelreiter Peter Thomsen (Lindewitt) treffend als "hoch, weit, breit, schmal, lang, hügelig und nass" bezeichnet. Weniger die Hindernisse selbst, als vielmehr die miserablen Bodenverhältnisse standen in der Kritik. Trotz Verkürzung der Strecke um 500 Meter auf knapp 6.000 Meter und Herausnahme zweier Hindernisse, benötigten Reiter und Pferde auf dem Weg ins Ziel alle Kraftreserven. Die deutsche Devise lautete daher, „die Zeit spielt keine Rolle, Hauptsache gut ins Ziel“, wie Ingrid Klimke berichtete. Alle - auch die beiden Einzelreiter Peter Thomsen mit Horseware’s Barny und Andreas Ostholt (Warendorf) mit So is et - hielten sich dran und lieferten den endgültigen Beweis an, dass ihr Erfolg bei den letzten beiden Olympischen Spielen und Europameisterschaften kein Zufall war. Lediglich Dirk Schrade musste sich zwei Verweigerungen anrechnen lassen. Die schnellste Runde aller deutschen Reiter, und die drittschnellste überhaupt, legte Michael Jung mit fischerRocana FST vor. Damit lag er vor dem abschließenden Springen auf Platz drei und musste lediglich seiner Teamkollegin Sandra Auffarth sowie dem Briten William Fox-Pitt mit seinem in Brandenburg gezogenen Deutschen Sportpferd Chilli Morning den Vortritt lassen.

Das Spitzentrio trennte allerdings keinen Abwurf voneinander, weshalb sich am nächsten Tag ein Parcourskrimi erster Klasse entwickelte. Bevor es soweit war, mussten allerdings alle 60 nach Dressur, Gelände und sonntagmorgendlicher Verfassungsprüfung verbliebenen Reiter und Pferde die Fahrt von Haras de Pin ins rund 80 Kilometer entfernte Caen antreten. Dort wurde in umgekehrter Reihenfolge gestartet. Bei Jung wackelte es einmal verdächtig, doch alle Stangen blieben liegen. Souverän und gewohnt fehlerfrei kamen Sandra Auffarth und Opgun Louvo ins Ziel. Damit hatten die beiden ihre Medaillen schon sicher – nur welche? William Fox-Pitt hatte es als letzter Starter in der Hand, seine stattliche Sammlung an Mannschaftsmedaillen und Vier-Sterne-Siegen endlich auch um einen Einzeltitel zu bereichern. Es sollte aber wieder nichts werden: Bereits am zweiten Hindernis passierte der Abwurf. „Ich bin natürlich schon enttäuscht“, gestand er und ergänzte mit typisch britischen Humor: „Ich bin aber sehr froh, dass es nicht zwei waren.“ So blieb ihm – zusätzlich zur Silbermedaille in der Teamwertung - wenigstens die Bronzemedaille.

Nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen – so sah Titelverteidiger Michael Jung seinen zweiten Platz. „Es wäre schön gewesen, La Biosthetique Sam hier reiten zu können, aber meine Stute hat einen tollen Job gemacht“, sagte er. Sie habe in jeder Disziplin das Maximale abgeliefert, lobte auch Jungs Vater und Trainer Joachim Jung die erst neunjährige Ituango xx-Tochter fischerRocana FST, die kurzfristig für Jungs Toppferd eingesprungen war. „Ich habe im Traum nicht daran gedacht, dass die beiden hier Silber gewinnen würden. Diese Leistung ist dem Sieg von Sam in Kentucky beinahe ebenbürtig.“

Etwas fassungslos schien zunächst auch die frisch gebackene Weltmeisterin Sandra Auffarth über ihren Riesenerfolg, mit dem sie sich in eine Reihe mit den britischen Vielseitigkeits-Legenden Mary Gordon-Watson (1970), Lucinda Green (1982) und Ginny Leng (1986) stellt, die ebenfalls Doppel-Gold bei Weltmeisterschaften gewannen. „Mein Pferd ist einfach wunderbar“, betonte sie immer wieder. „Ich wusste, dass es sehr gut ist, aber dass wir Doppelweltmeister sind, kann ich immer noch nicht glauben“, sagte sie – und das trotz der beiden goldenen Beweisstücke um ihren Hals.

Jung und Auffarth waren aber nicht die einzigen, die den Parcours fehlerfrei bewältigten. Auch ihre beiden Teamkollegen ließen nichts anbrennen. „Ich bin sehr zufrieden, denn heute sprang er in seiner gewohnten, etwas unorthodoxen Manier wieder gewohnt fehlerfrei, sagte Dirk Schrade, noch immer etwas enttäuscht über die beiden Verweigerungen im Gelände. Mit einem Endstand von 135,3 Minuspunkten belegte er Platz 46.

Glücklich über ihre Nullrunde mit FRH Escada JS war auch Ingrid Klimke, die die WM mit 73,6 Minuspunkten auf Platz 21 beendete. Von den Diskussionen nach dem Geländeritt über eine mögliche Verweigerung am ersten Wasserhindernis, habe sie zum Glück gar nichts mitbekommen, sagte sie. Am Ende wäre es auch egal gewesen. Denn während die Deutschen ihr Ergebnis nach Dressur und Gelände – 177,9 Minuspunkte – im Springen unangetastet ließen, sammelten sich bei ihren engsten Verfolgern zwölf zusätzliche Strafpunkte für Springfehler an. Mit 198,8 Minuspunkten gewannen die Briten die Silbermedaille, die jedoch dadurch an Wert verlor, dass der vierte Teamreiter, Harry Meade, zu Fuß zur Siegerehrung einmarschieren musste. Sein Pferd, der 13-jährige Ire Wild Lone, war am Tag zuvor nach dem Geländeritt beim Führen und Abwaschen zusammengebrochen und gestorben. Bundestrainer Hans Melzer äußerte sein Mitgefühl für den britischen Reiter. „Hier ist eine Partnerschaft beendet worden, die über viele Jahre aufgebaut wurde“. Meade ritt Wild Lone, seit er vier Jahre alt war und bestritt mit ihm in Haras de Pin sein sechstes Vier-Sterne-Turnier. Im Frühjahr waren sie noch Dritte beim CCI4* Badminton gewesen.

Grund zur Freude hatten dagegen die Niederländer. Dank der Nullrunden von Merel Blom mit dem Holsteiner Esteban xx-Sohn Rumour Has it und Elaine Pen mit Vira rückte die Mannschaft überraschend vom fünften auf den Bronzerang vor. „Das ist die erste WM-Medaille für Holland und unser Ticket nach Rio“, freute sich Andrew Heffernan über den Erfolg, mit dem sein Team die Mannschaften aus Australien und Frankreich überholen konnte. Andere Teams waren schon vorher zurückgefallen, da sie mit weniger als drei Paaren das Gelände beendet hatten, u.a. die Topfavoriten aus Neuseeland, aber auch die US-Amerikaner, Schweden, Belgier, Italiener, Schweizer und Polen.

Entschädigt wurde Neuseeland durch einen vierten Platz für Jonelle Price, Ehefrau des ausgeschiedenen Luhmühlen-Siegers Tim Price, mit Classic Moet, die die schnellste Geländerunde gedreht hatte. Wie ein Sieger gefeiert wurde auch der Franzose Maxime Livio, der eine Nullrunde im Springen ablieferte und Fünfter in der Einzelwertung wurde. Der Jubel für ihn wurde dem deutschen Einzelreiter Andreas Ostholt zum Verhängnis. Er musste in Caen ins vollbesetzte D’Ornano-Stadion mit johlenden und stampfenden Fans einreiten, was seinen Westfalen So is et in ein kleines Pulverfass verwandelte. „Wenn der Kessel unter einem kocht, geht einfach nichts mehr“, beschrieb er sein Gefühl. Nach einem Topgelände am Vortag und zwei Abwürfen im Springen beendete der Warendorfer Hauptfeldwebel sein WM-Debüt auf Platz zehn. Für Peter Thomsen und Horseware’s Barny lief es sogar noch besser. Der zweimalige Mannschaftsolympiasieger, dem in der Normandie die Rolle des Einzelreiters zugefallen war, blieb wie so oft im Springen fehlerfrei und landete auf Platz sieben. „Mein Plan ist aufgegangen“, freute sich der Accountmanager bei DHL, der sich in diesem Jahr beruflich hatte freistellen lassen, um sich intensiv auf sein mittlerweile 13tes Championat vorzubereiten.

Foto von Trevor Holt/FEI: Sandra Auffarth und Opgun Louvo