Dressurreiten: Global Dressage Forum 2016 auf Hof Kasselmann

Von Olympia-Reformen und Werbung für die klassische Reitlehre

Hagen am Teutoburger Wald (fn-press). Zwei Tage lang stand der Dressursport im Fokus beim 16. Global Dressage Forum in Hagen am Teutoburger Wald. Zahlreiche internationale Reiter, Trainer und Richter tauschten sich auf Hof Kasselmann über aktuelle Entwicklungen in ihrer Disziplin aus und knüpften neue Kontakte. Unter anderem standen die Reformen der Olympischen Spiele in Tokio 2020 auf dem Programm. Außerdem gab es viele praktische Trainingseinheiten zu sehen.

Zum Auftakt stellte sich Bettina de Rham vor, die vor Kurzem die Abteilung für Dressur, Para-Dressur, Reining und Voltigieren des Weltreiterverbandes FEI übernommen hat. Sie präsentierte unter anderem die Pläne der FEI für einen neuen Wettkampf-Modus bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020. „Das Ziel ist, den Sport interessanter, leichter verständlich und die Richterwertungen nachvollziehbarer zu machen“, erklärte sie. Die Vorschläge des Dressur-Komitees sollen im November in die FEI-Generalversammlung eingebracht werden. Dort soll noch einmal darüber debattiert werden, ob das neue Wettkampf-Format tatsächlich umgesetzt wird.

Die Vorschläge sehen vor, dass der Grand Prix in einer Gruppenphase ausgetragen wird. Sechs Gruppen á zehn Reiter sollen startberechtigt sein, darunter 15 Teams und 15 Einzelreiter. Insgesamt sollen also 30 Nationen vertreten sein. Der Grand Prix dient als einzige Qualifikation für die Einzelentscheidung in der Grand Prix Kür. Die Mannschaftsentscheidung soll nach den Plänen der FEI wie gewohnt im Grand Prix Special unter den acht besten Teams fallen, wobei die Reiter sich eine individuelle Musik für ihre Prüfung aussuchen können, die aber nicht mitbewertet wird. Gestartet wird in drei Gruppen á acht Reiter. Pro Nation dürfen drei Reiter in der Mannschaftswertung antreten, jedoch soll jede Nation ein Ersatzpaar mit nach Tokio nehmen können. Ein Streichergebnis wird es nicht mehr geben. Das Ersatzpaar soll als sogenanntes „strategisches Instrument (strategic tool)“ im Special einsetzbar sein. Somit hätten weiterhin vier Reiter einer Nation die Chance auf eine Medaille. In der Kür sollen 18 Paare startberechtigt sein, nämlich die zwei besten jeder Gruppe sowie sechs „Lucky Loser“, also die besten unter den an dritter Stelle ihrer Gruppe platzierten Paare. Die detaillierten Richterwertungen sollen durch eine transparente Software der Öffentlichkeit zugänglich sein, um die Ergebnisse besser nachvollziehbar zu machen.

Bundestrainerin Monica Theodorescu spricht sich weiterhin für vier Team-Reiter aus. „Wir sind natürlich nicht glücklich darüber, dass nur noch drei pro Nation reiten sollen. Aber dieses Thema betrifft alle drei Olympischen Disziplinen. Der Wunsch der FEI ist, unseren Sport globaler zu machen und das funktioniert offenbar nur mit drei Reitern pro Team“, sagte Theodorescu. „Ich glaube, dass das Gruppen-System eine sehr gute Idee ist und den Sport spannender machen wird. Immerhin behalten wir unsere drei Prüfungen Grand Prix, Special und Kür, das ist wichtig. Das Wichtigste ist aber, dass unser Sport olympisch bleibt, die besten Reiter dort antreten und wir tollen Sport zu sehen bekommen.“

Der Dressursport wächst im Nachwuchsbereich

Der weitere Nachmittag stand ganz im Zeichen praktischer Einheiten. Franke Sloothaak, Olympiasieger im Springreiten, demonstrierte alternatives Training von Sportpferden am Beispiel Doppellonge. Das gesamte Spektrum der Altersklassen in der Dressur von den Ponys bis zum U25-Bereich wurde anschließend aufgezeigt. Lucie-Anouk Baumgürtel, dreifache Europameisterin, und Bundestrainerin Cornelia Endres repräsentierten dabei die Altersklasse der Ponyreiter und stellten ihr gemeinsames Training vor. „Der Dressursport wächst dank eines sehr guten Nachwuchssystems mit fünf Altersklassen. Wir sehen ganz verschiedene Länder in den Medaillenrängen, die Altersklasse Children öffnet dafür Türen. Die Qualität des Reitens steht hier im Vordergrund, nicht die Bewegungen des Pferdes“, erklärte FEI-Fünf-Sterne-Richterin Katrina Wüst, die die Trainingseinheiten kommentierte.

Für einzigartigen Erfolg in fast allen Altersklassen steht Familie Rothenberger aus Bad Homburg. In diesem Jahr feierte sie Teamgold und Einzelsilber der jüngsten Tochter Semmieke bei der Junioren-EM, dreifaches Gold bei der U25-EM-Premiere durch die älteste Tochter Sanneke und Mannschaftsgold bei den Olympischen Spielen für den erst 21-jährigen Sohn Sönke. Respekt gegenüber dem Partner Pferd, Horsemanship und Freude an der Arbeit mit den Pferden stehe bei seiner Familie stets im Vordergrund, sagte Vater Sven Rothenberger, der Einblicke in seinen Familie-Alltag gewährte. „Wir haben wundervolle Pferde und können sehr glücklich sein.“

Die klassische Reitlehre im Fokus

Auch der zweite Tag begann mit einer praktischen Einheit. Sehr sportlich wurde es, als Jessica von Bredow-Werndl und Fitnesstrainer Jan Peer Hagenauer ihr Trainingsprogramm präsentierten und die Teilnehmer zum Mitmachen aufforderten, die das auch prompt taten – sogar Prinzessin Benedikte zu Dänemark. „Sei selbst so fit, wie du es von deinem Pferd erwartest“, lautete das Motto dieser Einheit. Der Tag entwickelte sich im Anschluss zu einer Werbung für das deutsche Ausbildungssystem auf Grundlage der klassischen Reitlehre. Die Team-Olympiasiegerinnen Dorothee Schneider, Isabell Werth, Kristina Bröring-Sprehe sowie Olympia-Reservereiter Hubertus Schmidt stellten zusammen mit dem Bundestrainer-Duo Monica Theodorescu und Jonny Hilberath sowie Mannschaftstierart Dr. Marc Koene ihre Trainingsphilosophie mit Pferden verschiedener Altersklassen und Ausbildungsniveaus vor. Der Fokus lag dabei auf den Themen Warm-Up und Ausbildung junger Pferde. „Es war ein sehr abwechslungsreicher Tag. Wir haben tolle Pferde und sehr gutes Reiten gesehen, das auch sehr gut erklärt wurde. Beim Publikum kam das gut an“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu.

Auch FN-Ausbildungsleiter Thies Kaspareit war überzeugt von den Präsentationen der deutschen Reiter und Trainer. „Der Tag hat gezeigt, dass unsere Spitzenreiter und –trainer die Philosophie der klassischen Reitlehre zu ihrer eigenen Philosophie gemacht haben. Das zog sich wie ein roter Faden durch die Einheiten. Für mich war es ein Gänsehaut-Moment, um nur eines von vielen guten Beispielen zu nennen, als Hubertus Schmidt seinem Pferd mit ganz viel Geduld und Einfühlungsvermögen Zeit gab, sich an die ungewohnte Umgebung zu gewöhnen, seine natürlichen Reaktionen akzeptierte, um es dann mehr und mehr zur konzentrierten und mustergültigen Mitarbeit zu bewegen – eine Demonstration von Horsemanship.“ Auch das deutsche System „Berufsreiter“ stand am Nachmittag noch einmal im Mittelpunkt. Markus Scharmann, in der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft für die Berufsausbildung zuständig, nutzte die Zeit, um dem Publikum die Besonderheiten dieses Systems aufzuzeigen, das weltweit einmalig ist.

Stellvertretend für die Global Dressage Foundation hatte übrigens Prinzessin Benedikte zu Dänemark die Veranstaltung eröffnet, die federführend vom International Dressage Trainers Club und dem International Dressage Riders Club ausgerichtet wird. Der langjährige Moderator Richard Davison, selbst viermaliger Olympia-Teilnehmer, führte wie gewohnt durch die beiden Tage. An seiner Seite war diesmal Kai Vorberg, einst Weltmeister im Voltigieren, inzwischen Diplom-Trainer und in der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) tätig. Die beiden sorgten für eine lockere Atmosphäre und führten dank ihrer Fachkenntnis gekonnt durch das Programm.