Deutsches Traber – Derby Berlin – Mariendorf 2016 – 3. Tag: Drei Etablierte und ein Quereinsteiger

Die beiden Hengste Dreambreaker und Blackhawk (Foto: Marius Schwarz)

Seit die Vorläufe zum Traber-Derby eine Woche vor dem Blauen Band austragen werden, heißt es stets am letzten Juli-Sonntag: Feuer frei Richtung Derby. 37 jener Traber, die 2013 in Deutschland zur Welt gekommen sind, wollen die erste Hürde Richtung 7. August zu Lorbeerkranz, Siegerdecke und üppigstem Scheck des mit knapp 240.000 Euro dotierten Derbys nehmen. Aus vier Vorläufen, die sich als roter Faden durch das um 13.00 Uhr gestartete 14-Rennen-Programm ziehen, qualifizieren sich die jeweils ersten Drei fürs Finale. Langwieriges Abtasten ist folglich nicht angesagt.

Eine Stute nimmt den Kampf gegen das starke Geschlecht auf und möchte in die Fußstapfen der später auch international erfolgreichen Lobell Countess treten, die 2011 die Letzte war, der der große Wurf gegen die Herren der Traber-Schöpfung gelungen ist  Es ist jedoch nicht wie von vielen erwartet Gilda Newport, der der Spatz - das Stuten-Derby - in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dach, sondern die von Alwin Schockemöhle gezüchtete Lady Muscles. Doch ist höchst fraglich, ob dem Mühlener Gestütsherr, über Jahrzehnte eine prägende Figur in der deutschen Traberzucht, als Besitzer zum sechsten Mal jener große Wurf gelingt, der für Andere ihr Leben lang ein Traum bleibt

Zum einen hat die Tochter des grandiosen amerikanischen Vererbers Muscle Hill gerade eine dreimonatige Startpause überbrückt, die auch ein Spitzentrainer wie der schwedische Guru Stig H Johansson nicht ohne weiteres wegbügeln kann. Zum Anderen fahren die „Jungs“ horrend starke Geschütze auf. Da sind zum Beispiel Blackhawk und Dreambreaker, die beiden Prachtkerle aus dem Lot des Arnold Mollema, die in gleichem Schritt und Tritt daherkommen. Am 1. Mai in Gelsenkirchen war Blackhawk in einem rasanten Duell um eine Nasenspitze vor seinem Trainingskumpel - und das weit vor dem Rest. Im Berliner Adbell-Toddington-Rennen, einer der wichtigsten Vorprüfungen, nahm der „Traumtänzer“ genau so knapp Revanche - und das in der Rekordzeit von fulminanten 1:12,1.

An dieses Duo, das bereits im Vorjahr zackig auf Arbeit war, hat sich der erst in dieser Saison in die Rennkarriere eingestiegene Geronimo T Schritt für Schritt herangearbeitet. Dass er inzwischen auf Augenhöhe mit den beiden Mollema-Schützlingen angelangt ist, bewies er jüngst im Buddenbrock-Rennen, als er den enteilten Dreambreaker auf der Linie um Haaresbreite abfing. Kein Wunder also, dass diese drei Giganten für die Qualifikationsläufe gesetzt wurden, sich also nicht schon beim ersten Ballyhoo das Leben schwer machen.

Beim vierten dieser Musketiere war die Wahl viel schwieriger und wurde vor der eigentlichen Zulosung der 37 Kandidaten in die Vorläufe per Los entschieden: Hier der bei fünf Starts auf Alltagsebene unbezwungene Lokalmatador Fiobano, der noch nie mit den Größen seiner Zunft die Klingen gekreuzt hat. Dort Bayerns Hoffnung Orlando Jet, erst einmal - von Geronimo T - bezwungen. Wobei Fortuna dem Berliner zulächelte. Er muss in Vorlauf 2 (6. Rennen) mit Startnummer „1“ loslegen - knifflig, wie sein Mentor Thorsten Tietz findet: „Da muss ich höllisch aufpassen, nicht eingebaut zu werden“. Sportlich die stärksten Gegner sollten Muscle Boy AS, vor zwei Jahren auf der hiesigen Derby-Auktion als blutjunger Knabe für 130.000 Euro nach Österreich versteigert, Guccio Fortuna und die schon erwähnte Lady Muscles sein, die mit der „7“ keine Glücksnummer gelost hat. Dennoch ist das Finale für die Lady machbar.

Haushoher Favorit ist Berlins Champion mit dem von Hans Joachim Tipke im niedersächsischen Heeslingen zwischen Hamburg und Bremen vorbereiteten Geronimo T (4. Vorlauf, 10. Rennen), auf den all jene Haus und Hof setzen werden, die bis dahin noch kein Los für die große Prämienausspielung ergattert haben. Eine Niederlage gegen Muscle Scott oder Guillaume Boko wäre eine handfeste Sensation und beraubte ihn auch eines guten Startplatzes im Finale: Dafür haben die Vorlaufsieger die erste Wahl.

Nicht selbst in den Wagen steigen wird Arnold Mollema, obwohl er weiß, wie Derbysiege gehen. Schließlich hat der Mann aus dem westfriesischen Sonnega das deutsche Derby bereits 2005 und 2015 mit den beiden Brüdern Unforgettable und Expo Express an seine Fahne geheftet. „Mit 66 Jahren fährt auch niemand Formel I“, so sein lapidarer Kommentar. Er vertraut seine Cracks dem deutschen Champion Michael Nimczyk an, der Dreambreaker im 1. Vorlauf (4. Rennen) genauso als Favoriten an die Hand nimmt wie sein holländischer Kollegen Hugo Langeweg Blackhawk in Qualifier 3 (8. Rennen). Der schwarze Habicht kann gleich testen, ob besagter Orlando Jet wirklich so gut ist wie der Ruf, der ihm vorauseilt, und auch Comanche Moon ist nicht aus der Sieg-Welt. Der wie Lady Muscles von Stig Johansson vorbereitete Fuchs stand beim ersten Besuch in Mariendorf noch ein wenig mit der Linienführung auf dem Kriegsfuß und legte zu Beginn der Zielgeraden - dort, wo es für ihn Richtung Stall ging - einige in Galopp mündende Sidesteps ein. Diese Flausen sollte ihm sein Lehrer inzwischen ausgetrieben haben.

Schampus für den Bahnrekord

Unmittelbar nachdem die Jungen ihre Pflicht vor der Derby-Kür erledigt haben, kommen gestandene Recken zu Wort. Charlie Mills, 1888 in Hamburg geboren, in Deutschland, Österreich und nach dem zweiten Weltkrieg in Frankreich mit immensen Erfolgen arbeitend und so etwas wie der erste Weltbürger des Trabrennsports, ist seit seinem Todesjahr 1972 ein Memorial gewidmet, das an 11. Stelle ausgetragen wird. Derbysieger Dream Magic BE vor Emporkömmling King of the World hieß es 2014, Vrai Lord vor Zorba Oldeson im Vorjahr. Dieses Quartett trifft nun um 20.000 Euro aufeinander, wofür allein Dream Magic BE etwas schwächere Form mitbringt.

Den Arrivierten in die Suppe spucken wollen Indio Corner, der kleine Kämpfer mit dem riesigen Herzen, und Othello Victory, der die Formel Sieg im Namen trägt. Österreichs Bester der Aufzucht 2011 ist nach einer fast komplett verpassten Vorjahrssaison auf bestem Weg, die großen Hoffnungen zu erfüllen. Hier hat er vor kurzem zwei exquisite Kostproben seines Könnens und am 3. Juli dem „unschlagbaren“ Stark Bi das Nachsehen gegeben. Da wackelt der Bahnrekord. Fallen die seit dem 5. August 2007 in Stein gemeißelten 1:11,9 des eisernen Gustav Diamant, darf die siegreiche Equipe zur Feier des Tages eine Neun-Liter-Flasche Champagner köpfen, die dafür ausgelobt wurde.

Diese Pferde sehen wir vorn:

1. Noisinbigdance – Silence – Esprit Idzarda

2. Ultras As – Jasmin Bo – Sister Act

3. Pretty Lover – Arlanza – Unstoppable

4. Dreambreaker – Mr Shorty – Gigant Greenwood

5. Sugababe Diamant – Vasco As – Falco – Yatagan Love

6. Fiobano – Guccio Fortuna – Lady Muscles

7. Dania Hornline – Jacaranda – Alberta Simoni

8. Blackhawk – Comanche Moon – Orlando Jet

9. Soccer – Fox Dragon – Merana

10. Geronimo T – Muscle Scott – Hofnarr

11. King of the World – Zorba Oldeson – Vrai Lord – Indio Corner

12  Rambo Columbus – Vanessa Paradis – Crowley

13. Aggetto – Barolo SL – Beautiful Yankee – Evita Viking

14. Mighty Hanover – Ontheway Diamant – Nikkei