Derby-Woche in Berlin - Mariendorf 2015: Einmal werden wir noch wach

Es ist wie beim Adventskalender: Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Derby-Tag. In diesem Jahr um einen Renntag ausgebaut, geht es schnurstracks auf jene ganz großen Entscheidungen zu, die der Derby-Woche, die ja längst keine Woche im eigentlichen Sinne mehr ist, ihren Namen gegeben hat.

Am Tag vor dem „Derby-Day“ wird seit nunmehr 26 Jahren das an den havelländischen Traberzüchter und ehemaligen Mariendorfer Funktionär erinnernde Arthur-Knauer-Rennen ausgetragen. Das Stuten-Derby für all jene dreijährigen Traber-Ladys, die es nicht wagen, um den großen Pokal gegen das starke Geschlecht anzutreten. Wobei 95.022 Euro, um die sich zwölf Damen, die sich vor einer Woche über vier Vorläufe qualifiziert haben, streiten werden, auch nicht gerade Geld aus der Portokasse sind.

Eine Stute hat sich heuer nicht ins große Kräftemessen mit den 2012 geborenen Hengsten und Wallachen gewagt, so dass am Samstag im 11. Rennen gegen 17.12 Uhr tatsächlich die Krönung der Traber-Königin jener Generation stattfindet, an der eine von Hause aus nicht teilnehmen konnte, der - von Laien wie Experten ziemlich unbestritten - diese Ehre gebührt hätte: Global Fun.

Es sagt sich für und über einen Spitzensportler immer so leicht: „Nun muss man (oder Pferd) nur noch gesund und in Form bleiben.“ Die Stute aus dem Lot der seit fast vierzig Jahren als Besitzerin und Züchterin enorm engagierten Ex-Berlinerin Marion Jauß, die das Stuten-Derby als Besitzerin bereits viermal und damit so oft wie niemand anders gewonnen hat, verletzte sich kurz vor der Starterangabe zu den Vorläufen und musste passen.

Ganz neu gemischt wurden die Karten dadurch zunächst nicht, denn die Rangliste dahinter stand auf mehr oder weniger festen Füßen - bis vor einer Woche das Blatt auf den Tisch zu legen war. Die vier Vorläufe brachten bis auf den Ausfall von Berlins größter Hoffnung April Love, die sich nun im Trostlauf mit 5.000 Euro Prämie wenigstens ein wenig Satisfaktion für ihr maßloses Pech holen will (6. Rennen, 15.08 Uhr), nur in der Art und Weise, wie sich das Dutzend wilder Ladys fürs Finale qualifizierte, kleinere Überraschungen.

Die vermeintliche Kronprinzessin Georgeous Love (Foto) musste trotz idealen Rennverlaufs am Ende mächtig zittern, bis der Sieg gegen die zudringliche Raspberry Diamant in die Scheuer gebracht war. Fygi Bros gar wurde ruckzuck rechts liegen gelassen, als die im Süden Berlins von Maik Esper für den  holländischen Stall Dragon Trotters vorbereitete Flori Dragon kurz und knackig antrat. Gerade sie, die fast drei Monate wegen einer Verletzung keine Rennen hatte bestreiten können, könnte die Rangliste mit diesem Rennen im Bauch gründlich umkrempeln. Indira Bo genoss in ihrer gewonnenen Ausscheidung nicht einmal Favoritenehren. Janske, die überlegenste alle vier Vorlauf-Siegerinnen, stand nach dem Patzer von April Love allein auf weiter Flur und muss nun beweisen, was dieser Sieg wert ist. Fragen über Fragen in einem ausgeglichen wie selten zuvor bestückten Stuten-Derby, das taktische Finessen der Fahrer, Rasanz und Spannung bis zum letzten Meter erwarten lässt.

Dort, wo die dreijährigen Traberdamen und -herren jetzt stehen, wollen jene zwölf Zweijährigen hin, die sich im Auktionsrennen (7. Rennen, 15.32 Uhr) um 50.000 Euro streiten. Sie alle gehörten zu jenem 78-köpfigen Lot, das vor einem Jahr auf der Jährlingsauktion, die heute erneut im Anschluss ans letzte Rennen vor der offenen Endellschen Tribüne abgehalten wird, zu ersteigern war und nehmen allesamt zum erstmals um Geld die Hufe in die Hand. Es ist die erste Prüfung in Deutschland für den jüngsten rennfähigen Jahrgang überhaupt. In ihr wird der trabende Beweis angetreten, dass Gutes nicht unbedingt teuer sein muss. Die Spanne, in der das saubere Dutzend vor einem Jahr verauktioniert wurde, reicht von 2.000 Euro für die Stute Opportunity, die damit eine wirklich günstige Gelegenheit war, bis zu 15.000 Euro, für die der Hammer bei First Boy fiel. Die Favoriten Dandy As, ein Vollbruder des Auktionsrennen-Siegers 2013 Dabano As’, Dreammaker, Danedream und Miles United waren 2014 zwischen 3.500 und 10.000 Euro zu haben.

Gleicht die Suche nach dem Sieger bei den unerfahrenen Jungspunden der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, so gilt das nicht minder im an den am 12. Juli 1999 tödlich verunglückten Gottlieb Jauß erinnernden Memorial (10. Rennen, 16.44 Uhr), obwohl es sich dort um gestandene Traber handelt. El Salvador und Rock About aus den Niederlanden, Donna Kievitshof für Berlin, Abano H, Rapido OK, Wild Viking für Bayern, Montecore Mo für den norddeutschen, Pasi di Girifalco für den westdeutschen Raum sind allesamt sturmerprobte Kämpen mit immensen Meriten. Wo soll man in diesem wohl bestückten Reigen die Österreicherin Fleur de Lee Venus einordnen, die sich erstmals in die Fremde wagt und dafür mit 36 Siegen aus 52 Starts ein vorzügliches Visum vorlegt?

Unmittelbar vor der Jährlingsauktion, auf der unter den avisierten 78 Pferden der 2014er Aufzucht - siehe oben - für jeden Geldbeutel etwas dabei sein dürfte, kommt über die Meile der Tipp des Tages an den Ablauf. Der vierjährige William Scott ist erst in diesem Jahr von der Traber-Muse wach geküsst worden, hat fünf seiner neun Starts mit einem Besuch im Winner Circle beendet und ist eines der vielen beredten Beispiele, die Flinte nicht gleich ins Korn zu werfen, wenn es in jungen Jahren nicht so läuft wie erhofft. Er sollte sich die 14. und letzte Prüfung nicht nehmen lassen. Eine ähnliche Aufgabe hat er vor vier Wochen mit Hurra gelöst.

Diese Pferde sehen wir vorn:

  1. Capt Morgan H – Lighten up Today – Millions Boy

   2. For Sale – Dunaden – Enrico Hanseatic

   3. Indio Corner – Richelieu Bi – SJs Junior C – Premiere de Mai

   4. Oberst – Luminara – Trible Laser

  5. Stan Libuda – Ufo de Valle – Disney As

  6. April Love  – Ivy Corner – Secret Honey

  7. Dandy As – Dreammaker – Danedream

  8. Eye of the tiger  – Soccer – Dincasue Heikant

  9. Udina Way – Molto Bene H – Flash of Genius

10. El Salvador  – Montecore Mo – Rock About

11. Georgeous Love – Raspberry Diamant – Indira Bo – Flori Dragon

12. Finale zum Handicap „de luxe“

13. Finale zum Derbykampf der Geschlechter

14. William Scott – Cato van Egmont – Wirbelwind

Foto von Marius Schwarz