Derby-Woche Berlin - Mariendorf 2015: Tag der Außenseiter

Berlin-Mariendorf, Samstag, 25. Juli 2015 Die prognostizierten Unwetter blieben aus - von wenigen kräftigen Windböen mal abgesehen. Dafür schlug der Blitz ziemlich häufig an der Totalisator-Front ein und ließ die Mehrzahl der Wetter mit einem Donnergrollen von dannen ziehen - und einige Wenige mit prall gefüllten Taschen.

Spitze des Eisbergs waren jene 1245:10, für die Magic Life Diamant und Thomas Hierl sämtlichen Favoriten aus der Frontlage eine Nase drehten und dem Veranstalter drei Jackpots auf einen Streich bescherten: Zweier-, Dreier- und Viererwette waren mit Yugo auf Rang zwei (326) vor Ivalo (275) und Global Player (228) in einem rasanten Finish, das in sieben Spuren über die gesamte Breite des Geläufs ausgetragen wurde, von niemandem zu erahnen - drei Jackpots werden das Salz in einer der Wetter-Suppen der nächsten Tage sein.

Weltrekordler am Start gestolpert

Nächster Knaller war der genauso haarscharf herausgerittene Triumph von Lea Ahokas im Derby-Monté um 20.000 Euro, das sich die Mariendorfer 2013 zum 100. Geburtstag spendiert hatten und das zum ersten Mal nicht in französische Hände ging. Nicht einmal das Umfeld der 22jährigen, der Stall Lauvenburg der Familie Gentz, hatte mit dem Coup des 501-Außenseiters Greenspan gerechnet, der als Novize dieser Disziplin antrat und die Etablierten das Fürchten lehrte: „In der Arbeit war er unterm Sattel ganz gut, aber was er wirklich kann, muss das Rennen zeigen“, hieß es vorher, und nach vollbrachter Tat: „Nach diesem Donnerschlag wird er wohl demnächst mal in Frankreich unterm Sattel antreten.“ Dass der unerwartete Triumph nicht nur durch die Startgaloppade des haushohen Favoriten und Weltrekordlers Valdenburg zustande kam, der dabei rund 40 Meter verlor und die Partie dennoch im Finish fast noch umgebogen hätte - auch Greenspan leistete sich in der ersten Biege einige Galoppsprünge, die aber kaum Boden und schon gar keine Position kosteten -, erhellt aus der Tatsache, dass der Sohn der einst erfolgreich in Berlin gelaufenen Gravität mit 1:13,2 nicht weit über dem Rennrekord landete, den der damalige Weltrekordler Prince de Montfort bei der Premiere auf 1:13,0 gesetzt hatte. Mit Armando Kievitshof schlugen die kecke Lea und ihr vierbeiniger Partner immerhin den deutscher Rekordträger dieses Gewerbes aus dem Feld - und der war als Einziger der großen Drei ohne Galoppeinlage ausgekommen.

Fragezeichen nach den Vorläufen

Das mehr oder weniger große Favoritensterben machte vor den vier Vorläufen zum Arthur-Knauer-Rennen keinen Halt, die ja eigentlich für Klarheit sorgen sollten für das in einer Woche anstehende Finale. Das erscheint offener denn je. Kronprinzessin Georgeous Love, nach der verletzungsbedingten Absage der am Tag der Starterangabe gar nicht erst gemeldeten Global Fun die Vorab-Favoritin aufs Blaue Band der Stuten, gewann zwar ihren Vorlauf als 17:10-Gemeinte - aber wie! Es war ein Zittern und Zagen, als die aus ihrem Windschatten freikommende Raspberry Diamant unerschrocken angriff, kräftig am Thron sägte und nur um Haaresbreite das Nachsehen hatte, wie der Blick aufs Zielfoto offenbarte. „Robin Bakker hat mich kampflos in Front gelassen - da musste ich ihm fairerweise die Chance auf Platz zwei geben und bin zum Schluss ein bisschen weggefahren“, gab Rob de Vlieger zu Protokoll. Eine in Fahrerkreisen durchaus übliche Geste, die gegen die muntere „Himbeere“ beinahe schiefgegangen wäre.

Gewarnt hätte er allerdings sein sollen, denn in  Vorlauf 1 geschah genau das: Hinter der „gesetzten“ Fygi Bros lauerte Maik Esper auf seine Chance, die kam, als die hoch angesungene Terrific Pick zu Beginn der Zielgeraden nicht mehr konnte. Auf die Überholspur wechseln und leicht und locker vorbeisegeln war eine fließende Bewegung der Flori Dragon, die krankheitsbedingt drei Monate keine Rennen hatte bestreiten können und von der ihr Trainer selbst nicht so genau wusste, wo sie stand. Den Berliner Fischzug machte Thorsten Tietz, der ansonsten nach dem goldnen gestrigen einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, mit Beltaine perfekt. Die Stute aus Jean-Pierre Dubois’ Imperium holte sich bei ihrem zweiten Auftritt überhaupt als Dritte die Eintrittskarte fürs Finale.

Wurden diese Eliminations in 1:15,1 abgewickelt, so stoppten die Uhren für die beiden übrigen Siegerinnen bei 1:15,5. Indira Bo, vom Veranstalter zwar gesetzt, vom Wettvolk jedoch lediglich als Nummer drei auserkoren - wohl auch, weil in dieser Saison noch sieglos - fegte diesen kleinen Makel resolut beiseite. Ihre Stärke ist der Turbo-Antritt - ruckzuck schoss Roland Hülskath mit ihr in Front, durfte zwischendurch ungestört ein bummeln, blickte das eine oder andere Mal fragend zurück „ohne Zorn“, warum ihn niemand attackiere, und fuhr zu einem Zwei-Längen-Sieg ab, den der Zielrichter als überlegen einstufte.

Dies Rezept hatte sich Erwin Bot offenbar ganz genau angesehen und kopierte es aufs I-Tüpfelchen. Mit Janske durfte er es unterwegs sogar noch ein bisschen gemütlicher angehen lassen, und als nach 1100 Metern die hervorragend postierte „gesetzte“ April Love ohne ersichtlichen Grund galoppierte und Jorma Oikarinen mitsamt seiner immensen Berliner Anhängerschar in ein Tal der Tränen stürzte, war der Weg endgültig geebnet für die Tochter des doppelten Prix-d’Amérique-Siegers Offshore Dream. Als ihr Bot im Einlauf den Kopf freigab, war’s um den Rest gründlich geschehen. Sie war die überraschendste und souveränste Vorlaufsiegerin. 

Der Wettfreude des Publikums taten die unerwarteten Ergebnisse - eingeläutet hatten den Renntag Ripasso SL und Thorsten Petsch für 82:10, beendet Sophie Menoud und Victor Gentz für 216:10 - keinen Abbruch - im Gegenteil: Mit 282.188,43 Euro wurde das Vorjahrsergebnis um rund 15 Prozent übertroffen.

Umsatz bei 14 Rennen: 282.188,43 Euro (incl. 166.298,53 Euro Außenumsatz)