Derby-Woche Berlin-Mariendorf 2015: Rennberichte vom Donnerstag

Berlin-Mariendorf, Donnerstag, 30. Juli 2015.  Auf die Ehrentafel der nur Fahrern mit deutscher Lizenz vorbehaltenen Deutschen Amateurmeisterschaft zu Hamburg und der 1997 (noch als Derby-Pokal der Amateure) ins Leben gerufenen Internationalen Derby-Meisterschaft der Amateure, die auch Hobbyfahrern mit ausländischen Fahrausweisen offen steht, haben es schon einige geschafft: Marion Jauß, Werner Schnieder, Alfred Winzig beispielsweise. Dass ein Team die beiden bedeutendsten Amateurfahren hierzulande sozusagen in einem Aufwasch - wobei dies nach dem Wolkenbruch, der kurz zuvor über der Derbybahn niedergegangen war, durchaus wörtlich zu nehmen ist - in einem Kalenderjahr an seine Fahne heften konnte, ist ein Husarenstück, das erstmals Stark Bi und seiner dreckverkrusteten, gleichwohl übers ganze Gesicht strahlenden Steuerfrau Dr. Marie Lindinger an diesem vierten Tag des Derby-Meetings gelang, an dem traditionell die Amateure im Mittelpunkt standen.

Bereits im Vorlauf war der gar nicht so kleine Italiener, den seine österreichischen Besitzer Margarete und Walter Bauer erworben hatten, weil ihnen der Italien-affine Trainer Rudolf Haller dringend dazu geraten hatte („Ihr  müsst mal ’n bisschen Geld locker machen - ich hab hier einen für euch!“), eine Klasse für sich, kontrollierte das Feld durch die Außenspur und verabschiedete sich auf der Zielgeraden lockeren Schrittes. Wobei er seinen Landsmann Samir, mit dem Thomas Royer liiert war, zum Ehrenplatz mitzog.

Eben dieser Hotelier aus der österreichischen Dachstein-Region, seines Zeichens Titelverteidiger und bei seinen wenigen Berlin-Einsätzen auf hohem Niveau mit einem geradezu unglaublichen Sieg-Quotienten gesegnet, hatte seinen Claim bereits unmittelbar zuvor abgesteckt und mit dem gleichfalls südlich der Alpen zur Welt gekommenen Samovar As die Vorlauf-Pflicht vor der Final-Kür nicht minder souverän beherrscht.

Vorlauf Nummer drei für all jene Gewinnsummen-Schwergewichte, die im Endlauf 20 bzw. 40 Meter mehr als der Rest zu bewältigen hatten, ging an ein Paar, das in diesem Rennen Stammgast ist und damit beweist, wie lange bei gezieltem Einsatz ein Traber Leistungen auf höchstem Niveau abzurufen in der Lage ist: RC Gallent Image und sein ambitionierter Besitzer Peter Platzer waren erstmals in dieser Meisterschaft 2012 angetreten, wobei der in den USA geborene Hengst im Vorlauf den Ehrenplatz belegte. 2013 wie 2014 war das Duo erneut präsent und siegte jeweils in der „Qualifikation“. Nur mit einem guten Abschneiden im Finale wollte es partout nicht klappen, und auch 2015 hieß es: „Same procedure as every year!“ Wobei das diesmal von vornherein klar schien, denn das Handicap der Mehrarbeit war auf die vorderen Chargen einfach nicht wettzumachen - da nützte auch ein Blitzstart aus dem Schlussband nichts, der den Achtjährigen sofort ins Mittelfeld katapultierte.

Wie vom Katapult geschossen legte nämlich auch Samovar As los, für den sich Royer entschieden hatte und die Steuerung von Samir an Christoph Pellander übergeben hatte. „Tempo, Tempo, Tempo“ lautete fortan die Devise des 36jährigen, der der Konkurrenz damit kaum Zeit zum Luftholen ließ. Nach einer Runde hatte sein unmittelbarer Verfolger Silver Surfer auf dem glitschigen Geläuf ausgesurft. Zeit für Marie Lindinger, ihrem Stark Bi aus dem Mittelfeld den Laufpass zu geben, sollte gegen den munter sein Süppchen köchelnden Samovar As noch was gehen. Mitte der Zielgeraden wendete sich das Blatt - erst allmählich, dann immer deutlicher. Am Ziel waren es 1½ Längen, mit denen das starke Team - wie in der gleichnamigen Krimiserie aus Männlein und Weiblein bestehend - den Flüchtling dingfest gemacht hatte. Samir, der sich durchweg Stark Bi als „Leithammel“ genommen hatte, fuhr damit ideal - ein gut’ Stück zurück auf Rang drei. Womit die Stockerl-Plätze sämtlich von Hengsten okkupiert wurden, die 2011 in Italien das Licht der Traberwelt erblickt hatten.

„Ich musste eigentlich gar nichts tun - er lässt sich ideal fahren, weiß, was er wann zu tun hat und rennt immer weiter“, strahlte die Tierärztin, für die dies die Siege Nummer 639 und 640 ihrer erst im Mai 2000 begonnenen Karriere waren. Dabei war sie viermal mit Stark Bi unterwegs und nahm ebenso oft den Rückweg in den Stall über den Umweg einer Ehrenrunde. Für den auf der nach dem Gestüt Orsi Mangelli berühmtesten Zuchtstätte Italiens der Familie Biasuzzi geborenen Braunen war der Finallauf erst der 16. Start seiner im norditalienischen Triest mit den Plätzen vier und zwei recht unscheinbar begonnenen Vita, von denen er nun neun gewonnen hat. Weitergehen wird die Traumreise für das Dream-Team wohl vorerst nicht, wie Rudi Haller verriet: „Er hat im Amateurbereich auf längere Sicht keine lukrativen Engagements. Gut möglich, dass wir unsere Fühler mit ihm mal nach Frankreich ausstrecken.“

In ein Berliner Quartier wanderte der Trostlauf. Die blutjunge Linda Matzky, mit It’s Amazing im Vorlauf an der eigenen, zu offensiven Taktik gescheitert, wie sie selbstkritisch zugab, machte bei der Zweitauflage erst auf den letzten 600 Metern aus dem Hintertreffen des auf fünf Teilnehmer geschrumpften Feldes Dampf und fuhr damit goldrichtig. Kurz vorm Ziel hatte sie Tempomacher Let’s goes Champ am Schlafittchen. Der trabte auf den letzten 50 Metern eines Champs unwürdig, nämlich nicht mehr „glockenrein“ und musste nicht nur den Familientraber der Matzkys vor sich anerkennen, sondern verlor zu allem Überfluss die hochverdiente zweite Prämie per „blauer Karte“.

Nicht hergeben musste der seit drei Jahren als Deckhengst eingesetzte Gustav Diamant seinen Bahnrekord, den er seit dem 5. August 2007 mit 1:11,9 eisern hält. Bei noch trockenen Bedingungen - der Wolkenbruch ging 40 Minuten später nieder - rang der alte Recke Top of the Rocks im Derby-Pokal der Flieger über die Meile Tempobolzerin Edina mit Mühe und Not nieder, schaffte seinen ersten Saisonsieg und machte einen kräftigen Schritt Richtung 200.000-Euro-Einkommensgrenze - nach dem 33. Volltreffer steht das Konto des Distanzspezialisten bei 196.672 Euro -, doch waren nach einem langsamen zweiten Abschnitt eben nicht mehr als 1:12,8 drin. Den nächsten Anlauf unternimmt der Hengst am Sonntag in der Rekordmeile, wo er um einiges stärkere Rivalen vor der Brust hat.

Es heißt ja, am Ende des Regenbogens sei ein Schatz zu finden. Gar ein wunderschönes, weil doppelt ausgefertigtes Naturschauspiel bekamen die Bahnbesucher nach Abklingen des Regengusses zu sehen. Wenngleich es nicht gerade ein üppiger Goldschatz war, den das Team des BTV schürfte, so konnte sich doch auch der Umsatz des Donnerstags im Vergleich zum Vorjahr sehr wohl sehen lassen: Mit 310.208,61 Euro hatten Totokassen oder virtuelle Wettkonten rund sieben Prozent mehr als 2014 zu bewältigen, womit nach drei Tagen (den PMU-Freitag ausgenommen) ein Wett-Plus von rund 100.000 Euro in den Büchern steht.

Umsatz bei 13 Rennen: 310.208,61 Euro (incl. 147.211,30  Euro Außenumsatz)

Foto von Marius Schwarz