CHIO Aachen 2014: Zum Auftakt versprechen die Voltigierer Gänsehaut-Gefühl

 

 Welch ein Starterfeld beim diesjährigen CHIO Aachen! Nicht nur im Springen und der Dressur, auch beim Preis der Sparkasse der Voltigierer ist die absolute Weltelite in der Soers am Start und verspricht ein nie dagewesenes Erlebnis. 48 Einzelvoltigierer, 57 Pferde, zwölf Pas-de-Deux und 13 Teams messen sich in der ehrwürdigen Albert-Vahle-Halle. Die Athleten kommen aus 18 Ländern – damit führt das Voltigieren in puncto Nationenvielfallt in diesem Jahr im internen Ranking vor allen anderen CHIO-Disziplinen.

 Doch nicht nur mit Quantität, sondern vor allem auch mit Qualität kann das fantastische Teilnehmerfeld überzeugen. Vor allem bei den Damen kommt es zu einer Art vorgezogenem WM-Showdown. Alle Favoriten für die diesjährigen Weltreiterspiele in der Normandie geben sich in Aachen die Ehre. Darunter CHIO-Seriensiegerin Joanne Eccles aus Großbritannien mit WH Bentley, die seit 2009 das Abo auf den Sieg gebucht hat. Aber auch Gesamt-Weltcup-Siegerin Anna Cavallaro aus Italien mit Harley, Europameisterin Rikke Laumann aus Dänemark mit Ghost Alvarvad Z und die Schweizer Top-Athletin Simone Jäiser mit Luk werden im Zirkel erwartet. Was diese Amazonen verbindet: Sie wurden in diesem Jahr allesamt noch nicht von einer deutschen Pferdeakrobatin bezwungen. Das soll sich nach Wunsch von Bundestrainerin Ulla Ramge natürlich ändern, die ihre vier besten Schützlinge ins Rennen schickt. Größte Hoffnung auf Seiten der Gastgeber-Nation ist aktuell Corinna Knauf. Der Stern der 21-jährigen Kölnerin ging exakt vor einem Jahr beim CHIO in Aachen auf. Mittlerweile ist sie nationale Championesse sowie Deutschlands Nummer eins und will mit ihrer zehnjährigen Westfalen-Stute Fabiola ganz hoch hinaus. Die weiteren deutschen Damen heißen Theresa-Sophie Bresch (Tübingen), Christine Kuhirt (Bochum) und Kristina Boe (Hamburg) – und sind allesamt nicht nur auf dem Pferderücken eine Attraktion. Hoch gehandelt wird auch „Salto-Queen“ Lisa Wild aus Österreich. Die 19-jährige Salzburgerin verblüffte die Voltigierszene bei der Weltmeisterschaft in Le Mans im Jahr 2012, bei der sie als erste Athletin bei einem Wettkampf einen Salto auf dem Pferderücken zeigte. Mehr als nur eine Geheimfavoritin ist Mary McCormick. Die 31-jährige „American Woman“ aus Kalifornien flog für die anstehenden Weltreiterspiele sogar ihr eigenes Pferd Palatine ein (im Voltigieren nicht unbedingt üblich) und bestreitet in Aachen nun den ersten Test auf europäischem Boden.

 Auch bei den Herren ist die Hautevolee der Szene vertreten. Vorjahres-Sieger Erik Oese aus Moritzburg bei Dresden bekommt es unter anderem mit dem französischen Ausnahme-Könner Jacques Ferrari zu tun, der den Deutschen im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften knapp geschlagen hat und als amtierender kontinentaler Champion anreist. Ebenfalls in hervorragender Form zeigte sich zuletzt der Wiener Stefan Csandl, der CHIO-Sieger von 2012. Für einen ganz großen Coup könnte jedoch einer sorgen, der erst vor wenigen Wochen aufgrund fehlender Top-Ergebnisse aus dem Bundes-A- in den B-Kader degradiert worden war. Sportsoldat Viktor Brüsewitz, der seit 2009 der obersten deutschen Elite angehört hatte, zeigte sich überrascht: „Ich habe das schon so aufgefasst, dass das Vertrauen in mich nicht mehr da ist.“

 Seine Antwort jedoch war furios: Der Mann aus Garbsen wechselte auf den neunjährigen Hannoveraner-Wallach Highlander, das Pferd seiner Hamburger Bundeskader-Kollegin Kristina Boe, und überzeugte vor zwei Wochen beim internationalen Turnier in Krumke bei der direkten Qualifikationsstation für den CHIO auf ganzer Linie mit einem Start-Ziel-Sieg. Brüsewitz siegte in allen drei Umläufen und setzte sich im Endklassement mit über zwei Zehntel Punkten Abstand vor Oese. Nach eigenen Angaben sei er nun in Hinblick auf die weitere Saison und auf den CHIO etwas nervöser als vorher. „Ich habe jetzt eine Hausmarke gesetzt, an die ich natürlich anknüpfen möchte“, gab er zu Protokoll. In seiner Kür, die er zur Musik der Red-Bull-Breakdancer-Show „Flying Illusion“ choreografiert hat, glänzt er mit bislang in diesem Sport nie gesehenen Highlight. Ebenso wie sein Bruder Thomas Brüsewitz. Der 20-Jährige ist eines der größten Talente des deutschen Voltigiersports. Im letzten Jahr brach er sich im Nationenpreis das Wadenbein – nun ist er zurück und wird ebenfalls als einer der Favoriten gehandelt.

 In der Königsdisziplin des Teamwettbewerbs führt seit Jahren kein Weg am RSV Neuss-Grimlinghausen vorbei. Die Voltigierer um Meistertrainerin Jessica Schmitz sorgen derzeit in der internationalen Voltigierwelt für einen bisher selten dagewesenen Hype. Tausende Fans verfolgen den Saisonverlauf von Deutschlands Top-Mannschaft Nummer eins auf Facebook. Die statistische Datenbank des sozialen Netzwerks offenbart unglaubliche Zahlen. Ein kürzlich veröffentlichtes Foto sahen über 100.000 Nutzer. Doch nicht nur in der digitalen Welt beherrschen die Rheinländer das Geschehen. Nach Siegen in Belgien und Krumke sind sie der Top-Favorit auf WM-Gold. Mit Traumnoten von über neun Punkten gab es Lob von allen Seiten: Publikum, Bundestrainerteam – sogar die von Natur aus eher zurückhaltenden Richter ließen es sich nicht nehmen, das Kür-Spektakel zu den rockigen Elektro-Beats der britischen New-Prog-Band Muse persönlich zu kommentieren. „Ich hatte Gänsehaut pur“, sagte der Niederländer Rob de Bruin, der auch in Aachen am Richtertisch sitzen wird.

 Neuss wird diesmal im Übrigen nicht auf Routinier Arkansas, sondern auf dem neuen Vierbeiner Delia antreten. Die neunjährige Fuchsstute feiert Aachen-Premiere, ebenso wie Teammitglied Johannes Kay. „Ein Traum wird wahr, hier wollte ich schon immer mal turnen“, sagt der 19-Jährige. Auch Trainerin Schmitz freut sich auf die Rückkehr ins „Wohnzimmer“: „Aachen ist einfach das Größte. Es ist seit Jahren unser favorisierter Wettkampf.“

 Einziger kleinerer bitterer Beigeschmack anno 2014: Nicht alle Neusser Hauptkonkurrenten kommen – beziehungsweise trauen – sich nach Aachen. Die Top-Teams aus Österreich, der Schweiz und Frankreich sind nicht dabei, gehen dem frühen Vergleich mit Neuss in der WM-Saison offensichtlich aus dem Weg. „Was unsere Erfolgsaussichten angeht, ist das nun natürlich entspannter. Aber es ist schade, denn wir scheuen den Vergleich nicht“, sagt Schmitz. Eine kleine Rechnung könnten ihre Schützlinge aber dennoch begleichen. Beim Saisonauftakt in der Wüste Dohas stahlen den Neussern nämlich im März die Landesverbandskonkurrenten aus Köln-Dünnwald die Show mit dem Sieg beim ersten Voltigierturnier in der arabischen Welt. Die Mannschaft aus dem Verein des Schweizer Ex-Weltmeisters Patric Looser ist mit Holiday On Ice vermutlich der stärkste Konkurrent auf den CHIO-Triumph. Elf weitere Teams aus insgesamt zehn Nationen, darunter Brasilien und Südafrika, wollen ihre Außenseiterchancen nutzen.

 Spannend wird es zweifelsohne auch im Pas-de-Deux-Wettbewerb. Die Britinnen Joanne und Hannah Eccles, die 2012 und 2013 trumphierten, messen sich mit Deutschlands-Bundeskader-Duos, allen voran den Weltcup-Zweiten Pia Engelberty und Torben Jacobs aus Köln. Auch die Österreicher Stefan Csandl und Theresa Thiel, die Amerikanerinnen Cassidy und Kimerbly, die Hamburger Kristina Boe und Malte Möller sowie die Kölner Vereinskollegen Justin van Gerven und Gera Marie Grün wollen ein Wörtchen mitreden. Für die Deutschen Einzelstarter und Duos geht es nicht nur um einen gelungenen CHIO-Auftritt, sondern auch um die WM-Tickets nach Caen.

Foto von CHIO Aachen/ Daniel Kaiser: Joanne Eccles aus Großbritannien