Beliebt wie eh und je: Tina Hertel hat Geburtstag

 

Es war ordentlich voll in der kleinen Dorfstraße Anfang Mai. Die Autos aller Größen parkten vor dem Hertel-Hof in Börnicke bei Bernau und zeugten von der großen Beliebtheit der kleinen Frau. Die Gratulantenschar war sehenswert. Es erschienen die Großen und die Kleinen, die Wichtigen und die Unwichtigen, aber vor allem viele Freunde und Wegbegleiter. So ist das, wenn man in der Region beliebt und geachtet ist. Tina Hertel hat mit nunmehr einem halben Jahrhundert Herzlichkeit und Sportsgeist gezeigt, dass man nicht immer hinter einem Pferd zu sehen sein muss, um sich Gehör zu verschaffen. Dafür reicht bereits ihre Stimme, die markanter nicht sein könnte und jedem im Gedächtnis bleibt, der sie zum ersten Mal hört.

Wie jede Pferdefrau hat auch die Diplom-Agrar-Ingenieurin Tina Hertel keine Zeit – jedenfalls nicht für den Müßiggang. Ein Mann - Andreas (54 Jahre), zwei Söhne – Felix (28) und Florian (26) haben jedenfalls nicht viel von Ihr und sind selbst den halben oder ganzen Tag an oder auf Pferden beschäftigt. Mit ihrem kleinen Smart ist sie in der Woche und dem blauen Pferdetransporter am Wochenende gefühlte 25 Stunden täglich unterwegs.

Tina Hertel hat keine ganz typische Karriere in Sachen Pferdesport hinter sich. Erst mit zwölf Jahren wurde sie unwiederbringlich mit dem PV infiziert. Damals war sie noch mit ihren Eltern in Indien und schaute den Briten beim Reiten zu. Sie wollte das dann irgendwann auch mal probieren. An der Botschaftsschule waren nur sehr wenige Kinder und das Schuljahr deshalb kurz. Es blieb also genug Zeit, um das Reiten zu erlernen. Bis in den Himalaya ist sie auf dem Sattel gekommen, berichtet sie nicht ohne Stolz.

Nach ihrer Rückkehr in die DDR wollte sich das quirlige Mädchen weiter auspowern und suchte die sportliche Herausforderung. Diese fand sie vorübergehend im Turmspringen. Eine Verletzung beendete das nasse Engagement. Und es ging wieder zum Reiten. In der DDR war es nicht so einfach, in einen Reitverein zu kommen. Es gab zu viele Reiter und viel zu wenige Pferde. Da wurde nicht jeder genommen. Als Aufnahmeprüfung bekam sie damals die Aufgabe, auf ein Pferd im Galopp aufzuspringen. Die sportliche, durchtrainierte Tina meisterte diese Herausforderung und fortan stand ihr die halbe, sozialistische Welt des Reitsports offen.

Während des Studiums kam sie zu den Malchower Kleeblättern. Das war im Jahre 1982 und ist nun auch schon wieder über dreißig Jahre her. Noch heute ist sie dort Sportwart, trainiert Reitschüler und hilft, wo sie nur kann. Bei Reitertagen und Turnieren sieht man sie oft mit ihren Schützlingen den Parcours abgehen.

 

Als Reitlehrerin genießt Tina eine Menge Respekt in der Szene und wird gerne gebucht. Da geraten die privaten Pläne ein wenig in den Hintergrund. Aber Stillstand ist ihre Sache trotzdem nicht, wenn es um die eigenen Fähigkeiten geht. Sie trainiert oft und gerne bei Karsten Huck, um sich in Sachen Springsport fortzubilden. Natürlich will sie demnächst auch wieder auf S-Niveau in den Parcours. Die Landesmeisterin von 2004 wird bestimmt keinen Rost ansetzen, so wie es aussieht. Das gilt auch für die Dressur. Hier erhält sie Unterstützung von Trainerin Myriam Ortenberger, der hierzulande sehr viele Top-Reiter vertrauen. Tina bleibt also in Bewegung; für sich und für andere.

Dazu gehört auch der schon erwähnte RFV Kleeblatt Berlin, an den sie mehr als nur ihr Herz verloren hat. „Früher wollte ich von den jungen Menschen Leistung sehen – heute reicht es mir aus, wenn wir alle zusammen Spaß haben“, gibt sie zu und spielt damit auf die veränderten Rahmenbedingungen an, mit denen sie aber offensichtlich problemlos fertig wird. In Malchow sind ganze Generationen mit ihrem Zutun aufgewachsen und in den Sattel gekommen. Der Schulbetrieb ist ihr noch immer wichtig. Das nimmt man ihr ab, denn sie erzählt von den Kleeblättern mit sehr viel Gefühl und Wärme. Vielleicht liegt es daran, dass in Malchow eine sehr entspannte Atmosphäre herrscht, zu der auch Tina einen Beitrag leistet.

Die Kleeblätter inklusive Tina sind stolz auf ihren Verein und das auch noch zu Recht. Das Turnier dort ist derartig beliebt, dass die Vereinsmitglieder in jedem Jahr an ihre Grenzen stoßen. Aber wenn alles vorbei ist, sieht man Tina und ihre Mitstreiter zusammen mit einem Glas Sekt in der Hand und sich selbst feiern.

 

Aber das ist noch nicht alles im Leben der Tina Hertel. 1997 kaufte sie sich zusammen mit ihrem Mann Andreas den Hof in Börnicke. Der ist zwar nicht übermäßig groß, bietet aber zurzeit Platz für immerhin 17 Pferde. Die hat sie fast alle selber gezüchtet und will den ganzen Haufen möglichst auch noch in den Sport bringen. Ihre größten Hoffnungsträger sind die beiden Holsteiner Cartani's Flocon de Neige und Cordino's Allactaga. Aber auf der Anlage stehen noch mehr zukünftige Kracher herum, die bereits das Interesse des reitsportlichen Umlandes geweckt haben.

Und so bleibt Tina Hertel für sich und ihr ganz privates Leben eigentlich gar keine Zeit mehr. Den größten Teil des Tages verbringt sie auf oder neben dem Sattel und ist dabei glücklich und zufrieden. Und wer von Börnicke Richtung Bernau fährt, kann sie aus der Ferne sehen, wenn sie mit ihren Pferden arbeitet. Das wird sie bestimmt noch viele Jahre machen – mit viel Hingabe, Energie und einer ordentlichen Portion Humor, wie sie selbst zugibt.

Wer mehr über Tina Hertel erfahren will: reiten-bernau.de

Fotos von Jan-Pierre Habicht ©