Am Sonntag auf der Trabrennbahn in Berlin-Mariendorf: Interview mit Pierre Vercruysse

„Ich mache genau das, wovon ich mein Leben lang geträumt habe!“

Pierre Vercruysse gehört seit Langem zu den besten Trabrennfahrern Europas. Der 52-jährige Sportler, der in der Saison 2014 die fantastische Preisgeldsumme von 3,7 Millionen Euro erzielt hat, ist aus der französischen Top Ten nicht mehr wegzudenken. Am kommenden Sonntag (1. November / Beginn 15 Uhr) geht Pierre Vercruysse erstmalig in Mariendorf an den Start.

Wie hat alles damals für Sie angefangen?

„Mein Großvater und mein Vater waren in Belgien als Trabertrainer tätig. Meine Mutter entstammt einer Züchterfamilie aus der Normandie. Wenn ich gefragt werde, warum ich Sulkysportler geworden bin, sage ich immer schmunzelnd: Ich hatte ja eigentlich überhaupt gar keine andere Wahl! Meine ganze Kindheit drehte sich nur um Pferde und sonst nichts.“

Hinzu kommt, dass Sie quasi direkt neben der Rennbahn geboren wurden.

„Stimmt. Mein Elternhaus lag am Pariser Stadtrand in Saint Mandé. Das ist nur einen Steinwurf von der Rennbahn in Vincennes entfernt. Diese unmittelbare Nähe zu der weltberühmten Piste ist bis heute bestehen geblieben, denn ich lebe mit meiner in den USA aufgewachsenen Frau Lynda direkt in Boissy-Saint-Léger beim Trainingszentrum Grosbois, das in ganz Europa bekannt ist. Meine beiden Töchter sind schon außer Haus. Jessica ist 25 Jahre alt und studiert in Chicago an einer medizinischen Hochschule. Alexandra ist 23 und arbeitet in New York als Modedesignerin.“

Das macht einen Vater natürlich stolz. Aber auf Ihre eigene Jugendzeit können Sie ebenfalls selbstbewusst zurückblicken. Sie haben Ihr erstes Rennen schon als 16-jähriger Teenager gewonnen.

„Das war im Juni 1979 auf der Bahn in Graignes mit dem Hengst Kyslavo während meiner Ausbildungszeit bei Pierre-Désiré Allaire – dem Vater von Philippe Allaire. Ich schaue sehr gerne auf diese Jahre zurück. Nicht nur, weil sie eine hervorragende Basis für meine spätere berufliche Entwicklung gebildet haben, sondern weil alles unglaublich spannend war. Allaires Prix-d’Amérique-Sieg im Jahr 1978 mit Grandpré, seine Cracks wie Hillion Brillouard und Larabello – ich durfte alles hautnah miterleben.“

Mittlerweile stehen 1.858 Erfolge auf den französischen Bahnen für Sie zu Buche. Sie haben rund 50 Rennen in den USA und Kanada gewonnen und stiegen in allen europäischen Ländern und sogar in Australien auf ein Siegpodest. Im Juni 2013 wurden Sie Weltmeister. Was war denn Ihr schönster Triumph?

„Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Jeder Sulkyfahrer wird mir da zustimmen, denn jeder bedeutende Sieg gehört in eine bestimmte persönliche Lebensepoche und ist mit vielen Erinnerungen verknüpft. Aber wenn ich einen Erfolg besonders herausheben soll, dann ist es wohl der Triumph mit Renommée d’Obret in Italien im September 2011 beim Campionato Europeo auf der Bahn in Cesena.“ (Anmerkung der Redaktion: Ein Video des mit 235.600 Euro Preisgeld dotierten Race-Offs gegen Linda di Casei finden Sie hier).

Sie haben auch in Deutschland große Rennen gewonnen – zum Beispiel den mit 75.000 Euro Preisgeld dotierten Diebels-Cup im Oktober 2005 im Sulky des Fuchshengstes Uranus auf der Traberpiste Dinslaken. In Berlin haben Sie aber bisher noch nie an einem Rennen teilgenommen.

„Deswegen freue ich mich unheimlich, dass es endlich einmal klappt. In Deutschland habe ich außer Dinslaken ebenso die Bahnen in München, Hamburg, Gelsenkirchen und damals auch Recklinghausen kennengelernt. Auf Mariendorf bin ich nun mächtig gespannt. Ich habe in Frankreich immer viele terminliche Verpflichtungen – aber diesmal passt alles zeitlich perfekt!“

In Ihrem Heimatland genießt der Sulkysport einen herausragenden Stellenwert, den Sie in besonderem Maße verkörpern. Nicht nur, weil Sie im vergangenen Jahr bei Ihren Starts 3,7 Millionen Euro Preisgeld  erzielt haben, sondern weil Ihre Kollegen Sie zum offiziellen Sprecher aller französischer Trabrennfahrer gewählt haben.

„Das ehrt mich in der Tat sehr und ich hoffe, dem Vertrauen meiner Kollegen und Freunde stets gerecht zu werden.“

In dieser Funktion übernehmen Sie in der Öffentlichkeitsarbeit manchmal auch recht ungewöhnliche Aufgaben. Sie hatten zum Beispiel einmal mit einem Traber einen Auftritt bei einem Spiel der französischen Ligue 1 im Prinzenparkstadion und haben vor zehntausenden Fußballfans den symbolischen Anstoß durchgeführt.

„Ja, das war sehr witzig und hat Spaß gemacht! Ich freue mich immer sehr, wenn wir den Trabrennsport publikumswirksam darstellen können.“

Wobei Sie sich vom äußeren Erscheinungsbild her kaum zwischen den Athleten zu verstecken brauchten ...

„Na ja – man tut, was man kann. Ich jogge sehr viel und versuche immer, mein Gewicht zu halten. Ich liebe es, mich körperlich zu betätigen und ein totaler Fußballfan bin ich als überzeugter Anhänger von Paris Saint Germain sowieso.“

Sind es diese Auftritte in der Öffentlichkeit und das große Ansehen, die Ihren Beruf so reizvoll machen?

„Nein. Die Faszination beruht auf etwas anderem. Es sind die Pferde, die ich so sehr bewundere und denen ich unglaublich dankbar bin. All die vierbeinigen Helden: Sie verleihen mir die Chance, genau das zu machen, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe. Sie sind Champions, die bereit sind, alles für uns zu geben. Es ist wie ein einzigartiges herrliches Geschenk, das sie uns Menschen machen – Tag für Tag.“

Pierre, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen Hals und Bein für die Mariendorfer Rennen!