9. Kutschenrallye Werneuchen 2014: Der Abschied vom großen Spaß

 

 

 

Am vergangenen Samstag startete um 13.00 Uhr die 9. Werneuchener Kutschenrallye. Auf dem Fahrsportgelände der Familie Heinrich wurde bereits in den Wochen davor fleißig gewerkelt, gemäht und an den Tagen vor der Rallye noch einen Schlag mehr reingehauen. Schön sollte es werden und ländlich. Spaß sollte es machen und Eindruck. Das alles hat funktioniert.

 

Die Reit- und Fahrgemeinschaft Werneuchen hat alles richtig gemacht. Es kamen viele Besucher, die sogar dablieben, als es anfing zu regnen (über den Tag so in etwa fünfhundert). Außerdem starteten schlussendlich viele Gespanne (17), obwohl bis zum Nennungsschluss nur vier zugesagt hatten. Der Reiterhof von René Dahme aus Schönfeld rückte mit allem an, was Leinen halten konnte und von Leinen gesteuert werden wollte. Da war reichlich Nachwuchs am Start. Mal abgesehen davon ist René Dahme als Stimmungskanone ungefähr so unersetzbar wie der Jögi für den Fußball. Im Duett mit Nicole Heinrich wurde der Laden ordentlich aufgemischt.

 

Für die Kinder gab es eine faire Flatrate mit gigantischer Hüpfburg, Bimmelbahn, Kletterwand, Schminken und Luftballonknoten. Das Schwein am Spieß nahm schneller ab als Heidi Klum nach der Geburt ihrer Kinder. Und auch am zentralen Treffpunkt einer ländlichen Veranstaltung war bis in den Morgen hinein was los. Die Mannschaft im Bierwagen gab ihr Bestes.

Nun zur Hiobsbotschaft des Tages: Die Kutschenrallye fand in diesem Jahr zum letzten Mal statt. Um den Teilnehmern und vor allem Zuschauern ein attraktives Angebot machen zu können, dass gleichsam preislich erschwinglich ist, braucht man Geld – und das nicht wenig. Alleine die Piratenschiff-Hüpfburg kostet ohne Anlieferung beispielsweise 420 Euro. Das können die Einnahmen aus der Spaß-Flatrate und dem Verkauf von Getränken allein nicht kompensieren. Sponsoren sind rar und sollen hier (unabhängig von der Größe der Unterstützung) in beliebiger Reihenfolge genannt sein: Wellnessscheune am Markt, Kaffee Madlen, Annenhof, Reitsportfachgeschäft Neuenhagen, horseven, Physiotherapie Ailine Schmeller, Autoverwertung Maik Wiesenberg, Torsten Aßmann, Sparkasse Barnim, Reiterhof Heinrich, Christlich-Demokratische Union und natürlich der Steuerzahler über die Stadt Werneuchen; auch wenn der Beitrag der Kommune im Vergleich zu anderen Vereinen und Sporteinrichtungen der Stadt wieder mehr als mager ausgefallen ist.

 

Nach neun Jahren soll nun also Schluss sein. Die Kutschenrallye war so etwas wie eine Institution im Fahrsport in Berlin, Brandenburg und darüber hinaus geworden. Alle bekamen die Chance auf ihre Runden im Gelände. Niemand wurde ernsthaft disqualifiziert. Wer einen zweiten, dritten oder gar vierten Anlauf brauchte, konnte ihn selbstverständlich nehmen.

Es waren Turnierbedingungen für alle Altersklassen, alle Erfahrungslevel und vor allem für jeden Geldbeutel. Im Vordergrund stand nicht die Leistung oder der Sieg, nicht die Platzierung oder die Schleife, sondern der Spaß am gemeinsamen Erlebnis Fahrsport, dem Spaß am Umgang mit dem Partner Pferd. Alles wurde mehr oder weniger streng überwacht von der Richterin Hannelore Rassow, die sich zwischendurch von der guten Stimmung anstecken ließ und selbst im Takt der Musike mitwippte.

Zum - sagen wir mal - Sport: Drei Hauptwettbewerbe mussten gefahren werden. Nach dem Verkehrsgarten mit vielen Kegeln ging es zweimal ins Grüne – einmal ohne und einmal mit Kostüm.

 

Gottlob wurden die Ergebnisse für den Drive & Drive nicht bekanntgegeben. Wo da so mancher gelandet wäre... In diesem Jahr hatte das so fast gar nix mit Pferden zu tun. Es ging auf Stelzen in die eine Richtung. Das zum Teil jämmerliche Bild nach einem Absturz führte allerdings am Platzrand zu einigen Lachanfällen, auch wenn der Stelzenläufer vielleicht nicht so ganz damit einverstanden war… Der Rückweg hatte es im Parcours in sich. Eine Heurolle musste kopfüber bewegt werden; vor Anstrengung rote Köpfe inklusive. Bei allzu großen Schwächeanfällen kam meist schnell Hilfe aus dem Publikum oder von den Teams, sonst hätte womöglich die Batterie der Stoppuhr vorher den Geist aufgegeben.

 

Die Kutschenrallye ist für jedermann gedacht und so blieb es neun Jahre lang. Nicht umsonst gab es für den Letzten der Wertung noch eine große Torte – meist neben vielen anderen Sachpreisen…und flüssigen Lebensmitteln. Deshalb fand auch keine wirkliche Trennung in der Gesamtwertung zwischen großen und kleinen, dicken und dünnen oder einem und mehreren Pferden statt. Wer den Wanderpokal in seinen Händen hielt, durfte sich freuen.

 

Nun ist der Wanderpokal zum letzten Mal vergeben worden. Er ging in die Hände von Andreas „Bossi“ Boßdorf über, der ihn freudestrahlend entgegennahm. Kerstin „DalliDalli“ Dahlmann hatte mit „Birdie“ Firebird auf eine Wertung verzichtet. Die Sportsfrau fuhr mal wieder mit Dirk Belo als Hinterachsenpilot fernab von Gut und Böse im Stile einer Kreismeisterin im Landkreis MOL – und allen davon. Diesen Sportsgeist kann man nicht genug würdigen, denn selbst in Erwartung großer Ehren bleibt die Gespannführerin aus Münchehofe bescheiden und gönnt dem Rest den Erfolg. Klasse, DalliDalli!

 

 

 

 

 

Hinter dem Sieger reihte sich Ute Klopsteg (RFV Mehrow-Buch) ein vor Anne Scharmann, die ihren gescheckten „Skalli“ Skalfaxa im Motorraum platziert hatte. Den ersten von der anderen Seite machte Katrin aus Blankenfelde.

 

Die Kostümwertung für das zweite Hindernisfahren wurde in zwei Kategorien vergeben. Bei den Kindern setzte sich mit einem lauten MÄH Paula Schmidtchen durch, die als Shaun das Schaf angetreten war.

 

Die Erwachsenen hatten es etwas schwerer. Aber sie trumpften deutlich und sehenswert auf. Es siegte bei den Großen Dorle Wüstenhagen mit ihrem Biene-Maja-Thema. Sie hatte Lydi Kapey als Flip hinten drauf.

 

So mal ganz grundsätzlich gesehen, waren aber die beiden Kühe Betty und Heidi die heimlichen Stars der Kutschenrallye. Und wenn der Gang erstmal drin war, ging es auch fast elegant über die Plätze. Highlight des Tages war bestimmt das Gespann aus Kaltblutstute Molly und der Kuh Betty, die es mit dem Rest des Feldes aufnahmen. Den Beifall gab es obendrein. So etwas erlebt man selten und wenn, dann nur bei der Kutschenrallye. Auch das ist jetzt Geschichte.

 

René Dahme ergriff zum Ende der Siegerehrung noch einmal lautstark das Wort, nahm Nicole Heinrich in die Arme und hielt ein flammendes Plädoyer für den Erhalt der Kutschenrallye. Vielleicht müssen sich noch viel mehr Stimmen erheben, die ebenso laut und deutlich ihre Unterstützung kundtun. Es wäre verdammt schade, wenn diese Veranstaltung aussterben würde.

Aber der Tag war noch lange nicht zu Ende. Das Flutlichtfahren oder besser Fackelfahren fand in tiefster Dunkelheit statt. Die mit Knicklichtern und Lichterketten geschmückten Fuhrwerke waren meist nur schemenhaft zu erkennen. Man musste schon sehr genau hinschauen, um die Hindernisse vernünftig anpeilen zu können. Das gelang am besten Kerstin Dahlmann, die nun auch ohne Nachtsichtgerät die Meisterin im Dunkeltuten ist. Silber ging an Andreas Boßdorf mit Lena vor Anne Scharmann/Skalfaxa. Anne hätte eigentlich einen Sonderpreis für die beste Beleuchtung erhalten müssen. Doch es ging leider nur um Fehler und Zeit.

 

Was bleibt nun von der Kutschenrallye? Bestimmt manifestieren sich in den Köpfen der Beteiligten unglaublich viele Erinnerungen an tolle Kostüme, an erste Fahrten mit dem eigenen Gespann, an manchmal gruseliges Wetter und große Torten. Ausgelassener Spaß, die Hingabe für den Fahrsport, das gemeinsame Erlebnis lassen sich schlecht in Worte fassen. Es existieren tausende Bilder, Videos und zig Schleifen, die davon zeugen, was man erreichen kann, wenn man für den Fahrsport alles gibt. Wer jetzt in der eigenen Stallgalerie eine Schleife aus Werneuchen entdeckt, sollte sie in Ehren halten. Es wird keine neuen mehr geben und das ist traurig – sehr traurig.

 

Der Reit- und Fahrgemeinschaft Werneuchen kann man nur danken für den großen persönlichen Einsatz und neun Veranstaltungen mit Strahlkraft über die Region hinaus. Der Dank gilt aber nicht nur den Vereinsmitgliedern, sondern auch den FamilienangehörigenSponsorenUnterstützern, die halfen, wo es ging, anpackten, wo es notwendig war und die Werneuchener Kutschenrallye zu dem gemacht hatten, was es immer war: Ein ehrliches, sympathisches Volksfest und eine großartige Werbung für den Fahrsport.

Fotos von Jan-Pierre Habicht ©

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